Eltern auf den Barrikaden : Kreis Stormarn streicht Geld für behinderte Kinder

Für Kinder, die in Stormarn in heilpädagogischen Wohngruppen untergebracht sind, übernahm der Kreis bislang einen Großteil der Kosten.
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Für Kinder, die in Stormarn in heilpädagogischen Wohngruppen untergebracht sind, übernahm der Kreis bislang einen Großteil der Kosten.

Stormarner Eltern müssen teilweise 1000 Prozent mehr für die Förderung ihrer behinderten Kinder in Wohngruppen zahlen.

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04. Juli 2014, 06:00 Uhr

Bad Oldesloe | Behinderte Kinder benötigen besondere Aufmerksamkeit, damit sie eine Schulbildung genießen und angemessen am Leben teilnehmen können. Für Kinder, die in Stormarn in heilpädagogischen Wohngruppen untergebracht sind, übernahm der Kreis bislang einen Großteil der Kosten. Die Eltern beteiligten sich im Rahmen der „häuslichen Ersparnis“ – dem Betrag, der im Elternhaus gespart wird, weil das Kind nicht da ist – rund 300 Euro. Doch das soll nun ganz anders werden und hat die betroffenen Eltern auf die Barrikaden gehen lassen.

Schon die 300 Euro seien für manche Eltern eine finanzielle Belastung gewesen, „wurden aber gerne getragen, weil man dem Kind die bestmögliche Schulbildung bieten wollte und jede Chance später ein weitestgehend selbstständiges Leben zu führen“, so Volker Klein, Sprecher der Eltern. Aufgrund eines Gerichtsurteils aus Niedersachsen wird der Betrag nun nicht mehr nach der „häuslichen Ersparnis“ berechnet, sondern orientiert sich nach Einkommen und Vermögen der Eltern.

„Das bedeutet für manche von jetzt auf gleich eine Steigerung um 1000 Prozent“, so Klein, der den Kreis scharf angriff. Dass man sich an den Einkommensverhältnissen orientiere, klinge ja zunächst halbwegs gerecht, aber Klein rechnete vor, was es bedeutet. „Es wird mein Bruttogehalt herangezogen und die Altersvorsorge. Von 4500 Euro Brutto sollen nun also 2400 Euro für die Unterbringung gezahlt werden. Wir haben noch weitere Kinder. Wie sollen wir davon leben? Meine Familie fällt dadurch unter Hartz IV, und das nur, weil wir unserem behinderten Kind eine Zukunft bieten wollen“, so Klein aufgebracht.

Es gebe einen Unterschied zwischen „bestmöglicher Schulbildung“ und dem „Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, so Imke Colshorn, Leiterin des Fachbereich Soziales. In den Wohngruppen komme beides zusammen. Während das eine voll gefördert werden könne, sei das andere – je nach Individualfall – durch die Eltern mitzufinanzieren.

Den Vorwurf, dass die Anträge nicht richtig geprüft würden und die Bearbeitung ein halbes Jahr dauere, wies sie zurück. „Ich kenne meine Mitarbeiter, die gehen das sorgfältig durch. Wir fassen jeden einzelnen Fall an, analysieren die Aktenlage und erlassen dann einen Bescheid“, so Imke Colshorn. Dass es Verzögerungen gegeben habe, „tut mir leid, aber an der Personalsituation kann ich auch nichts ändern.“

Aktuell scheint das Tischtuch zwischen den Eltern und dem Kreis Stormarn zerschnitten zu sein. „Behinderung ist zwar das individuelle Schicksal jedes Betroffenen und seiner Familie, aber wir sind bisher davon ausgegangen, dass in unserem Staat die Sorge und Hilfe für Menschen mit Behinderungen im Rahmen der Solidarität als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen wird,“ sagte Klein im Namen der Eltern.

Die Betroffenen fordern eine Fortführung der bisherigen Praxis, Colshorn bat um Einzelgespräche. Man müsse wieder in den Dialog kommen. Allerdings macht sie wenig Hoffnung auf die alte Regelung: „Wir können aber jeden Fall prüfen, Härtefallregelungen treffen und vor allem erklären, wie die Berechnungen zustande kommen. Wir werden uns um individuelle Lösungen und Hilfen bemühen.“

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