Reinbek : Kreativität als Kraftquelle

Ursula Schwirzer und ihre Tochter Sabine vor einem Bild, das die Künstlerin in den 1970er Jahren von ihrer Tochter angefertigt hat.
Ursula Schwirzer und ihre Tochter Sabine vor einem Bild, das die Künstlerin in den 1970er Jahren von ihrer Tochter angefertigt hat.

Wie die 90-jährige Künstlerin Ursula Schwirzer über das Malen zurück ins Leben fand.

shz.de von
09. Dezember 2018, 14:56 Uhr

Reinbek | Der Blick aus ihrem Fenster hat es Ursula Schwirzer angetan: Bereits zwei Mal hat sie die zweistöckigen Wohnhäuser mit ihrer architektonisch klaren Linienführung von Dächern, Fensterfronten und Balkonen gemalt. „Ich habe immer meinen Lebensraum in Bildern festgehalten“, sagt die Berliner Künstlerin, die seit einem Dreivierteljahr in der Seniorenwohnanlage Kursana Villa Reinbek lebt. An den Wänden ihres Zimmers hängen eigene großformatige Großstadtszenen. Im Zentrum des Raumes steht eine Staffelei, an der die renommierte Malerin täglich arbeitet.

Nach dem Studium der Malerei in Halle war Ursula Schwirzer 1953 in ihre Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt und stellte das Lebensgefühl in der Großstadt ins Zentrum ihres Schaffens. Nach dem Mauerfall wurde sie zu einer bedeutenden Chronistin des Hauptstadt-Zeitgeistes: Ihre Bilder im Stil des Realismus zeigen in kühlen Farben die neue Architektur mit ihren Glasfassaden, Drehtüren und Rolltreppen. Die Menschen bleiben im anonymen urbanen Raum oft gesichtslos und sind rastlos in Bewegung. Selbst den Szenen in Cafés und Jazzclubs haftet etwas Flüchtiges an.

„Meine Mutter war häufig mit ihrer Kamera in Berlin unterwegs. Ich habe dann erlebt, wie sie ihre Fotografien mit einem Diaprojektor oder Beamer an die Wand ihres Ateliers geworfen und beim Malen kompositorisch weiterentwickelt hat“, erinnert sich Tochter Sabine Schwirzer, die ebenso wie ihre Mutter das Großstadtleben schätzt. Derzeit lebt sie allerdings in Reinbek und ist als Landschaftsplanerin in Hamburg tätig. Über ihre Umweltgutachten wirkt sie an der Gestaltung des städtischen Lebensraumes mit.

Ursula Schwirzer hat ihre Bilder in zahlreichen Ausstellungen präsentieren können und ist mit ihren Exponaten in internationalen Sammlungen genauso wie im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vertreten. „Der kreative Schaffensprozess hat mich mein Leben lang fasziniert und mir schon über viele Schicksalsschläge hinweggeholfen“, sagt Ursula Schwirzer.

Nach einem doppelten Beckenringbruch hat die Künstlerin Anfang dieses Jahres ihr Haus in Berlin-Zehlendorf aufgeben müssen. Um in der Nähe ihrer Tochter zu sein, zogen Ursula Schwirzer und ihr Mann in die Seniorenvilla nach Reinbek. „Anfangs ist meine Mutter hier nicht wieder auf die Beine gekommen“, sagt Sabine Schwirzer. „Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als ihr eine Staffelei mit einer leeren Leinwand ins Zimmer zu stellen. Tagelang tat sich nichts, aber dann habe ich erste zaghafte Bleistiftstriche auf der Leinwand entdeckt. Stück für Stück hat sie eines ihrer früheren Bilder abgemalt und in neuem Format gestaltet.“

Durch die konzentrierte Arbeit hat Ursula Schwirzer an die Intensität früherer Schaffensprozesse anknüpfen und ihre Kreativität als Kraftquelle neu entdecken können. Auch das Interesse der Mitarbeiter an ihren ersten Reinbeker Motiven hat der Seniorin gut getan. „Es gab sogar schon einen Interessenten, der das Bild kaufen wollte“, sagt sie schmunzelnd. „Ich bin dankbar, dass die Villa die Malerei meiner Mutter unterstützt“, sagt die Tochter. „Ich habe den Eindruck, dass sie dadurch täglich ein bisschen fitter wird.“ Sabine Schwirzer plant für den Februar 2019 eine Verkaufsausstellung mit Bildern ihrer Mutter.



>Infos dazu gibt es demnächst im Web auf www.ursula-schwirzer.de.

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