Kommentar-Kultur

pxx5

shz.de von
09. Juli 2015, 17:26 Uhr

„Dein verkackter Kommentar war natürlich nur ein Spaß, alles klar!“, singt Kraftklub-Sänger Felix Brummer in „Drei Schüsse in die Luft“ und weist auf ein Problem hin, das um sich greift. Die Sozialen Netzwerke scheinen viele Menschen zu überfordern und dazu zu führen, dass sie denken, sich in einem Raum ohne Regeln zu bewegen. Da wird schnell eine „Beleidigung“ zur „Meinung“ und ein Hinweis auf falsche Unterstellungen zur „Zensur“. Mit was sich mancher Veranstalter und ansonsten engagierte Mitbürger rumschlagen müssen, läuft im Prinzip oft unter Rufmord und wenn es nicht ganz so schlimm ist, bleibt oft zumindest „schlechter Stil“. Wer sich bei Twitter, Facebook und Co. digital bewegt, kommt nicht umhin über so manchen Mitmenschen auch aus der realen Nachbarschaft und sein Stammtischniveau, den Kopf zu schütteln. Ja, das dümmliche Gequatsche ohne Faktenwissen gab es wohl schon immer an den Stammtischen oder in Wohnzimmern, aber da musste die Öffentlichkeit, die in einem Wahn aus egoistischer Dreistheit komplett verloren gegangenen Empathie nicht ertragen. Das Schlimmste ist das Halbwissen, was zum Wissen gemacht wird: Fakten, die maximal aus Boulevardblättern und vom Hören-Sagen stammen, vermischt mit mangelnder Reflexion. Eine Kombination, die zu Bewegungen wie Pegida , dem Wiederbeleben von Nazi-Begriffen wie „Lügenpresse“ und ähnlichen gesellschaftlichen Bankrotterklärungen führt. Alle wissen irgendwie so ziemlich alles. Doch das vermeintlich „bessere Wissen“ und die angeblich so oft „konstruktiven Tipps“ auf dem Online-Weg enden in vielen Fällen nicht damit, dass Menschen sich real einbringen . Nein, sie bleiben lieber mit ihrem Smartphone auf dem Sofa. Sie haben ihre „Expertise“ der Welt ja schließlich bereits digital vor die Füße gespuckt – möge sie dankbar sein. Kürzlich sagte mir ein ehrenamtlicher Konzertveranstalter, er habe keine Lust mehr, Events zu veranstalten, weil er sich danach online mit grotesken Diskussionen herumschlagen müsse über Qualität, Konzept und Eintrittspreis. Und der Oldesloer Lokalpolitiker Hartmut Jokisch hat unlängst sein beliebtes, lokales Facebook-Diskussionsforum nach wiederholten rassistischen und beleidigenden Kommentaren geschlossen.

Bevor man also digitale Kanäle vermüllt, vielleicht lieber eine Veranstaltung besuchen und ausspannen. Zum Beispiel beim Mittelaltermarkt der Rollenspieler in Reinfeld morgen und übermorgen am Rathaus. Oder bei der „Together we are“ (heißt tatsächlich so) Party im Oldesloer Seh-Sie morgen Abend. Der Trittauer Fun-Parc lockt mit „My boyfriend is not in town...“ (heute) und dem selbstbewussten „Lieblingsclub“ (morgen) ab 22 Uhr. Livemusik ist am Wochenende im Kreis rar gesät. Aber in Lübecks „Treibsand“ sind morgen die Dark-Folker und Trashblueser von Delaney Davidson aus Neuseeland zu Gast. (20 Uhr)

>Song der Woche: Kraftklub „Drei Schüsse in die Luft.“

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen