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Smartphones und Computer : Kleinkinder am PC: Angriff auf die Kindheit

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Ahrensburger Diplom-Psychologin Maya A. Kersten warnt vor den Folgen der Smartphone- und Computernutzung schon bei Kleinkindern.

von
erstellt am 04.Feb.2015 | 06:00 Uhr

Ahrensburg | Das Lernen mit allen Sinnen funktionierte vor gar nicht langer Zeit noch ganz von allein. „Wir sind nach den Schule in den Wald gegangen, wo kein Erwachsener war und aufgepasst hat“, sagt Maya A. Kersten. Die Ahrensburger Diplom-Psychologin und Physiotherapeutin ist beruflich mit den Folgen von ständig zunehmenden Medienkonsum befasst.

„Früher sagte man, dass Kinder erst ab 14 Jahren am Computer arbeiten sollen, jetzt geht das bereits in der Grundschule los. Und es macht mir große Sorgen, wenn schon Dreijährige vor Lernspiele gesetzt werden“, sagt Maya Kersten. Ihr Thema ist die Entwicklung aller Sinne als Voraussetzung für Lernen überhaupt. Wo können Kinder denn heute noch alleine draußen klettern und balancieren und so ihre Sinne und Muskeln und damit auch ihre Selbstkompetenz schulen?“, fragt die 53-jährige Mutter.

Hubschrauber-Eltern werden Erziehungsberechtigte – oft Mütter – genannt, die ihren Kindern möglichst alles abnehmen, die Englischkurse für Dreijährige buchen, sich in der Kita beschweren, wenn die Kinder etwas spielen, bei dem sie nass oder dreckig werden, und Lernspiele kaufen. Dieser „Bildungsdruck“ sei vielleicht gut gemeint, er sei aber nicht nur bedenklich, sondern sogar kontraproduktiv, ist Maya A. Kersten überzeugt. Kinder bräuchten Lebens- und Freiräume, müssten all ihre Sinne ausprobieren können – im Matsch und mit anderen spielen, balancieren und auf Bäume klettern: „Das ist Voraussetzung für Kreativität. Dabei bekommt man die Werkzeuge, die man braucht. Es lässt sich später nicht mehr nachholen.“

Smartphones, Computer und Tablets würden nur zu einem „überstrapaziertem Seh- und Hörsinn und geschwächten Nahsinnen wie Gleichgewichts- und Tastsinn“ führen, so die Ahrensburgerin: „Ohne eine ausreichende Entwicklung aller Sinnessysteme kann auch schulisches Lernen nur bedingt gelingen. Je besser das Zusammenspiel aller Sinne funktioniert, um so leichter werden Lesen, Rechnen und Schreiben erlernt.“

Die tatsächliche Entwicklung geht allerdings genau in die andere Richtung, weiß die Beraterin, die Kurse für Kindergärtnerinnen, Schüler, Lehrer und Familien gibt. Aus ihrer Praxis kennt sie die Defizite in der motorischen Entwicklung der Kinder. Und sie kennt die Angst der Eltern, ihre Kinder „frei“ laufen zu lassen. „Die veränderten Lebensbedingungen beeinträchtigen die körperliche, geistige und seelische Entwicklung auf vielfältige Weise, und sie hinterlassen Spuren, sagt Maya A Kersten.

Was auch für die Sozial- und Selbstkompetenz gilt. Mädchen chatten oder schreiben sich ständig, Jungen verbringen Stunden, manchmal ganze Nächte mit Spielen am Computer. Das gemeinsames Erleben und Sich-Ausprobieren unter Gleichaltrigen sei aber wichtig für die soziale Entwicklung. „Wenn wir im Wald waren, haben sich die Jungs auch gefetzt, ohne dass ein Erwachsener eingriff, und das war auch gut so“, sagt Maya A. Kersten. Heute würde Lehrerinnen oft nicht verstehen, dass Jungen sich anders auseinandersetzen: „Ich kann verstehen, dass sie auf virtuelle Welten ausweichen, in denen sie den Freiraum haben und ausleben können.“

Hinzu kommt: Allen Kindern werde heute vorgelebt, wie wichtig die kleinen elektronischen Kästen seien. „Wenn man sich wie ich seit Jahren mit der Sinnesentwicklung beschäftigt, fragt man sich schon, was es mit den Kindern macht, wenn die Mutter, die den Kinderwagen schiebt, keinen Augenkontakt mehr herstellt, sondern ständig auf das Smartphone schaut“, sagt Maya A. Kersten. Das geht im Kindergarten oder bei der Einschulung weiter, wenn das Filmen wichtiger als die Menschen sind. Und das hört beim Restaurantbesuch nicht auf, wenn alle auf ihr Handy schauen. „Statt miteinander zu reden, ist jeder abgelenkt.“

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