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Stormarner Tageblatt

21. August 2017 | 18:34 Uhr

Ahrensburg : Kirchen-Plan gegen Missbrauch

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Mehr als vier Jahre nach Aufdeckung der Ahrensburger Missbrauchsfälle liegt der Bericht der Expertenkommission mit 155 Empfehlungen vor.

500 Seiten „detailgenaue Einblicke in eine furchtbare Realität“. So nennt Kirsten Fehrs, Bischöfin für Hamburg und Lübeck, den Bericht zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Ev. Kirche. Am 3. Oktober hatte die Kommission ihn vorgelegt, gleich am Wochenende hat die Nordkirche einen Zehn-Punkte-Plan beschlossen. Die Reaktion reiche „von Scham und Fassungslosigkeit bis zu der Energie, mit aller Entschiedenheit Konsequenzen zu ziehen“, so die Bischöfin.

Ende Mai 2013 hatten die Fachanwältinnen Dr. Petra Ladenburger aus Köln und Martina Lörsch aus Bonn sowie Ursula Enders, Leiterin von Zartbitter Köln, und Dr. Dirk Bange, Abteilungsleiter in der Hamburger Sozialbehörde, in ihrem Zwischenbericht das ebenso banale wie ausgeklügelte System beschrieben, das in Ahrensburg über Jahre sexuellen Missbrauch möglich machte.

Der Abschlussbericht, der sich nicht nur auf die Vorfälle in der Schlossstadt bezieht, beschreibt die Strukturen und die Dynamik der Prozesse mit dem Ziel, diese Strukturen und die Verantwortlichkeiten so zu verändern, dass sexualisierte Gewalt weitgehend ausgeschlossen werden kann.

„Es waren zwar Einzelne, aber die Institution trägt Verantwortung“, sagte Bischöfin Fehrs. Man wolle sich dem stellen, dass „unter dem Dach der Kirche so viel Gewalt mit bedrückenden traumatischen Konsequenzen möglich war.“ 2010, als die Ahrensburger Fälle öffentlich wurden, war sexueller Missbrauch in der evangelischen Kirche noch undenkbar. Das hat sich zwar geändert, aber auch noch 2013 habe die Kirche – wie andere Institutionen auch – Betroffene und Angehörige allein gelassen, weil man falsch reagierte.

„Es gibt ein eklatantes Fehlen von Grundwissen“, so Ursula Enders. Das erste Telefongespräch, die ersten zwei Tage nach Aufdeckung eines Missbrauchs seien entscheidend: „Da muss ein Expertenteam vor Ort sein. Damit kann man viele Leid und Verletzungen verhindern.“ Ein „Weiter so“ könne es nicht geben, sagte Dirk Bange.

Ihrer Forderung nach einer „Arbeitsstelle sexualisierte Gewalt“ wird die Kirche schnell nachkommen. Die seit 2013 bestehende Koordinierungsstelle soll die Aufgabe übernehmen und ein Kriseninterventionsteam mit psychosozial ausgebildeten Experten aufbauen. Und die externe Ombudsstelle, die zurzeit im Aufbau ist, soll um ein kirchliches Beschwerdemanagement ergänzt werden. Zudem sollen Führungszeugnisse erweitert werden und die Mitarbeiter auf ein „grenzachtendes Verhalten“ verpflichtet werden.

Und in der EKD wolle man sich dafür einsetzen, die UN-Kinderrechtskonvention zu übernehmen, das Abstinenzgebot auch im Dienstrecht zu verankern, die Verjährungsfristen zu verlängern und Möglichkeiten zu prüfen, die Schweigepflicht für seelsorgerische Gespräche im Einzelfall aufzuheben.

Die Nordkirche wird auf Vorschlag der Kommission die Möglichkeit eines Disziplinarverfahrens gegen die damalige Pröpstin prüfen. Sie hatte 1999 nach Missbrauchsvorwürfen gegen Pastor Kohl diesen lediglich in die Gefängnisseelsorge versetzt. Versagen habe es allerdings auf allen Ebenen gegeben, sagte dazu Anwältin Martina Lörsch. Anselm Kohn, Mitbegründer der Opferinitiative „Missbrauch in Ahrensburg“ wunderte sich, dass nur ein Verfahren und das gegen eine ehemalige Pröpstin geben soll: „Im Personalreferat muss sich mehr finden lassen.“


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Im Internet steht der Bericht unter

www.kirchegegensexualisiertegewalt.nordkirche.de

 

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erstellt am 14.Okt.2014 | 19:25 Uhr

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