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Stormarner Tageblatt

24. Oktober 2017 | 01:16 Uhr

Kirche in unruhigen Zeiten

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Ein Buch behandelt das Schicksal der Menschen im Kirchspiel Klein Wesenberg während der Weltkriege

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2015 | 11:13 Uhr

„Wir dürfen die Vergangenheit nicht totschweigen. Nur wer sie kennt, kann daraus Lehren für die Zukunft ziehen“. sagt Klaus-Rainer Martin. Soeben ist sein neues, über 400 Seiten starkes Buch „Die evangelische Kirche in unruhigen Zeiten“ erschienen. Zwei Jahre lang hat er nicht nur im heimischen Kirchenarchiv, sondern auch im Archiv der Nordkirche recherchiert. „Mir ging es darum zu zeigen, wie die Kirche sich im Ersten und Zweiten Weltkrieg, während der Weimarer Republik, der Nazi- und Nachkriegszeit verhalten hat“, so Martin - am Beispiel des Kirchspiels Klein Wesenberg mit seinen umliegenden Dörfern. Sein Buch führt den Leser nicht nur geschichtlich durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern beschreibt auch die Schicksale der Pastoren, einzelner Dorfbewohner – egal ob sie nun Opfer oder Handelnde ihrer Zeit waren.

Wo sind einzelne Vertreter der Kirche persönlich schuldig geworden, und wie wurde nach der Nazi-Zeit damit umgegangen? Vier Pastoren wirkten von 1901 bis 1953 in Klein Wesenberg. „Damals waren Staat und Kirche eng miteinander verknüpft, die Pastoren waren quasi Staatsbeamte“, so Martin. Pastor Carl-Gustav Petersen, der bis 1920 amtierte, verherrlichte im Gemeindebrief den Ersten Weltkrieg und stimmte in den allgemeinen Jubel mit ein. „Die Kirche war überzeugt vom gerechten Krieg, die Soldaten trugen den Schriftzug ’Gott mit uns’ auf ihren Koppeln“, schreibt Martin in seinem Buch. Er vermutet jedoch einen stillen Protest des Pastors, da er unüblicherweise die Gefallenen im Gemeindebrief auflistete. Sein Nachfolger war Wilhelm Waßner, der ganz plötzlich verstarb. Jürgen Stoldt war von 1925 bis 1939 erster gemeinsamer Pastor von Klein Wesenberg und Hamberge. Er gehörte zur Gruppierung „Deutsche Christen“, war NSDAP-Mitglied und vertrat rechtskonservative Ansichten. „Vieles vom Weltgeschehen ist an den Dorfbewohnern vorbeigegangen“, sagt Martin, „Hier gab es keine jüdische Familie.“ Sie hätten weder Ahnung von der Olympiade noch von der Judenverfolgung gehabt. 1939 ging Pastor Stoldt nach Oldesloe, später war er Propst des Kirchenkreises.

Nachfolger wurde Gustav Böhmke (1939 bis 1951), ein Kritiker des Nationalsozialismus. Weil er Hindenburg mit Mose verglich und Anzeige gegen die NSDAP erstattete, wurde er nach Klein Wesenberg strafversetzt. Dort sorgte er für ein ordentliches Begräbnis für Kriegsgefangene und sprach mindestens ein Vaterunser für sie, engagierte sich trotz Verbotes in der Jugendarbeit und kämpfte gegen diverse Schikanen von oben. Während Pastor Böhmke in der Nachkriegszeit mehrere Flüchtlinge aufnahm, weigerte sich sein Vorgänger Stoldt in Oldesloe. „Dass wir heute in der Lage sind, unsere Konflikte gewaltfrei zu lösen, geht auf die schmerzhaften Erfahrungen zurück und muss immer wieder aufs Neue bedacht werden, damit sich nicht wiederholt, was die Kirche und vor allem die Menschen hinter sich haben“ – so die Mahnung des Autors.

>Das Buch „Die evangelische Kirche in unruhigen Zeiten“ ist erhältlich in Buchhandel und Internet (ISBN 978-3-7103-2175-7):

www.literatur-im-erzgebirge.de

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