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Stormarner Tageblatt

19. August 2017 | 08:21 Uhr

Kind schildert Missbrauch

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Schöffengericht verurteilt Angeklagten zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und Geldstrafe

Ein erstaunliches Trinkvermögen offenbarte Dieter H. (Namen geändert) vor dem Ahrensburger Schöffengericht. „So ein bis zwei Flaschen Korn am Tag habe ich damals fast immer getrunken, wenn ich genug Geld hatte “, sagt der Bad Oldesloer aus, „mindestens eine.“ So berauscht verging er sich in der Nacht zum 29. August vergangenen Jahres an der gerade zwölfjährig gewordenen Tochter seines Gastgebers. Dort nächtigte er im Kinderzimmer. Zuvor hatten beide gemeinsam gezecht.

Nora. G. kannte ihren Peiniger und vertraute ihm, er wohnte ganz in der Nähe. „Er war oft auf dem Spielplatz, wenn ich mit meiner Freundin hinging“, sagt sie aus. Komplimente habe er ihnen dort gemacht und natürlich auch oft getrunken. Zuweilen habe der auch ihren Vater besucht, die Männer hätten sich gegenseitig die Haare geschnitten.

Auch am Tattag hatten die Männer gemeinsam getrunken. Nora traf den Besucher auf der Treppe vor dem Haus, er schien angeschlagen. Sie brachte ihm noch seine Einkaufsbeutel in seine Wohnung, er gab ihr den Schlüssel. „Als ich zurückkam, folgte er mir und legte sich sofort im Kinderzimmer hin“, sagte sie aus. H. legte sich ins benachbarte Bett ihres älteren Bruders, der nicht anwesend war.

In der Nacht sei H. dann mehrfach aufgestanden und auf die Toilette gegangen. An Noras Bett blieb er stehen. „Da war er nackt“, sagt das Mädchen, „zuerst hat er meine Hand gestreichelt, ich zog sie weg.“ Sie habe sich aber schlafend gestellt. Bei der zweiten Annäherung habe er dann ihre linke Hand gegriffen und an seinen Penis geführt. „Das war eklig“, sagt sie, „so weich und wabbelig.“ Dann habe der Angeklagte gelacht und sich wieder ins Bett ihres Bruders gelegt.

Sie habe panische Angst gehabt, dass sie erneut belästigt werde und sei deshalb ins Wohnzimmer geflohen, wo ihr Vater noch fernsah. Die Anspannung der Zwölfjährigen bei der Schilderung ist sichtbar. Schließlich bricht sie in Tränen aus und die Befragung wird abgebrochen. „Das war das absolute Maximum für das Kind“, kritisiert der Staatsanwalt. Was in dieser Nacht geschah, vertraute sie zunächst nur ihrer älteren Schwester an, dann dem Vater. Der erstattete daraufhin Anzeige.

Der Angeklagte spricht von einem Filmriss, er habe keine Erinnerung mehr an das weitere Geschehen. „Im letzten Bild, das ich noch davon habe, sitze ich am Esstisch und trinke.“ Solche Aussetzer habe er häufiger gehabt.

Die Gutachterin kann angesichts der ungenauen Angaben zur Tatzeit und zum Alkoholkonsum keine genauen Aussagen machen, sondern nur schätzen. „Für den angeklagten Tatzeitpunkt müssten es etwa drei Promille gewesen sein“, sagt sie. „Seit sieben Monaten habe ich eine feste Arbeit“, sagt der Angeklagte, „seitdem trinke ich nur noch am Wochenende.“ Der gelernte Tischler hat keine Vorstrafen.

Staatsanwalt Bernd Kruse sieht den sexuellen Missbrauch eines Kindes als bewiesen an. In den Aussagen zum Kerngeschehen gebe es keine Widersprüche. „Der Angeklagte hat die vollkommen schutzlose Lage und das Vertrauen des Mädchens schamlos ausgenutzt.“ Er fordert ein Jahr Haft, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird und 2000 Euro Geldstrafe. Rechtsanwalt Patric von Minden plädiert auf Freispruch. Im Gegensatz zum Staatsanwalt sieht er die Aussagen des Mädchens als widersprüchlich an. „Warum zog sie ihre Hand bei der zweiten Annäherung nicht sofort zurück?“ Wichtige Aspekte seien nicht geklärt worden, weil die Befragung abgebrochen wurde.

Doch das Schöffengericht hält H. für schuldig. „Das Kerngeschehen wurde weitgehend widerspruchsfrei und sehr authentisch geschildert“, sagt Richterin Silke Freise. Daran könne es keinen vernünftigen Zweifel geben. Zugunsten des Angeklagten spräche die erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit durch den Alkoholkonsum. Auch habe sein Handeln keine erheblichen Folgen verursacht. H. wird zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Er muss je 1000 Euro in monatlichen Raten an die Therapiehilfe und den Verein Frauen helfen Frauen zahlen und die Kosten des Verfahrens tragen.





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