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Abschied : Kai Voss legt die Fahne aus der Hand

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Mit dem Großhansdorfer Schiedsrichter verliert der Schleswig-Holsteinische Fußballverband im Sommer sein letztes Aushängeschild.

Die Schiedsrichter Schleswig-Holsteins verlieren im Sommer ihr letztes Aushängeschild. Die Ende Januar erfolgte Ankündigung von Kai Voss, im Sommer die Pfeife und Fahne an den Nagel zu hängen, wird den SHFV als einzigen Landesverband ohne einen Unparteiischen in den Bundesligen zurücklassen. Zwar hätte der Großhansdorfer, der jahrelang auch international tätig war, noch sechs weitere Jahre als Schiedsrichter-Assistent in der Bundesliga bis zur Altersgrenze vor sich haben können. Dennoch kommt der Entschluss des 40-Jährigen, seine aktive Karriere zu beenden, für Insider nicht ganz unerwartet.

„Natürlich war das keine leichte Entscheidung“, erklärt Voss, „schließlich endet damit ein Lebensabschnitt.“ Doch eine Mischung aus beruflichen, gesundheitlichen und familiären Aspekten ließ den Entschluss über längere Zeit reifen. „Ich habe als einer der wenigen Schiedsrichter, die in der Bundesliga unterwegs sind, immer in Vollzeit gearbeitet“, sagt der Stormarner, der als Betriebswirt im Mineralölkonzern BP in Mönchengladbach, wohin er vor einigen Jahren des Jobs wegen zog, inzwischen eine leitende Stellung übernommen hat. „Ich bin in einem internationalen Team für Absatzplanung verantwortlich, muss dabei auch viel reisen. Das lässt sich mit dem Zeitaufwand in der Bundesliga immer weniger vereinbaren“, betont Voss, der zudem mit anhaltenden Rückenproblemen zu kämpfen hat. Und auch seine Frau und die zweijährige Tochter wollen zu ihrem Recht kommen.

Der Unparteiische des SV Großhansdorf hört zudem im Wissen auf, nahezu alle Höhepunkte des Fußball-Geschäfts erlebt zu haben. „Ich kann für mich sagen, dass ich aus meinem Talent das Optimale gemacht habe“, ist Voss überzeugt. Zu den besten 44 Schiedsrichtern und zu den besten zehn Assistenten der Republik hat er zeitweise gezählt. „Nicht mehr, aber auch nicht weniger“, ordnet er die beste Zeit seiner 25-jährigen Laufbahn, davon 15 Jahre als Assistent in der Bundesliga, richtig ein. „Wäre ich unter den besten 20 gewesen, hätte ich in der Bundesliga gepfiffen. Hätte ich zu den besten drei oder vier Assistenten gehört, wäre ich bei internationalen Turnieren dabei gewesen.“ Dafür hat es nicht gelangt. Doch 23 Zweitliga-Spiele als Schiedsrichter, am Ende wohl knapp 200 Bundesliga-Spiele als Assistent und vor allem sieben A-Länderspiele, 16 Europapokalspiele und zahlreiche weitere internationale Einsätze mit der Fahne in der Hand sind eine überaus stolze Karriere-Bilanz.

Mehr noch als diese Zahlen sind es aber die damit verbundenen außergewöhnlichen Erlebnisse, an die Voss sein Leben lang zurückdenken wird. „Ich war zu Spielen in Saudi-Arabien, Libyen oder Katar, mindestens im halben Ostblock“, erzählt er. Orte, an die man im normalen Leben sonst kaum einmal kommen würde. „Die persönlichen Erlebnisse waren in diesen Ländern, die sportlich nicht zur ersten Kategorie zählen, besonders beeindruckend.“ Sportliche Höhepunkte seien freilich andere gewesen. Die Bundesliga-Top-Spiele zählt er dazu. 2004 war er dabei, als Werder Bremen kurz vor Saisonende ausgerechnet beim FC Bayern die Meisterschaft sicherte. Zudem steht ein DFB-Pokal-Finale (2007 bei der Partie 1. FC Nürnberg – VfB Stuttgart) im Berliner Olympiastadion ganz oben auf seiner persönlichen Erlebnisliste. Doch es gab auch Tiefpunkte. „Damit muss man leben können“, stellt er klar. „Ein guter Schiedsrichter ist man erst dann, wenn man auch mit der Kritik nach schlechten Leistungen umgehen kann.“ Doch den vordergründig negativen Karriereeinschnitten kann er Positives abgewinnen. Als er 2003 als (bis heute letzter schleswig-holsteinischer) Schiedsrichter aus der Riege der Zweitliga-Unparteiischen ausschied, wurde durch die Spezialisierung als Assistent erst die internationale Karriere an der Linie so richtig möglich. Und als er trotz ansprechender Leistungen 2010 seinen FIFA-Platz als Assistent verlor, tat sich die berufliche Karrierechance auf. „Das war natürlich schade“, weiß er heute. „Aber mit den internationalen Terminen hätte ich den Job, in dem ich heute erfolgreich bin, gar nicht annehmen können.“

So bleiben ein paar einzelne Spiele mit Fehlentscheidungen als Negativerlebnisse. Doch die gehören zum Schiedsrichterleben dazu. Richtig an die Nieren ging dem Referee Kritik erst dann, wenn sie auch das Privatleben betraf. Morddrohungen beispielsweise. „Wenn meine Frau die Post aufmacht, und da liegt ein Brief mit einem Fadenkreuz obenauf, dann sind die Grenzen mehr als überschritten“, stellt Voss klar. Ebenso galt das für den Moment, als ein Fan ihn im Stuttgarter Waldau-Stadion mit einem Bierbecher bewarf und am Hinterkopf traf. Voss ging k.o., war einige Minuten benommen, das DFB-Pokal-Spiel zwischen den Stuttgarter Kickers und Hertha BSC wurde abgebrochen. „So etwas braucht kein Mensch“, ärgert er sich noch heute. Es sind jene Situationen, in denen trotz des guten Geldes, das alle Bundesliga-Unparteiischen längst verdienen, Gedanken über Sinn und Unsinn der Tätigkeit in den Kopf kommen.

Doch die Momente der Freude, die die Schiedsrichterei für Voss bedeuten, sind bedeutend mehr. „Das müssen nicht immer die großen Bundesliga-Spiele sein“, erklärt er. Auf Landesebene bleibt die fehlerfreie und viel gelobte Leitung des Landespokal-Endspieldramas im Vorjahr (Holstein Kiel schlug den ETSV Weiche mit 14:13 nach Elfmeterschießen) für ihn unvergessen. „Aber auch an ein simples SH-Liga-Spiel wie 2013 in Husum zurückzudenken, ist einfach schön“, stellt er heraus. Dabei geht es um mehr als die 90 Minuten. „Einen Tag mit zwei Assistenten, die gute Freunde sind, zu verbringen, macht einfach Spaß. Von der gemeinsamen Bahnfahrt über den Kaffee am Hafen bis zum gemütlichen Beisammensein nach dem Spiel.“

Diese Erfahrungen abseits der Kameras und des großen Geldes haben Voss einst Gefallen am Hobby finden lassen, das er 1990 begann. „Mach es doch besser“, entgegnete ein Unparteiischer dem mosernden 15-jährigen Jugendspieler Voss während einer Partie. „Der Schiri war wirklich schlecht und ich war mir sicher, es wirklich besser zu können“, erinnert sich der Großhansdorfer – und ließ seinen Worten Taten folgen.

 

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