Bad Oldesloe : „Kämpfer in eigener Sache“

Wolfram Pyta ließ sich in Oldesloe vor keinen Karren spannen.
Wolfram Pyta ließ sich in Oldesloe vor keinen Karren spannen.

Der Hindenburg-Experte Professor Wolfram Pyta stellte in der Oldesloer Festhalle seine Forschungsergebnisse vor. Die Universitätsgesellschaft hatte den Historiker eingeladen.

shz.de von
02. Mai 2015, 10:00 Uhr

Was hatte dieses Thema in den vergangenen Monaten nicht schon für Diskussionen in der Kreisstadt hervorgerufen. Und oftmals war der Protagonist dieses Abends in ihnen zitiert worden: Professor Wolfram Pyta gilt als Experte in Sachen Paul von Hindenburg.

Der Streit um eine mögliche Umbenennung der Hindenburgstraße kocht und so hatte Hartmut Jokisch von der Universitätsgesellschaft Bad Oldesloe die Chance genutzt, Pyta zu einem Vortrag in die Festhalle einzuladen. Dass Jokisch nicht nur die Universitätsgesellschaft leitet, sondern eben auch zu den Oldesloer Grünen gehört, die gemeinsam mit Linken und SPD eine Umbenennung vorantreiben, hatte ihm im Vorwege bereits Kritik eingebracht. Man konnte am Donnerstagabend in der mit knapp 70 Zuhörern gut besuchten Festhalle zumindest feststellen, dass Jokisch bemüht war, eine Diskussion rund um die Umbenennung im Keim zu ersticken.

Als nach dem Vortrag einige Finger in die Höhe gingen, sagte Jokisch deutlich: „Wir werden heute nur Fragen zulassen, die mit dem Vortrag und der Person Hindenburgs in der Geschichte zu tun haben und nicht direkt mit der Straßenumbennung“ – prompt gingen zwei Hände wieder runter.

Anders als bei den politischen Sitzungen oder der Bürgerversammlung zum Thema „Hindenburgstraße“ blieben die Anwesenden – zum Großteil auch Hindenburg-kritisch eingestellt – sehr diszipliniert und ruhig. Aufmerksam folgten sie den interessant und lebendig vorgetragenen Ausführungen des Stuttgarter Historikers, dessen Hindenburg-Biographie nicht von allen Kollegen in der Wissenschaftswelt als gelungen angesehen wird. Für Jokisch ist er trotzdem der Mann, „der den neuesten Stand der Forschung repräsentiert.“

In manchen aktuellen Diskussionen wird Hindenburg als eine Art Nazimitläufer dargestellt. Die Gegner eine Straßenumbenenung hingegen argumentieren, dass der alternde Reichspräsident senil gewesen sei und gar nicht gemerkt habe, welche Gefahr von Hitler ausgehe. Zuvor habe Hindenburg viel für Deutschland getan.

Pyta schlug sich auf keine der beiden Seiten. Er bot kein Hindenburgbild, das dazu dienen kann, ihn als historische Persönlichkeit im Kontext seiner Zeit als Nazi sehen zu können, aber trotzdem als problematische, historische Figur. „Hindenburg konnte nicht absehen, dass Hitler den zweiten Weltkrieg in dieser Form vorantreiben würde. Und Hindenburg selbst war absolut kein Antisemit. Eine Judenverfolgung in der Dimension dürfte für ihm unvorstellbar gewesen sein“, erklärte Pyta. Auch dass Hindenburg gemeinsam mit Hitler auf Wahlplakaten auftauchte – was von Hindenburg-Kritikern als Zeichen für seine Nähe zur NSDAP gewertet wird - relativierte Pyta. Das sei zu einer Zeit gewesen, als es eh nur noch eine Partei gab, die zur Wahl stand und wohl nicht auf Hindenburgs Bestreben hin. Doch Pyta stellte auch klar, dass Hindenburg auf keinen Fall einfach „nur“ ein Monarchist war. „Hindenburg gehört zu den wenigen Personen der Zeitgeschichte, der es geschafft habe, sich selbst schon zu Lebzeiten zu einer Legende zu machen“, so Pyta. Das gesamte Image Hindenburgs, wie es seit Jahrzehnten vorherrschte, sei immer das gewesen, das Hindenburg selbst von sich etabliert hatte. Auch seine angeblichen militärischen Erfolge seien eher Legende. Er habe die Pläne jeweils nur absegnen müssen. Einen Großteil des Tages habe er mit Journalisten und Malern verbracht, die ihn passend in Szene setzen sollten. „Heute würde man sagen, er war telegen.“ An der Absetzung des Kaisers sei er ebenfalls beteiligt gewesen. Kurzum : Hindenburg war ein berechnender Opportunist und Kämpfer in eigener Sache. Er habe selbst enge Vertraute abgesägt, wenn sie im Weg standen. Er sei rücksichts- und skrupellos gewesen. Interessiert habe ihn nur das eigene Bild in der Geschichtsschreibung und die „deutsche Nation“. Und für die „deutsche Sache“ habe er Hitler und die deutschnationalen Parteien als am geeignetsten erachtet. „Hitler zum Reichskanzler zu ernennen war seine bewusste Entscheidung“, stellte Pyta klar.

Burghard von Hennigs fragte, ob Pytas Bild Hindenburgs nicht zu sehr an die Taten Hitlers und eben das gebunden sei, was nach Hindenburgs Tod geschah. Unter den Eindrücken des schrecklichen zweiten Weltkriegs. „Das ist natürlich immer das Problem, das man im Rückblick eine andere Perspektive hat, weil man weiß, wie es ausging“, so Pyta.

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