Zarpen : Jürgen Meyer ist der „Bücher-Opa“

Der 80-jährige Jürgen Meyer ist ein passionierter Vorleser und entführt Kita-Kinder in die Welt der Fantasie.
Der 80-jährige Jürgen Meyer ist ein passionierter Vorleser und entführt Kita-Kinder in die Welt der Fantasie.

Seit 17 Jahren liest Jürgen Meyer Kindergartenkindern vor und bringt ihnen das Lesen näher.

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13. September 2019, 14:07 Uhr

„Da ist ja der Bücher-Opa“, rufen die Kinder aus Zarpen und Heilshoop, wenn sie Jürgen Meyer begegnen. Der ehemalige Lehrer ist in den Dörfern bekannt wie ein „bunter Hund“. „Mich freut es, wenn mich die Kinder so begrüßen und mich auch noch nach Jahren wiedererkennen“, sagt der 80-jährige, der nach 40 Jahren Lehrer-Tätigkeit – zuletzt auf einer Gemeinschaftsschule in Lübeck – „es immer noch nicht lassen kann“, Kindern das Lesen näher zu bringen.

Der Deutschlehrer liest seit seiner Pensionierung, die immerhin schon 17 Jahre her ist, Mädchen und Jungen im DRK-Kindergarten Zarpen und der evangelischen Kita Heilshoop vor. Und das mit großer Leidenschaft und Engagement.

Er brennt für seine Mission

„Man muss dafür brennen, sonst geht das nicht“, meint er. Und dass er für seine Mission brennt, ist ganz offensichtlich. Ein Mal im Monat ist er im DRK-Kindergarten in der gemischten Gruppe von 17 Kindern zu Gast und entführt sie in die Welt der Bücher. Schon am Eingang laufen sie freudig auf ihn zu, folgen ihm in einen separaten Raum, wo Jürgen Meyer die erste Gruppe mit den Kleineren mit dem Lied „Wer will fleißige Bücherwürmer seh‘n, der muss zu uns Kindern geh‘n. Buch auf Buch, davon haben wir genug“ empfängt. Die Kinder singen fleißig mit. Ein Kind darf dazu mit zwei kleinen Büchern aufeinanderklatschen – die sogenannte „Bücherklatsche“. Die Kinder kennen das Ritual und nennen sich selbst „Bücherwürmer“, den Pädagogen natürlich liebevoll „Bücher-Opa“.

In der DRK-Kita in Zarpen ist der „Bücher-Opa“ ein Mal im Monat zu Gast.
Frauke Schlüter
In der DRK-Kita in Zarpen ist der „Bücher-Opa“ ein Mal im Monat zu Gast.
 

Aus der Drei-Minuten-Geschichte um eine Tier-Feuerwehr werden schnell spannende 20 Minuten, denn der passionierte Vorleser bezieht die Kinder immer wieder mit in die Erzählung mit ein, stellt sogar einen lokalen Bezug zum Heimatdorf her: In Zarpen gibt es natürlich auch eine Feuerwehr. Er stellt viele Fragen, holt sogar einen Plüsch-Elefanten aus seiner Tasche hervor, der den Feuerwehrchef darstellen soll.

„Früher gab es auf dem Land ja noch Oma und Opa, die den Kindern vorgelesen haben, heute wird das immer seltener“, bedauert er. In den Städten gebe es Lesementoren, die in den Dörfern leider fehlten. So habe er es sich zur Aufgabe gemacht, den Kindern das Lesen schmackhaft zu machen. Durch Interaktivität und spannende Geschichten könne man die Kleinen auf die Reise in fremde Welten mitnehmen, sie für das Lesen und Zuhören begeistern.

Methodisch vorgehen

„Da muss man schon methodisch vorgehen und sich vorbereiten. Einfach nur stur vorlesen geht da nicht“, weiß er aus langjähriger Erfahrung. Es müsse bestimmte Regeln und Rituale geben, an die die Kinder sich erinnerten und an denen sie sich festhalten könnten. Sympathie zu den Kindern aufbauen, Vertrauen und Wissbegierde schaffen, die Kinder an einer Geschichte mitfühlen lassen – das schafft der Heilshooper mit seiner offenen, freundlichen, aber auch konsequenten Art.

„Vorlesen, die Beschäftigung mit Büchern – das sollte man den Kindern zumindest anbieten. Lese-Erziehung fängt früh an“, ist er überzeugt. Deshalb arbeitet er ehrenamtlich: „Wenn man für eine Sache brennt, nimmt man kein Geld.“ Sich mit einem Buch beschäftigen heiße auch, zu sich selbst zu finden, zur Ruhe zu kommen und in eine andere Welt einzutauchen, in der man auch Trost finden könne, sagt Meyer. Ein schönes Mittel, sich selbst zu helfen. „Mit dem Lesen kommen Kinder zur Ruhe, nicht immer dieses ewige Gedaddel“, sagt er.

Vorlese-Bücher für kleine und große Kinder hat Jürgen Meyer immer mit dabei.
Frauke Schlüter
Vorlese-Bücher für kleine und große Kinder hat Jürgen Meyer immer mit dabei.
 

Den größeren Kindern der DRK-Kita liest der Senior anschließend eine Geschichte von einem Hasen mit Zahnweh vor, der Angst vor dem Zahnarzt hat. Da können die kleinen Zuhörer ordentlich mitfühlen und eigene Erfahrungen einbringen. Die Kinder halten sich mitfühlend die Backe und erzählen von der netten Zahnärztin aus Zarpen. Für die nächste Vorlese-Stunde hat Jürgen Meyer zehn Plüsch-Schäfchen von seinen Kindern und Enkeln organisiert. Die Plüschtiere können die kleinen Zuhörer dann anfassen, sie veranschaulichen die Vorlesegeschichte. „Anschaulich und kindgerecht muss Vorlesen sein. Das ist das Geheimnis“, verrät Meyer.

Das Buch kommt zum Kind

Er war 25 Jahre Vorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, bestückte Bücherkisten für Elternabende. „Damit das Buch zum Kind kommt“, erklärt er. Der ehemalige Lehrer leitete nach seiner Pensionierung zwei Jahre lang eine Deutschklasse für Flüchtlinge in Zarpen. Mit großem Erfolg, denn die meisten Väter haben inzwischen Arbeit gefunden, die Kinder gehen in die Grundschule.

Bücher, die er nicht mehr verwendet, verschenkt er an die kleinen Leser. Das ist für ihn ganz selbstverständlich, und er ist überzeugt: „Oft ist die Kita die einzige Stelle, an der Kinder an Kultur herangeführt werden.“ Mit einem „Tschüs, Bücher-Opi“ verabschieden sich die Kinder und winken dem 80-Jährigen noch einmal zu, bevor sie in den Gruppenraum zurückkehren. Mission erfüllt. Oder doch nicht ganz, denn Jürgen Meyer wünscht sich noch weitere engagierte Lesebotschafter in den ländlichen Gemeinden.






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