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Kindesmissbrauch in Stormarn : Inobhutnahmen: Fallzahlen verdoppelt

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Jährlich gibt es im Kreis 400 bestätigte Fälle von Kindeswohlgefährdung. Ermessensspielraum bei den Jugendämtern

Nach den bundesweiten Fällen von Kindesmisshandlung, bei denen die Jugendämter nicht eingegriffen hatten, wurden Gesetze verschärft, und die öffentliche Diskussion sorgte zudem für eine Sensibilisierung in der Gesellschaft und natürlich auch in den Jugendämtern. Bundesweit waren die Zahlen so genannter Inobhutnahmen im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. 2010 und 2011 hatte es in Stormarn 45 und 48 Fälle gegeben, 2012 waren es 61 und im vergangenen Jahr 100, also eine Verdopplung in nur zwei Jahren. Der exorbitante Anstieg von sechs auf 21 Fälle begann im Juni, hatte seinen Höhepunkt im September mit 24 Fällen und flaute auch danach nur leicht ab. „November und Dezember haben traditionell hohe Zahlen, weil viele Familien immens unter Druck stehen“, sagt Gerald Wunderlich, Leiter Soziale Dienste beim Kreis Stormarn.

In Stormarn bestätigt sich damit der bundesweite Trend. Nach den neuen Gesetzen muss zum Beispiel jeder Jugendliche in staatliche Obhut genommen werden, der sich bei den Behörden meldet und sagt, dass er das will. Wo die Mitarbeiter früher sagen konnten, dass die Kinder auf ihre Eltern hören sollten, wenn die ihnen gegen ihren Willen vorschreiben zur Schule zu gehen, müssen jetzt Akten angelegt werden.

„Wir hatten auch schon Anfragen, dass Kinder mit einem Bobbycar über Kopfsteinpflaster fahren und das so laut ist, dass sie Hörschäden bekommen könnten“, sagt Wunderlich, „wenn es eine Fläche an der Straße ist, müssen wir uns darum kümmern.“ Kümmern heißt, dass zwei Leute rausfahren und sich die Situation anschauen. Vielleicht auch nur um festzustellen, dass die Eltern „Flugzeug“ mit ihren Kindern gespielt haben, wo der Anrufer von „Kinder herumschleudern“ gesprochen hat.

Auf 600 Fälle Kindeswohlgefährdung kommt der Kreis pro Jahr, eine Zahl, die seit Jahren ziemlich konstant ist. An durchschnittlich 200 Fällen ist nichts dran, bei 400 wird „eine Kindeswohlgefährdung bestätigt“, so Wunderlich: „Der Begriff Kindeswohlgefährdung ist nicht klar definiert. Es liegt in der Beurteilung des jeweiligen Jugendamts.“ Dass in Stormarn auch emotionale Gewalt als Kindeswohlgefährdung interpretiert wird, hat schon zu Diskussionen mit Eltern geführt. Die Inobhutnahme ist der schwerwiegendste Eingriff, damit geht das vollständige Sorgerecht auf die Behörde über. Drei Viertel der Jugendlichen werden weniger als einen Monat in Obhut genommen, bei weiteren elf Prozent sind es weniger als zwei Monate. Die am häufigsten vertretene Altersgruppe sind die 14- bis 18-Jährigen mit 49 bzw. 53. Bei den Zehn- bis 14-Jährigen waren es 2012 acht und im vergangenen Jahr 18. General gilt: Je jünger, desto kleiner die Zahl.

Dass sich die Zahl der Fälle innerhalb von zwei Jahren auf 100 verdoppelte, ist für Wunderlich kein Anzeichen für eine zunehmende Gefährdungslage. „Mittlerweile sagen alle Fachleute, dass es entscheidend darauf ankommt, die Fälle ganz gewissenhaft nach Schema abzuarbeiten, und jetzt gibt es ein dichteres Netz.“ Früher war es ein Verstoß gegen den Datenschutz, wenn Lehrer mit dem Jugendamt über einen Schüler redeten, jetzt sollen sie es tun. Wunderlich: „Unser nächster Schritt wird es sein, die Schulen noch stärker einzubinden.“

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