Trenthorst : Innovation fördern – Routine verändern

Mit der Hilfe von Ochsen werden in Äthiopien die Getreidekörner aus den Ähren gestampft. Im Hintergrund ist ein mit dem Mähdrescher abgeerntetes Feld zu erkennen. Fotos: Gerold Rahmann
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Mit der Hilfe von Ochsen werden in Äthiopien die Getreidekörner aus den Ähren gestampft. Im Hintergrund ist ein mit dem Mähdrescher abgeerntetes Feld zu erkennen. Fotos: Gerold Rahmann

Der Trenthorster Institutsleiter Gerold Rahmann war zweieinhalb Jahre für „Eine Welt ohne Hunger“ in Äthiopien und entwickelte ein Konzept für die Landwirtschaft.

shz.de von
17. Januar 2018, 06:00 Uhr

Seit Anfang Januar ist Prof. Dr. Gerold Rahmann wieder im Dienst im Institut für ökologischen Landbau. Körperlich sei er zwar schon gut angekommen und von allen sehr nett empfangen worden, doch geistig sei er doch noch „mit einem Bein in Äthiopien“. Zweieinhalb Jahre wirkte er dort, hatte sich für das Regierungsprogramm „Eine Welt ohne Hunger“ als Institutsleiter einer der 14 grünen Innovationszentren in der Agrar- und Ernährungswirtschaft freistellen lassen.

„Als ich wieder in Deutschland ankam, war ich zwar froh, endlich wieder etwas Vernünftiges zu essen zu bekommen, aber der Kulturschock machte mir doch zu schaffen“, erinnert er sich. Hier die satte Gesellschaft, der es an nichts mangele, dort Hunger und Elend. Die Eindrücke müssten erst einmal langsam verdaut werden. „Es ist ein Geschenk, in Deutschland leben zu können“, sagt der Institutsleiter.

Aus Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt mit inzwischen 100 Millionen Einwohnern (1973 waren es noch 25 Millionen) nehme er viele wertvolle Erfahrungen mit, die für sein Leben prägend seien. Er sei mit den Grundbedürfnissen des Lebens konfrontiert worden. „Dadurch habe ich eine große Erdung erfahren“, so der Wissenschaftler.

Seine Prognose: Im Jahre 2050 werde die Bevölkerung Äthiopiens auf 170 Millionen wachsen, was bedeute, dass ein Hektar Land, das heute für sechs Personen reiche, dann bereits zehn Menschen ernähren müsse. Doch wie so viele Menschen ernähren, wenn sie schon heute von der Hand in den Mund leben oder hungern? „Äthiopien kann es schaffen, alle Ressourcen sind vorhanden“, sagt Rahmann.

Sicherlich könne man in zwei Jahren keine Wunder vollbringen, doch man habe Weichen für eine effektivere Landwirtschaft mit einer zukunftsträchtigen Struktur stellen können. Die Äthiopier seien motiviert und im Grunde gute Landwirte – egal ob öko oder konventionell. Rahmann entwickelte ein Konzept und schuf neue Strukturen in einer Beispielregion in der Nähe der Hauptstadt. Viele junge Männer wanderten mangels Perspektive auf dem Land nach Addis Abeba ab, um dort für 1 Euro auf den unzähligen Baustellen zu arbeiten. Mädchen endeten oft in der Prostitution.

„Diese Region mit ihren 100 000 Höfen soll einen Leuchtturm-Charakter für andere Gebiete sein“, sagt er. Ein großes Projekt ist die Mechanisierung der Landwirtschaft. Vielerorts wird das Feld noch mit Ochsen bestellt. Rahmann besuchte 100 Höfe in der Region und besprach mit den Bauern den sinnvollen Einsatz von Pflug, Drille oder gar Mähdrescher. Lohnunternehmer verleihen die landwirtschaftlichen Maschinen – auch in abgelegenen Gebieten. Auf Modellbetrieben wurde konventionell oder mit technischen Innovationen angebaut. Die Kleinbauern überzeugten sich vor Ort, dass die Erträge steigen. Motto: Moderne Technik für mehr Erträge.

Die Landwirte konnten selbst ausprobieren, welche mechanische Hilfe für sie sinnvoll ist. 500 Betriebe beteiligen sich am Ende an dem Projekt„Die sind alle motiviert, aber es fehlen ihnen die nötigen Ressourcen, um 30 Prozent mehr Ernte einbringen zu können, die wir uns als Ziel gesetzt haben“, sagt Rahmann. Er hat zwar keinen Nachfolger , doch die Projekte sollen von „Managern“ weitergeführt werden. Denn das Bundesprojekt „Eine Welt ohne Hunger“ hat sich bis 2021 hohe Ziele gesteckt: Einkommenssteigerung um 30 Prozent in 70 000 kleinbäuerlichen Betrieben, Beschäftigungswachstum durch 2000 neue Arbeitsplätze, sowie Aus- und Fortbildung für 70 000 Kleinbauern.

In einer weiteren Region wurde mit praktischen Beispielen gezeigt, wie wichtig qualitativ hochwertiges Saatgut und dessen fachgerechte Lagerung ist. Rahmann plädierte neben dem traditionellen Weizenanbau für die Ackerbohne und eine sinnvolle Fruchtfolge. „Ziel ist eine gute fachliche Praxis, um die Landwirtschaft leistungsfähiger zu machen, die Privatwirtschaft zu stärken, mehr Selbstständigkeit und Selbstverantwortung für die Landwirte zu erreichen“, sagt er.

200 Biogasanlagen konnte der Trenthorster Wissenschaftler realisieren. Die Bauern haben dadurch eine Toilette und können mit Methangas kochen. In Berufsschulen wurden zwei Klassen eingerichtet: Agrarmechanisierung und Didaktik. Es wurden landwirtschaftliche Berater in Theorie und Praxis ausgebildet, die die Höfe unterstützen und Anleitungen für den sinnvollen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln geben.

Wichtig sei zudem, auch außerhalb der Landwirtschaft Arbeitsplätze zu schaffen. Daher regten Rahmann und sein Team die Bienenzucht an, die auch Frauen ausüben können. „Wir haben versucht, 1000 Arbeitsplätze zu schaffen“, so der Institutsleiter. Er plädiere für die drei H: Hirn – Hand – Herz. Manchmal seien die Lösungen ganz banal, man müsse sie nur erkennen.

„Meine Ideologie habe ich völlig abgelegt“, bekennt Rahmann, denn in Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern gehe es ums nackte Überleben. Ich habe mir in Äthiopien eine 55-Stunden-Woche gegönnt“, erinnert er sich an viel Arbeit, aber auch viele Erfolg. Er reiste zu den 13 anderen grünen Innovationszentren – etwa nach Mali, Mozambique, Burkina Faso, Sambia und Indien.

In einer Ecke seines Büro steht eine ungeöffnete Plastikflasche. Der Inhalt ist wenig appetitlich, denn es handelt sich um mühsam abgeschöpftes Wasser aus einer Wüste im Sudan, das mit Ziegendung und anderen wenig trinkbaren Zusätzen versetzt ist. 20 Liter habe er davon am Tag trinken müssen, um nicht zu verdursten. Für seine Doktorarbeit „Wie überlebe ich als Nomade in der Wüste?“ war er 1991/92 ein Jahr lang in der Wüste unterwegs. Vielleicht werde er den Inhalt irgendwann mal analysieren lassen, sagt der 54-Jährige schmunzelnd und erinnert sich an die Anfänge in einer evangelischen Kirchengemeinde in Ostfriesland, wo er sich bereits für Brot für die Welt engagierte und ihn ein Vortrag über Äthiopien stark beeindruckte: „Das hat mich so berührt, es war so schlimm und hat mich bis heute nicht losgelassen.“ Da schließe sich der Kreis. Nun habe er tatsächlich seinen Beitrag in Äthiopien leisten können – eine Herzensangelegenheit für den passionierten Bauern und Wissenschaftler.


>Institutsleiter Gerold Rahmann berichtet am Donnerstag, 25. Januar, ab 19 Uhr im Trenthorster Herrenhaus über seinen Aufenthalt, seine Arbeit und diskutiert mit den Zuhörern am Beispiel Äthiopien das Für und Wider von Entwicklungshilfe. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung unter E-Mail foelt@thuenen.de oder Tel. (04539) 88800 wird gebeten.



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