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Freispruch mangels Schuldfähigkeit : „In Schleswig-Holstein fehlt leider eine Jugendforensik“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

21-Jähriger fällt immer wieder wegen Diebstählen, Beleidigungen, Körperverletzungen und Bedrohungen auf.

André D. (Name geändert) fühlt sich verfolgt, hört Stimmen. Der heute 21-Jährige fällt immer wieder durch Diebstähle, Beleidigungen, Körperverletzungen und Bedrohungen auf. Scheinbar grundlos schlägt er auf Menschen ein, beleidigt und beschimpft sie. Insgesamt 24 Delikte listet die Anklageschrift des Schöffengerichts in Ahrensburg auf, die am vierten Verhandlungstag das Urteil fällt.

André D. ist psychisch krank, paranoide Schizophrenie diagnostiziert die Gutachterin. Die Fachärztin für Psychiatrie hält ihn für gefährlich, weil sich die Intensität seiner Taten im Lauf der Zeit gesteigert hat. Seit einem halben Jahr ist André D. in der forensischen Psychiatrie in Neustadt untergebracht. Das sei nicht der richtige Ort für seinen Mandanten, sagt sein Anwalt: „Als er im Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus untergebracht war, konnte ich noch vernünftig mit ihm sprechen.“

In der Forensik werde André D. dermaßen mit Medikamenten zugedröhnt, dass er jetzt stumpf und wirke. „Als ich ihn zuletzt besucht habe, konnte er kaum gehen.“ Therapien würden dort nur sehr eingeschränkt angeboten. Jetzt werde D. mit den härtesten Burschen zusammengesperrt, mit Sexualtätern, Mördern und Brandstiftern. „Das ist eine ganz andere Liga.“

„In Schleswig-Holstein fehlt leider eine Jugendforensik, wie es sie in Niedersachsen gibt“, sagt der Anwalt. Er bittet das Gericht, eine geeignetere geschlossene Einrichtung für seinen Mandanten zu finden. Zwar habe André D. mehrfach ein Messer vorgezeigt, doch es habe kein Anzeichen für einen Angriff damit gegeben. Die Staatsanwältin hingegen hält den Angeklagten für eine tickende Zeitbombe. Zwar habe er viele Taten im Zustand verringerter oder sogar ausgeschlossener Schuldfähigkeit begangen. Doch er bleibe eine Gefahr für die Allgemeinheit. „Er verkennt normale Situationen und fühlt wahnhafte Angriffe, gegen die er sich verteidigen muss.“ In Freiheit werde er sich erneut bewaffnen und seine Medikation abbrechen. André D. habe nur eingeschränkte Kontrolle über seine Impulse und es mangele ihm an Krankheitseinsicht. Er müsse in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden.

Das Gericht sieht die meisten Taten als erwiesen an, entscheidet jedoch auf Freispruch mangels Schuldfähigkeit. Doch es bleibt dabei: Der 21-Jährige muss vorerst in der Forensik bleiben. „Ohne eine Behandlung werden weitere Taten folgen“, sagt der Vorsitzende Richter. Das sei für das Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung nicht hinnehmbar. Zugleich müsse aber sichergestellt werden, dass er auch behandelt werde. Er habe noch nicht genügend Einsicht, dass er krank sei. „Er muss lernen, damit zu leben und die Krankheit in den Griff zu bekommen“, sagt der Vorsitzende Richter. Mit ärztlicher Hilfe könne er die Wege finden, um ein gutes Leben zu führen.

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