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Stormarner Tageblatt

17. August 2017 | 04:02 Uhr

„In Ihnen sehe ich die Hoffnung“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Margot Friedlander (92) überlebte den Holocaust und vermittelt der Jugend eindrucksvoll die Mission: „Versuche, dein Leben zu machen“

„Versuche, dein Leben zu machen“ – dieser Satz ihrer Mutter Auguste Bendheim hat Margot Friedlander ihr Leben lang begleitet. Ein eher nüchtern klingender Satz, den die Mutter der damals 21-jährigen Jüdin aus Berlin hinterließ, bevor sie mit ihrem Sohn in die Hände der Gestapo fiel. Margot Friedlander würde die beiden nie wieder sehen.

„Ich hatte 16 Helfer, die mich versteckt haben“, erinnert sich die alte Dame, die vor ein paar Jahren nach 64 Jahren in den USA zurück nach Deutschland zog, um junge Menschen von der Nazi-Zeit zu erzählen: „Ich spreche für diejenigen, die nicht mehr sprechen können. Ich spreche für Sie, für Ihre Zukunft spreche ich, damit so etwas nie wieder geschehen kann.“

Die feine, kleine Dame sitzt vor Schülern der 10. bis 13. Klassen der Immanuel-Kant-Schule. Die Aula ist bis auf den letzten Platz besetzt. Gebannt hören die Jugendlichen der 92-Jährigen zu. Margot Friedlander trägt die Bernsteinkette ihrer Mutter, die sie 1943 vor ihrem Untertauchen in der Handtasche ihrer Mutter fand.

Mucksmäuschenstill wird es in der Aula, als sie mit dem Lesen aus ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen“ beginnt. Die Stimme einer alten Dame, doch klar und mitreißend, faszinierend und berührend. Es ist so still im Raum, dass man jedes Räuspern hören kann.

Margot Friedlander entführt die jungen Zuhörer in die Welt der Nazis in den Jahren 1943 bis 1945, zeichnet ein Bild vom Leben der Juden in Berlin. Sie verliert Bruder und Mutter aus den Augen, versteckt sich vor der Gestapo, wird schließlich doch aufgegriffen und nach Theresienstadt gebracht. Dort bemerkt sie, dass unzählige Juden in den Osten abtransportiert werden. Erst nach der Befreiung erfährt sie jedoch, dass diese in Auschwitz vergast wurden. Güterzüge mit Leichen und ausgemergelten, halb toten Häftlingen kamen in Theresienstadt an. Friedlander: „Wir waren die Übriggebliebenen“. Sie habe in die Augen der Gequälten gesehen, Augen, „die nichts mehr sahen“.

Die alte Dame mit den schlohweißen Haaren und den wachen Augen findet die richtigen Worte, um das Ungeheuerliche zu beschreiben. Nach der Lesung bleibt es für einige Zeit vollkommen still in der Aula. Zu sehr hat die Lesung die Zuhörer berührt. Erst dann klatschen sie und stellen etwas zögerlich Fragen an die Überlebende des Holocaust. Die Vernichtung von sechs Millionen Juden sei zwar von Menschen begangen worden, sei jedoch nicht menschlich, so Friedlander. Trotzdem sei sie nach Deutschland zurückgekehrt, um „Ihnen die Hand zu reichen“ - und lächelt dabei den Jugendlichen zu - „Wir sind die letzten Zeitzeugen, die es bald nicht mehr geben wird.“ Daher sei es ihre Aufgabe – ja eine Mission; die sie antreibe, die nachfolgenden Generationen zu informieren. Zwei Mal in der Woche liest sie vor Schülern in ganz Deutschland.

Noch immer plagen sie Schuldgefühle, den Holocaust überlebt zu haben. Dieser seelische Schmerz habe sie ihr ganzes Leben nicht mehr losgelassen, das unterscheide sie von anderen. Und immer wieder fragt sie sich: Wie war es möglich, dass so etwas in Deutschland geschehen konnte? Als sie 2003 nach Berlin zurückkehrte, seien Menschen plötzlich zu Freunden geworden. Ihr sei durchaus bewusst, dass es in der Nazi-Zeit auch mutige Menschen mit Zivilcourage gegeben habe, sonst hätte sie nicht überlebt. Viele hätten sich damals das ganze Ausmaß des Schreckens nicht vorstellen können, hätten zu wenig darüber gewusst.

Margot Friedlander hinterlässt bei den Schülern zwar einen mahnenden Zeigefinger, aber gibt ihnen auch Hoffnung mit auf den Weg: „Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, dann fällt Ihnen diese Aufgabe zu.“




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erstellt am 20.Feb.2014 | 12:11 Uhr

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