"Ich wollte nie Karriere machen und immer Gemeindepastor sein"

<dick>Pastor Erhard Graf</dick> ist mit Leib und Seele  Landpfarrer. Foto: Schlüter-hürdler
Pastor Erhard Graf ist mit Leib und Seele Landpfarrer. Foto: Schlüter-hürdler

shz.de von
13. September 2010, 07:17 Uhr

Klein Wesenberg | Bei Kerzenschein in Pastor Erhard Grafs gemütlichem Arbeitszimmer an einem verregneten Septembertag - da lässt es sich gut plaudern und in Erinnerungen schwelgen. Und Erhard Graf, seit 2008 Pastor für die Gemeinden Klein Wesenberg und Hamberge, erzählt interessant.

Viel hat er in seinen 30 Dienst- und 40 Arbeitsjahren als Pastor von Landgemeinden und Marine-Seelsorger erlebt. "Ich wollte nie Karriere machen und in irgendeinem hohen Kirchenamt versauern", sagt er: "Ich wollte immer Gemeindepastor sein." Das ist dem 55-Jährigen ein Herzensanliegen. Seinen Glauben und seine Liebe zu den Menschen hat er sich trotz widriger Umstände immer bewahrt.

Das ist umso bemerkenswerter, startete er doch im September 1980 nach einer Ausbildung zum Mess- und Regelungstechniker, dem Abi tur auf dem zweiten Bildungsweg und dem Studium der Theologie an der kirchlichen Hochschule als Pfarrassistent in dem kleinen Ort Vippachedelhausen im Thüringer Becken in der ehemaligen DDR. Er wurde Landpastor in einem der "rotesten Flecken" der DDR. "Thüringen wurde damals auch gern die Kirchenwüste genannt", erinnert er sich.

Erhard Graf übernahm ein halb verfallenes altes Pfarrhaus, hielt jeden Sonntag vier Gottesdienste in vier verschiedenen Kirchen ab - diese ebenfalls marode und vom Staat vernachlässigt. Der Pastor schaffte es, durch Spenden und der Mithilfe von Christen - oft unter dem Mantel der strengsten Geheimhaltung - die Kirchen in Eigenregie zu renovieren. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde die Kuppel einer Dorfkirche repariert und vergoldet. "Die Kirche als sichtbares Symbol: Wir sind noch da", freut sich Graf noch heute über die Aktion. Man habe nie gewusst, ob jemand von der Stasi mithört. 440 Mark Gehalt bekam Erhard Graf. "Wir mussten uns halt beschränken", sagt er.

Das Leben eines Landpfarrers war wahrhaftig kein Zuckerschlecken in der DDR und brachte diverse gesellschaftliche Nachteile. Seine Frau Elke durfte als Kinderkrankenschwester nicht länger in einem staatlichen Krankenhaus arbeiten. Er hatte Angst, dass seine drei Kinder durch seine Tätigkeit schulisch und beruflich ins Hintertreffen geraten könnten. Christen, die ihre Kinder konfirmieren ließen, hatten gleich einen Vermerk in ihrer Stasi-Akte. Als Erhard Graf sich entschloss, Pastor zu werden, war seine Familie entsetzt, fürchtete sie doch Nachteile für ihren Sohn. Sie tolerierte jedoch seinen Entschluss. "Einige entfernte Verwandte wollten jedoch plötzlich nichts mehr mit mir zu tun haben", erinnert sich Graf. Erst nach dem Tod seines Vaters erfuhr er, das dieser berufliche Schwierigkeiten seinetwegen hatte.

Nach der Wende kam auch ans Tageslicht, dass einer seiner kirchlichen Vorgesetzten mit der Stasi unter einer Decke steckte. Nach der Wiedervereinigung zog es Erhard Graf 1993 als Marine-Seelsorger nach Kiel, wo er 650 Tage auf See mit der Gorch Fock, U-Booten, sowie Kampf- und Minentauchern verbrachte. Bevor er wieder zu seinen Wurzeln als Landpfarrer nach Klein Wesenberg zurückkehrte, leitete er eine Pfarrstelle in Kiel-Klausdorf. Ein bewegtes, spannendes Leben. Auch heute ist Erhard Graf aktiv. Er setzt sich für die Sanierung der Kirchen in Klein Wesenberg und Hamberge ein, initiiert Pilgerfahrten und Lauftreffs. Er ist kein Bequemer.

"Als Pastor in der DDR habe ich gelernt, viel in Frage zu stellen, mich nicht von der Obrigkeit abhängig zu machen." Ein geradliniges, konsequentes Denken, das so manchen in seiner Laufbahn gestört hat. Aber ohne Ehrlichkeit und Engagement könne man nichts bewegen. Erhard Graf: "Ich habe immer meine Meinung kundgetan."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen