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Trenthorst : Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das Thünen-Institut in Trenthorst startet die erste Versuchsreihe mit der Hühnerrasse „Lohmann Dual“ unter praxisnahen Bedingungen.

Die sind aber ganz schön groß geworden! Aus den niedlich-flauschigen Küken, die im Mai geschlüpft sind und anschließend getauft wurden, sind ausgewachsene Hühner geworden. Und was für welche: Strahlend weiß mit sich überlappenden Federn – ein Zeichen für eine artgerechte Tierhaltung. Im Freigehege in Wulmenau können sie scharren, picken, Sandbäder nehmen und sich frei bewegen. Möglich macht dies ein mobiler Hühnerstall, der je nach Bedarf – meist alle zwei bis drei Wochen – versetzt wird. Auch die Zäune sind mobil und können schnell umgesetzt werden. So bleibt der Auslauf immer attraktiv für die Legehennen. „Dann haben die Hühner wieder frisches Gras und können Neues entdecken“, erklärt Wissenschaftlerin Dr. Lisa Baldinger aus Wien.

„Die Hühner sind neu und ich auch“, schmunzelt sie. Denn die Wissenschaftlerin, die in Nutztierhaltung promovierte, ist quasi mit den Hühnern nach Trenthorst gekommen und eine Fachkraft auf dem Gebiet der ökologischen Tierernährung. Nachdem die Ziegen in Wulmenau „ausgeforscht“ waren, entschloss sich das Institut für ökologischen Landbau, sich an die Erforschung der Hühner zu wagen. In kleinen Schritten tasteten sich die Wissenschaftler vor, denn, so Lisa Baldinger: „Hühner sind anspruchsvolle Tiere. Sie brauchen Tageslicht, Rückzugsorte, müssen picken, scharren, sich bewegen, benötigen das richtige Futter.“ Außerdem dürfe die Besatzdichte nicht zu hoch sein.

Zehn Prozent der Eier auf dem deutschen Markt seien schon Bio-Eier, Bio-Geflügelfleisch habe einen Marktanteil von 1,6 Prozent. „Da haben wir gute Wachstumschancen“, so Baldinger. Die Aufgabe des Thünen-Instituts sei es, artgerechte Haltung zu gewährleisten, ohne dabei den ökonomischen Aspekt außer Acht zu lassen. Baldinger: „Unter praxisnahen 100 Prozent Bio-Bedingungen wird hier Forschung für eine regionale und tiergerechte ökologische Hühnerproduktion betrieben“.

„Wir arbeiten hier nach streng ökologischen Richtlinien“, betont sie. Obwohl es mehr Aufwand bedeute, habe man sich für den Mobilstall entschieden, der auf Bio-Höfen heute schon gebräuchlich ist. „Dies ist aber das kleinste Modell“, sagt sie und deutet auf die insgesamt 170 Hennen und vier beschützende Begleithähne, die in zwei Gruppen auf der Grünfläche nach Futter suchen. Das sei genau ausreichend für die Hühner der Rasse „Lohmann Dual“ einer renommierten Zuchtfirma aus Cuxhaven. Für die duale Hühnerrasse habe man sich entschieden, um zu vermeiden, dass männliche Küken gleich nach dem Schlüpfen getötet werden. Bei dieser erst jungen Rasse könne man die Hähne zum Mästen verwenden, die Hennen zur Eierproduktion und käme somit nicht in einen ethischen Konflikt.

Vor zwei Wochen haben die Legehennen ihre ersten Eier in die Nester im Mobilstall gelegt. Diese sind abgedunkelt und mit Gummimatten ausgelegt. Die Eier fallen auf ein Laufband und können so leichter „geerntet“ werden. Eine automatische Stalltür sorgt dafür, dass die Hühner morgens hinaus auf die Wiese können und abends vor Mardern, Füchsen und Greifvögeln geschützt sind.

Heute startet Lisa Baldinger den ersten Versuch mit ihren Schützlingen. Die Hennen erhalten normalerweise das handelsübliche Bio-Legehennenfutter und Weizen - ungefähr sieben Kilogramm pro Tag. Um zu erforschen, wie die Hennen auf neues Futter reagieren, füttert Lisa Baldinger erstmals „nur zum Probieren“ an eine der beiden Hühnergruppen rund ein Kilogramm Saatwicken, die zuvor in einem Keimrad angesetzt wurden. Saatwicken enthalten viel Eiweiß und eignen sich besonders gut für den ökologischen Anbau, wie in Trenthorst bewiesen werden konnte. Damit die Saatwicken keine Verdauungsstörungen bei den Hühnern verursachen, werden sie als Keimlinge verfüttert. „Saatwicken sind Verwandte von Erbsen und Bohnen und enthalten über 30 Prozent Eiweiß“, so die Wissenschaftlerin. Hühner seien heute Hochleistungstiere, die hohe Ansprüche hätten. Eiweiß und Energie seien da besonders wichtig.

Noch während sie das neue Futter in einen Keramik-Bottich streut, scharen sich die Hühner um ihn und beginnen zu picken. Damit hätte Lisa Baldinger gar nicht gerechnet. Oft verschmähten sie tagelang das neue Futter, bevor sie sich herantrauten. Die Wissenschaftlerin dokumentiert nun über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten, wie viel die Legehennen fressen, wie viele und wie große Eier sie legen, ob die Dotterfarbe sich verändert, ob ihnen das neue Futter bekommt.

Bei dem Versuch wird erforscht, ob und wie sich Legeleistung und Eiqualität verändern. In Trenthorst arbeite man unter „echten ökologischen Bedingungen“, damit das Ergebnis später auch in der Praxis angewendet werden könne. Dass die engagierte Wissenschaftlerin nicht nur mit Leib und Seele forscht, sondern ihr ihre Schützlinge auch ans Herz gewachsen sind, ist bestimmt genauso wichtig für das Gedeihen der Hühner wie die artgerechte, ökologische Tierhaltung.

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erstellt am 09.Sep.2015 | 16:00 Uhr

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