Referendariat : "Ich will nicht im Schuldienst versacken"

Sauer auf das Kultusministerium:  Sven und Friederike Sommer. 'Auf Dauer will ich nicht im Schuldienst versacken.' Foto: Olbertz
Sauer auf das Kultusministerium: Sven und Friederike Sommer. "Auf Dauer will ich nicht im Schuldienst versacken." Foto: Olbertz

Sie sind beide überaus qualifiziert. In den Schuldienst dürfen sie aber dennoch nicht. Frederike Sommer und ihr Mann Sven finden trotz Traumnoten kein Referendariat. Ein Hindernis: Die Bewerbungsfrist endet vor den Zeugnissen.

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01. Januar 2009, 06:02 Uhr

Bad Oldesloe | "Ich möchte meine Ausbildung endlich beenden", fordert Friederike Sommer. Doch da raus wird wohl nichts. Die 26-Jährige sitzt neben ihrem Mann Sven auf dem Sofa und blickt verärgert auf ein Schreiben des Kultusministeriums. Ihre Bewerbung um einen Referendariatsplatz ist abgelehnt worden. "Als ich anfing zu studieren, hat uns der Prof. mal eine Folie zur Stellenentwicklung für Lehrer aufgelegt und ich dachte: Wow, da kannst du ja gar nicht arbeitslos werden." Aber jetzt ist sies - obwohl sie unter anderem die "Mängelfächer" Mathe und Physik studiert hat und das Examen mit 1,8 machte.
Bei ihrem Mann sieht es nicht viel besser aus. Der gebürtige Oldesloer wechselte nach dem Realschulabschluss ans Fachgymnasium. Dort hat er seine spätere Frau kennengelernt. "Nach dem Abi sind wir dann beide nach Flensburg studieren", erzählt der 27-Jährige. Er will Realschullehrer für Chemie und Physik werden. Eine traumhafte Fächerkombination und eine ebenso traumhafte Examensnote: 1,1. Nach so einem lecken sich die Arbeitgeber die Finger - sollte man denken. Aber nicht das Land Schleswig-Holstein.
Bewerbungsfrist endet vor den Zeugnissen
Bei dem jungen Paar hat sich Nachwuchs eingestellt. "Ich muss Geld verdienen, deshalb wollte ich natürlich, dass es nach dem Examen im Mai möglichst nahtlos weiter geht", erzählt der Familienvater und erlebte eine böse Überraschung: Das Bewerbungsverfahren für Refrendariate ab Schuljahresbeginn endete bereits im April. Zu dem Zeitpunkt hatten Friederike und Sven Sommer aber noch keine Zeugnisse, ergo konnte sie sich auch nicht bewerben. Sven Sommer: "Das kann sich kein vernünftiges Unternehmen leisten, dass es die Leute nach der Ausbildung erst mal in die Warteschleife schickt. Wir sind ausgebildet worden, das hat Geld gekostet und trotzdem dürfen wir nicht in den Schuldienst." Im Ministerium gab man den beiden einen Tipp: Sie könnten sich ja als Vertretungslehrer bewerben.
Das hat Sven Sommer notgedrungen getan. Ausdrücklich lobt er die gute Zusammenarbeit mit dem Stormarner Schulamt. Im direkten Anschluss ans Examen konnte er loslegen. Erst an der Realschule, später wechselte er als angehender Realschullehrer auf die Grund- und Hauptschule in Bad Oldesloe. Kein Problem für den Nachwuchspädagogen: "Ich bin ja froh, überhaupt eine Stelle zu haben." Auch wenn der Verdienst nur knapp über der Armutsgrenze liege. Seine Frau ist auch aus anderen Gründen nicht zufrieden: "Sven muss viel fachfremd unterrichten. Dabei war genau das das Erste was sie uns im Studium eingebläut haben: Unterrichtet nicht fachfremd! Lasst euch nicht gleich verheizen." In ihrem dritten Fach, Haushaltslehre, wird das zum Problem. Es gibt kaum noch Lehrer, die das studiert haben, es wird überwiegend fachfremd unterrichtet aber diese Kollegen wollen sich dann nicht als Mentoren zur Verfügung stellen.
Absage des Ministeriums

Gerade Friederike Sommer kam es eigentlich gut zupass, nicht direkt eine Stelle antreten zu müssen - so konnte sich sich um ihren Sohn kümmern. Aber jetzt, zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres, würde sie schon gerne loslegen. Doch das Ministerium schickte eine Absage.
499 Bewerbungen waren dort eingegangen. 399 waren komplett - unter denen wurden allerdings nur 59 Ausbildungsplätze vergeben. 35 Stellen waren für Mangelfächer vorgesehen, davon könnte Friederike Sommer gleich zwei unterrichten. Trotzdem erhielt sie eine Absage. Sie blickt in eine ungewisse Zukunft: "Eine Freundin von mir wartet mittlerweile sogar so lange auf eine Stelle wie sie studiert hat. Die überlegt, ob sie überhaupt noch an die Schule will."
"Wir sind noch vom alten Eisen"
"Es ärgert mich, dass das alles überhaupt nicht durchdacht ist", klagt ihr Mann: "Alles wird umgemodelt. Referendariat heißt zukünftig Lehrer in Ausbildung und an der Uni werden die Abschlüsse auf Master umgestellt." Friederike Sommer ergänzt: "Wir sind noch vom alten Eisen. Aber jetzt kommen die Masterabgänge auf die man sich konzentriert wird." In der Folge fürchtet sie, noch schlechtere Chancen zu haben.
Der Oldesloer hat seine Konsequenzen gezogen. Sein Professor hat ihm ein Stipendium besorgt, ab Februar ist er Promotionsstundent. Die Folge daraus ist jetzt schon klar: "Auf Dauer will ich nicht im Schuldienst versacken. Dann bin ich dafür auch überqualifiziert." Stattdessen wird er höchstwahrscheinlich eine Laufbahn an der Uni einschlagen. Sommer: "Das ist sehr viel freier, das motiviert einfach mehr."

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