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Bad Oldesloe : „Ich hoffe, ihr kommt mal nach Russland“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Erfolgreiches Jugendprojekt auf Bad Oldesloer Friedhof: Junge Russen pflegen Kriegsgräber ihrer Landsleute.

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erstellt am 05.Sep.2015 | 06:00 Uhr

Strahlende, freudige Gesichter auf einem Friedhof? Das ist wohl doch eher die Ausnahme. Aber das war ja auch keine Beerdigung, sondern ein internationales Jugendprojekt. Zehn russische Jugendliche haben Kriegsgräber ihrer Landsleute auf dem Oldesloer Friedhof erneuert.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren in Oldesloe und Umgebung rund 100 Kriegsgefangene. Keine Soldaten, sondern Zwangsarbeiter, die beispielsweise in der Landwirtschaft schuften mussten. 24 von ihnen sind hier gestorben, zehn liegen in einem Sammelgrab, 14 wurden einzeln beerdigt. Bei den Einzelgräbern war eine Umgestaltung dringend nötig.

„Wir hätten es auch schnell selber erledigen können“, sagt Friedhofsleiter Jörg Lelke. Stattdessen machte er den Vorschlag, russische Jugendliche einzubinden. „Ohne höhere Stellen funktioniert das nicht“, weiß Lelke. Das Innenministerium war eingeschaltet und ein Staatssekretär in der Botschaft engagierte sich – das Konsulat hat die Transportkosten übernommen. Seitens des Volksbunds wurden neue Grabsteine finanziert. Spender deckten weitere Materialkosten. Jörg Lelke: „Wenn die Sachkosten geregelt sind, dann übernehmen wir als Kirchengemeinde die Kosten für Unterbringung und Freizeitprogramm.“ Auch an den Kosten beteiligten sich Spender. Gerd-Günter Fink, Vorsitzender des Volksbunds, bot eine Stadtführung an, Kay Gladigau eine Kirchenbesichtigung in Lübeck. Friedhofsmitarbeiter Alexander Wittmer übernahm die Übersetzung. „Das war sehr beeindruckend“, schwärmen die Jugendlichen von den Unternehmungen: „Vor lauter Informationen sind wir abends nur noch müde ins Bett gefallen.“

Gestern wurden die fertigen Gräber präsentiert. Pastor Diethelm Schark zeigte sich begeistert und berührt zugleich: „Was ich jetzt erst fassungslos hier sehe – der war 14, hier 16 Jahre alt. Das waren zum Teil Kinder!“

Die Gräber haben auch die Jugendlichen berührt. „Warum ist hier kein Geburtsdatum? Kein genaues Sterbedatum? Es wurde viel gerechnet und gelesen, ob die Namen Rückschlüsse auf die Herkunft geben“, erzählt Lelke: „Die wollten hier gar nicht mehr weg.“ Die jungen Russen stammen aus der Stadt Tschechow 80 Kilometer von Moskau entfernt. Den jungen Leuten hat es in Oldesloe gut gefallen.

„Für uns ist das hier sehr wichtig“, bedankte sich Galina Romanowa beim Friedhofsteam: „Ich hoffe, ihr kommt eines Tages auch mal nach Russland.“ Die 24-Jährige ist Leiterin eines Freiwilligenteams im örtlichen Jugendtreff. „Deutsche sind gute Freunde – ich nehme viele Eindrücke mit nach Hause. Ich hoffe, das Projekt geht in den nächsten Jahren weiter“, sagt sie. Bei deutsch-russischen Grillabenden wurden trotz Sprachbarrieren viele Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut. Nachdem das Gepäck der Gruppe am falschen Flughafen gelandet war, glaubt jedenfalls kaum noch einer der jungen Russen an deutsche Ordnung.

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