zur Navigation springen

Mord Bargteheide vor Gericht : „Ich hatte niemals vor, sie zu töten“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Sven S. tischt dem Gericht ein Geständnis auf, nach dem er unter Depressionen und Rückenschmerzen litt und aus Versehen schoss.

shz.de von
erstellt am 25.Apr.2017 | 06:00 Uhr

Am sechsten Prozesstag gegen Sven S. aus Bargteheide sitzt der Angeklagte demonstrativ mit dem Rücken zu allen Anwesenden im Gerichtssaal, den Körper weit nach vorne gebeugt, das Gesicht in seinen Händen verborgen. Staatsanwalt Nils-Broder Greve fällt auf, dass er mit den wachhabenden Justizbeamten kommuniziert. Der Beamte deutet daraufhin auf den Gehörschutz im Ohr des Angeklagten. Er wird sofort vom Vorsitzenden Richter Christian Singelmann gebeten, es aus den Ohren zu nehmen.

Dem mehrfach wegen häuslicher Gewalt und anderer Delikte vorbestraften 35-Jährigen wird vorgeworfen, seine ehemalige Freundin Svea T. ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Heimtücke und Handeln aus niederen Beweggründen vor. Die junge Frau – Opfer von drei Schüssen – soll unter Vortäuschung falscher Tatsachen vom Täter in die Wohnung des Angeklagten gelockt worden sein, wo sie den Schussverletzungen erlag.

Nachdem am letzten Verhandlungstag Zeugen aus der näheren Umgebung des Tatorts an der Alten Landstraße ausgesagt hatten, äußert sich ein chinesischen Restaurantbetreibers, dem diesmal ein Dolmetscher zur Seite gestellt worden ist. Er erinnert sich an einen heftigen Streit zwischen einer Frau und einem Mann und an zwei Schussgeräusche.

Nach der Zeugenaussage spricht der Richter den Angeklagten erneut an: „Wir benehmen uns hier alle wie vernünftige erwachsene Menschen. Wollen Sie sich nicht auch so benehmen?“ Da beschwert sich Sven S. lautstark darüber, erst jetzt Einsicht in seine Akten bekommen und noch immer keinen Kontakt zu seinem Wunschverteidiger zu haben. Man versperre ihm den Weg, hier endlich selbst eine Aussage zu machen. Er habe das Recht, sich ins „rechte Licht“ zu rücken.

Ein zehnseitiges Geständnis des Angeklagten liege vor, mischt sich Verteidiger Dr. Bachmann ein. Nach einer kurzen Verhandlungspause mit lauter Diskussion zwischen Angeklagtem und Verteidiger hinter verschlossenen Türen willigt Sven S. ein, das Geständnis durch seinen Anwalt verlesen zu lassen.

Sven S. richtet seinen Brief an die Eltern von Svea T. Er vermisse das Opfer genauso wie ihre Eltern und könne nachvollziehen, was diese jetzt durchmachten. Er habe Svea T. nicht töten wollen und liebe sie noch immer über alles. Er habe wegen eines unheilbaren Rückenleidens und extremen Schmerzen unter Depressionen gelitten und sich immer mehr in Kokainkonsum geflüchtet. Innerlich habe er sich zerrissen gefühlt und die Erkenntnis erlangt, nichts in seinem 35-jährigen Leben erreicht zu haben.

Hinzu seien Trennungsängste, finanzielle Sorgen, der Verdacht auf einen Versicherungsbetrug und einen Raubüberfall, sein Führerscheinentzug wegen Drogenkonsums, der Unterhalt für seine beiden Kinder und der Handel mit Kokain gekommen. Ohne Sveas Hilfe wäre er psychisch zusammengebrochen. Außerdem sei er von Panikattacken heimgesucht gewesen und habe sich in seiner Wohnung verschanzt. In Panik habe er Svea gedroht, er habe aber niemals vorgehabt, ihr Gewalt anzutun. Erst spät habe seine Freundin vom erhöhten Kokainkonsum gewusst, ihm einen kalten Entzug vorgeschlagen, der misslang. Als Beweis dafür, dass Svea T. und er kurz vor der Tat noch zusammen waren, führt er Päckchen mit Süßigkeiten an, die sie ihm noch kurz vorher an seinen zwischenzeitlichen Arbeitsplatz in Dänemark geschickt habe. Die Waffe hab er sich gegen mögliche Einbrecher besorgt.

Am Tattag habe er vorgehabt, sich das Leben zu nehmen, um Svea T. und alle anderen vor ihm zu schützen. Mit der Pistole im Mund habe seine Freundin ihn in seiner Wohnung angetroffen. Es sei zu einem Handgemenge gekommen, bei dem Svea versucht habe, ihm die Waffe aus der Hand zu nehmen. Dabei habe sich ein Schuss gelöst und den Arm des Opfers getroffen. Daraufhin sei er in eine Art Schockzustand geraten und erstarrt, so dass seine Hand verkrampfte und sich zwei weitere Schüsse lösten. Danach habe er einen Filmriss. „Ich hatte niemals vor, sie zu töten. Ich wollte versuchen, andere vor mir zu schützen. Es war eine schreckliche Nacht, in der das in meinem Rausch passiert ist“, schreibt Sven S.

Ein weiterer Zeuge, Freund und Arbeitskollege auf der Baustelle in Dänemark, widerlegt die Aussage und spricht von gelegentlichem Kokainkonsum des Angeklagten. Er habe geglaubt, dass Svea T. und der Angeklagte auch kurz vor der Tat noch ein Paar gewesen seien, es sich aber schon um eine komplizierte On-Off-Beziehung gehandelt habe.

Der nächste Zeuge, Insasse der JVA Lübeck, bringt Licht ins Dunkel um die Tatwaffe. Er will mitgehört haben, dass Sven S. die Waffe für 2500 Euro von einem Albaner bekommen haben soll. Dies habe ihm der Angeklagte kurz nach seiner Verhaftung anvertraut.

Sven S. soll außerdem einen Versicherungsbetrug geplant haben, indem er den Albaner und einen weiteren Freund dazu animierte, seinen BMW zu entwenden. Mit dem Auto hätten diese dann einen Raubüberfall begangen, für den beide ebenfalls in der JVA eine Haftstrafe absitzen. Der Angeklagte habe ihm seine Geschichte beim Umschluss anvertraut, habe ihm erzählt, dass er am liebsten den Vater des Opfers umbringen wollte und dass er mit einer Haftstrafe von sechs bis acht Jahren rechne, wenn er „einen auf krank mache“.

Am Tatmorgen habe er sich die Pistole in den Mund gesteckt, auf Svea S. gewartet und habe sie mit drei Schüssen umgebracht. Der Zeuge, der selbst eine mehr als siebenjährige Haftstrafe wegen Betruges absitzt, habe das Gespräch der Staatsanwaltschaft gemeldet, woraufhin Sven S. extrem aggressiv geworden sei, ihm einen Drohbrief geschrieben und gedroht habe, seine Tochter zu vergewaltigen. Auch habe der Angeklagte nicht traurig gewirkt, wie man nach so einer Tat ja annehmen könne. Er habe Sport gemacht und viel gelacht. Da für Sven S. eine Kontaktsperre angeordnet worden war, habe dieser versucht, über ihn Briefe in die U-Haft zu schmuggeln, die er aber weitergeleitet habe.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen