Bad Oldesloe : Hugo Erdmann (97): Bei ihm jobbte sogar Gerhard Stoltenberg

Hugo Erdmann kann viel erzählen, der gebürtige Oldesloer ist jetzt 97 Jahre alt.
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Hugo Erdmann kann viel erzählen, der gebürtige Oldesloer ist jetzt 97 Jahre alt.

Das Oldesloer Urgestein traf sich jahrzehntelang regelmäßig mit Klassenkameraden und schaffte es ins Guinness Buch der Rekorde.

shz.de von
20. September 2017, 06:00 Uhr

Hugo Erdmann ist ein Oldesloer „Urgestein“ und allseits bekannt in der Kreisstadt, schließlich hat er 38 Jahre lang als Obergärtner auf dem Oldesloer Friedhof gearbeitet und in dieser Zeit „halb Oldesloe“ unter die Erde gebracht. Fast täglich ist der muntere und stets gut gelaunte Senior mit seinem Rollator in der Fußgängerzone unterwegs, um einzukaufen und den ein oder anderen Schnack zu tätigen – am liebsten auf Platt. Man mag es kaum glauben, aber Hugo Erdmann ist bereits 97 Jahre alt und er kann sich noch an Zeiten erinnern, die für andere längst vergangene und staubige Geschichte sind.

Erdmann erzählt immer wieder gern von den alten Zeiten, seien es Erinnerungen an seine Schulzeit in der Stadtschule, an seine Zeit als Gärtner auf dem Friedhof oder auch grausame Erfahrungen als junger Soldat im 2. Weltkrieg in Russland. Ein Höhepunkt war für ihn der Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde 1998. Sein Gedächtnis funktioniert nach wie vor bestens, seine Augen sehen scharf ohne Brille, nur ein Hörgerät benötigt der rüstige Oldesloer, der sich jeden Tag auf das Stormarner Tageblatt und jeden Monat auf seine kleine Skatrunde mit einer 96 Jahre alten Verwandten und deren Sohn freut.


Geburt auf Gut Blumendorf

Geboren wurde Hugo als zweitjüngstes von acht Kindern auf Gut Blumendorf, wo sein Vater Gustav als Stallknecht und seine Mutter als Melkerin arbeitete. „Mein Vater hat 28 Jahre lang in Blumendorf die Kühe gefüttert, gehütet und die Milch fertiggemacht. Die wurde von einem Herrn Flusberg, einem Hamburger Juden, kontrolliert und nach Hamburg gebracht. Hier wurde die Milch hauptsächlich an Juden verkauft, denn sie war koscher.

Der Ernst des Lebens begann für den kleinen Jungen im Jahr 1927, als er in der Schule in Wolkenwehe eingeschult wurde. Der Fußweg ging über Felder und Wiesen, ein Jahr später wurde er noch etwas länger,








denn dann musste er nach Oldesloe in die Stadtschule laufen. Im Zuge der Eingemeindung von Wolkenwehe wurde die dortige Dorfschule geschlossen. In der Stadtschule gab es reine Jungen- und Mädchenklassen mit jeweils rund 50 Kindern. Lehrer Timmermann unterrichtete mit strenger Hand, dazu gehört auch ein Reetstock, der häufiger zum Einsatz kam. „Ich bin immer zu Fuß zur Schule gelaufen, bis ich als Zwölfjähriger von meinem Onkel zu Weihnachten ein Fahrrad geschenkt bekam“, erzählt Hugo, der im 2. Spielmannszug der Stadtschule Flöte spielte, die er sogar heute noch besitzt.

„Mit zwölf Jahren musste ich auf dem Gut Blumendorf anfangen zu arbeiten. Nach der Schule ging’s zur Gutsgärtnerei, wo ich bis sechs Uhr abends Unkraut hacken, Obst und Gemüse ernten musste. Nach dem Abendbrot musste ich mit meinem

Vater noch Gras für die Ziegen mähen. Die Hausaufgaben konnte ich erst spät abends erledigen“, erzählt Hugo Erdmann. Da blieb so gut wie keine Zeit zum Spielen oder für Freizeit.

1936 wurde Konfirmation gefeiert und nach neun Schuljahren zog der Junge nach Sülfeld, um in der Gärtnerei Sorgenfrey eine Lehre als Gärtner zu beginnen. Nach der Lehre musste der junge Mann in den Krieg und überlebte nur mit sehr viel Glück den Einsatz an der Ostfront in Russland.







Nach dem Kriegsende kehrte er zu den Eltern nach Blumendorf zurück und konnte bereits im Juli 1945 als Friedhofsgärtner in Oldesloe anfangen.

1947 heiratete er seine Frau Ursula, Sohn Karl-Heinz und Tochter Gisela wurden geboren. Sehr gut erinnert sich Hugo Erdmann noch an den damaligen Oldesloer Pastor Gustav Stoltenberg, dessen Sohn Gerhard in den Schulferien oft bei ihm auf dem Friedhof jobbte. Fürs Harken und Hacken wurde der spätere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein mit 50 Pfennig pro Stunde entlohnt. „Gerhard Stoltenberg kam auch noch Jahre nach dem Tod seiner Eltern regelmäßig auf den Friedhof, wo ich dann mit ihm klönte“, erzählt der rüstige Oldesloer.

Auch den Oldesloer Pferdeknecht und Maler Carl-Christian Thegen kannte Erdmann gut. Er war oft auf Gut Blumendorf zu Besuch, wo er Milch schnorrte. Auf dessen anonymes Grab pflanzte Hugo Erdmann damals eine Birke, um es später wiederzufinden. In den 38 Dienstjahren von Hugo Erdmann wurden rund 10  500 Menschen auf dem Oldesloer Friedhof beerdigt, also rund 300 pro Jahr. 1950 kam es zu einem ersten Klassentreffen aller ehemaligen Stadtschüler, die 1926/27 eingeschult wurden, bei Alfred Möller im Schwarzendamm. Nur drei Jahre später folgte das zweite Klassentreffen. „Später haben wir uns monatlich in der Alten Bierquelle getroffen und zum Vogelschießen kamen auch alle von außerhalb wieder nach Oldesloe“, erzählt Hugo Erdmann. Ab 1989 wurde alljährlich zusammen mit den Frauen ein Ausflug unternommen, es gab Adventsfeiern und Grünkohlessen.


Vier Enkel und vier Urenkel

So viel Zusammenhalt unter den ehemaligen Klassenkameraden wurde 1998 mit einem Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde belohnt, und zwar als „längstes Ehemaligentreffen“ über einen Zeitraum von 70 Jahren. Damals waren es immerhin noch zwölf Klassenkameraden, dann wurden es naturgemäß immer weniger. „Vor vier Jahren verstarb Gustav Hafemann, vergangenes Jahr Otto Eggert, und jetzt bin nur noch ich übrig“, sagt Hugo Erdmann betrübt. Aber darüber verliert er nicht seine Lebensfreude, die spätestens dann wieder aufflammt, wenn ihn eines seiner vier Enkel oder vier Urenkelkinder besucht. Die jüngste Urenkelin Lea wurde gerade eingeschult, und wer weiß, vielleicht wiederholt sich hier mal eine bestimmte Geschichte?






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