Grabau : Hintergründe bleiben rätselhaft

Tatort Flüchtlingsheim:  Feuerwehren aus Grabau, Neritz, Bargteheide und Bad Oldesloe waren im Einsatz.  Fotos: Burmester
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Tatort Flüchtlingsheim: Feuerwehren aus Grabau, Neritz, Bargteheide und Bad Oldesloe waren im Einsatz. Fotos: Burmester

Angriff auf Asylbewerberheim in Grabau: Unbekannte zünden Rauchbombe und fliehen / Bewohner evakuiert / 5000 Euro Belohnung

shz.de von
04. Januar 2015, 13:41 Uhr

Freitagabend gegen 22.30 Uhr ist es mit der Idylle, mit der Ruhe vorbei: Unbekannte Täter zünden in der Asylunterkunft in Grabau eine Rauchbombe und fliehen. War es ein feiger Anschlag, ein übler Scherz? Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Die Staatsanwaltschaft Lübeck hat eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise auf den oder die Täter ausgesetzt. Nach Angaben von Manuela Söller-Winkler, der Staatssekretärin im Kieler Innenministerium, ist auch das K5 der Bezirkskriminalinspektion Lübeck (Staatsschutz) eingeschaltet.

Vier Syrer, vier Afghanen und ein Jemenit sind in der ehemaligen Wassermühle am Hoherdamm in Grabau untergebracht, als diese unglaubliche Aktion passierte. Die Asylbewerber, allesamt Männer, bemerkten in der ersten Etage starken Rauch und alarmierten die Feuerwehr. Zuvor hatte es an der Wohnungstür geklingelt, kurz darauf gab es draußen einen lauten Knall. Unbekannte sollen eine Rauchbombe gezündet haben und dann aus dem Gebäude geflohen sein.

Einer der Flüchtlinge warf das Teil aus dem Haus und verließ anschließend mit den anderen Bewohnern die Unterkunft. Zudem hatte er einen Notruf abgesetzt und Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst alarmiert. Später wurde ein Asylbewerber mit Verdacht auf eine Rauchgasvergiftung in das Klinikum Heidberg gebracht, die übrigen Asylbewerber wurden über Nacht im „Landhaus Nütschau“ untergebracht.

„Die Rauchpatrone wird derzeit beim Landeskriminalamt in Kiel untersucht. Die Herkunft ist noch unklar. Nach unseren Erkenntnissen gibt es so etwas im Internet zu kaufen. Das Teil stammt aber definitiv nicht aus Militärbeständen, ist aber auch kein Silvesterfeuerwerk“, sagte der Oldesloer Polizeichef Wolf-Rüdiger Traß. Der Erste Hauptkommissar machte aber auch deutlich, dass es keine konkreten Anhaltspunkte für einen fremdenfeindlichen Hintergrund gebe.

Staatssekretärin Söller-Winkler und Stormarns Landrat Klaus Plöger machten sich am Tag nach dem Vorfall mit Grabaus Bürgermeister Hans-Joachim Wendt, Gemeindewehrführer Christian Rieken und Kreiswehrführer Gerd Riemann ein Bild von der Lage vor Ort. Söller-Winkler sprach von einem „tragischen Vorfall, der Menschen widerfahren ist, die in Schleswig-Holstein Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen“. Der Vorfall müsse lückenlos aufgeklärt werden, forderte Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU). „Wer Menschen angreift, begeht eine Straftat und keinen Dumme-Jungen-Streich.“

Christopher Vogt, stellvertretender Landesvorsitzender der FDP, sagte: „Das ist sehr beunruhigend und ich hoffe sehr, dass diese Tat keinen rechtsradikalen Hintergrund hat. Es wäre schlimm, wenn Flüchtlinge auch hier bei uns nicht ohne Angst vor Angriffen leben könnten. Die Bewohner dieses Hauses sind vor dem Krieg geflohen und suchen hier Schutz. Diesen Schutz müssen unsere Behörden gewährleisten.“

Natürlich war die Stimmung in Grabau am Tag nach dem Vorfall in der 800-Seelen-Gemeinde gedrückt. Äußern wollte sich kaum jemand zu dem Vorfall. Ein Nachbar, der gegenüber der Unterkunft im Hohendamm wohnt, hatte zwar den riesigen Auflauf von Feuerwehr und Polizei in der Nacht mitbekommen, von der Rauchbomben-Attacke selbst aber nichts. „Wir kommen mit den Menschen, die dort wohnen, gut aus. Sie sind freundlich und sehr ruhig“, sagt er. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Asylbewerbern und den Anwohnern bestätigt auch ein junger Syrer, der seit drei Monaten in der alten Wassermühle in Grabau lebt.

Er erinnert sich an die Nacht des Anschlags: „Es hat plötzlich geklingelt. Als wir unsere Wohnungstür öffneten, war alles verqualmt. Mein Mitbewohner sah die Rauchpatrone neben der Wohnungstür und beförderte sie nach draußen. Wir haben unsere Mitbewohner alarmiert, Feuerwehr und Polizei gerufen.“ Für ihn sei es eher ein Jungenstreich. Er glaube nicht an einen fremdenfeindlichen Hintergrund, sagt er. „Ich hatte aber auch Angst“,gibt er zu. Besonders, nachdem es geklingelt, man die Rauchbombe entdeckt und es dann vor dem Haus eine risigen Knall gegeben habe. „Inzwischen ist alles wieder gut“, sagt der Asylbewerber, der bei der Attacke unverletzt blieb. „Das liegt daran, dass wir ein absolut gutes und vertrauenswürdiges Verhältnis zu den Nachbarn haben.“ Das hätte auch dazu beigetragen, dass alle Bewohner schnell wieder in die Unterkunft zurückgekehrt seien, ohne Angst zu haben, ist sich Grabaus Bürgermeister Hans-Joachim Wendt sicher.

Stormarns Landrat Klaus Plöger bittet bei seinem Besuch am Hohendamm um eine besonnene Beurteilung der Situation. „Panikmache ist hier fehl am Platz. Nichts spricht derzeit für einen Anschlag. Die Polizei wird das aufklären. Spekulationen nützen niemandem“, sagt er. Bürgermeister Hans-Joachim Wendt dankt unterdessen der Feuerwehr für ihren umsichtigen Einsatz. „Die Wehrführung hat große Übersicht bewiesen, zwei Drehleitern angefordert, um im Falle einer Evakuierung mehrere Fluchtwege zu haben“, sagt er. Und er bezeichnet es als überaus positiv, dass das Verhältnis der Nachbarn zu den Asylbewerbern so gut sei.“

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