Peter Heinrich Brix und Jan Fedder : Hinter den Kulissen von Büttenwarder

Typisch Büttenwarder: Ein paar abgewetzte Möbel, eine Flasche Köm, eine Ziege, Hühner – und mittendrin Kurt Brakelmann (Jan Fedder) und Adsche Tönnsen (Peter Heinrich Brix).
Typisch Büttenwarder: Ein paar abgewetzte Möbel, eine Flasche Köm, eine Ziege, Hühner – und mittendrin Kurt Brakelmann (Jan Fedder) und Adsche Tönnsen (Peter Heinrich Brix).

Die NDR-Serie gilt als außergewöhnlich. Kein Wunder – bei diesen Dreharbeiten. Unsere Redakteurin Sina Wilke war vor Ort dabei.

shz.de von
24. Mai 2015, 18:27 Uhr

Grönwohld | Auf Brakelmanns Trecker liegt ein Ei. Neulich, mitten im Dreh, hatte es sich ein Huhn auf der Motorhaube gemütlich gemacht und das Ei dort hinterlassen. Und weil niemand es weggenommen hat, liegt es dort jetzt also immer noch. Als die Produktionsleiterin es bemerkt, lacht sie. „Das passiert auch nur in Büttenwarder“, sagt sie. Wirklich verwundert wirkt sie nicht.

Seit 1997 läuft auf NDR „Neues aus Büttenwarder“. Die Serie um die norddeutschen Originale Kurt Brakelmann, gespielt von „Großstadtrevier“-Urgestein Jan Fedder, und Arthur „Adsche“ Tönnsen alias Peter Heinrich Brix, gilt als Kult. Fans tragen Brakelmann-Mützen, laden sich Büttenwarder-Klingeltöne aufs Handy oder bauen Miniatur-Büttenwarder.

Gedreht wird im Kreis Stormarn: In Grönwohld liegt die Gaststätte, in der Adsche und Brakelmann „Lütt und Lütt“ trinken und mit den anderen Dorfbewohnern über Gott und die Welt schnacken. Nicht weit davon, in einem Örtchen bei Trittau, steht der Bauernhof, auf dem Kurt Brakelmann lebt. Verzeihung, in dem ein Landwirt im Ruhestand lebt, der nicht Kurt Brakelmann heißt und seinen Hof dem Filmteam des NDR zur Verfügung stellt.

Inmitten von verwachsenen Obstbäumen steht der alte Backsteinstall mit den windschiefen Holztoren, der bei Büttenwarder eine Hauptrolle spielt. Drei Haufen mit frisch gehacktem Brennholz liegen neben der Einfahrt, auf der Hauskoppel putzen Enten ihr dreckiges Gefieder, Spatzen tschilpen aus einem blühenden Apfelbaum. Gegenüber steht ein kleinerer, grau verputzter Stall mit eingedrücktem Ziegeldach. Es ist ein typischer alter Hof, ein bisschen rummelig, sehr idyllisch. Genau so, wie Büttenwarder sein soll. Dabei weiß man oft gar nicht genau, was von alldem Büttenwarder ist und was nicht. Der vom Regen durchtränkte Misthaufen: Requisite. Die alte Walze: echt. Die wackligen Holzstühle und der kleine Gartentisch: Requisite. Das verwitterte Kaninchengitter: echt. Ein staubiger Fernseher, der an der Scheunenwand lehnt: Requisite. Die rostige Pumpe: echt.

So kennt man sie: Brakelmann und Adsche 2007 auf Brakelmanns Hof.
NDR; Nico Maack
So kennt man sie: Brakelmann und Adsche 2007 auf Brakelmanns Hof.
 

Der Tiertrainer kommt mit einer Ziege aus dem Schuppen, sie heißt Ramona und ist eine Requisite. Eigentlich liefen auch immer noch zwei Gänse hier herum, erzählt die Produktionsleiterin, die Regina Kowalski heißt und seit zwölf Jahren dabei ist. Aber die hat kürzlich der Fuchs geholt. Gänse und Fuchs: echt.

Der Nieselregen ist auch echt. Als um 9 Uhr vor dem Stall der Dreh beginnen sollte, regnete es so stark, dass das Team eine Innenraumszene vorzog. „Wir verfolgen natürlich genau die Wettervorhersage und wenn klar ist, dass es regnen wird, versuchen wir umzuplanen“, erklärt Regina Kowalski. Wenn das nicht geht, wird improvisiert. Dann tragen die Schauspieler einen Schirm oder einer schimpft: „Was für’n Schietwetter heute!“ Kurze Pausen kann das Team auffangen, einen Ausfall nicht. „Das können wir uns nicht leisten. Wir müssen drehen.“ Etwa 35 Leute arbeiten am Set, alle bestellt und bezahlt. Mitarbeiter der Maske und Garderobe, von Regie und Technik. Zwei Mal jährlich dreht die Crew 15 Tage am Stück – pro Drehtag kommt sie auf vier bis sieben Minuten Sendezeit.

Heute sind Szenen aus drei unterschiedlichen Folgen dran. Der Kameramann sitzt auf einem kleinen Kran und bespricht mit ein paar Technikern, wie sie ihn während des Drehs bewegen sollen. „Am Anfang guck ich so. Dann kommen die raus. Dann das Schlussbild da.“ „Worauf warten wir?“ will der Regisseur wissen. Regieassistent Matthias Meyer-Hanno erklärt, dass Peter Heinrich Brix noch ein anderes Hemd bekommt. Als der Darsteller angestapft kommt, fragt Meyer-Hanno ihn: „Wer sind Sie?“ Brix guckt. Meyer-Hanno sagt: „Ach, du bist das. Hab dich im neuen Hemd gar nicht erkannt.“ Gelächter. Es ist ein Witz, wie er auch in Büttenwarder fallen könnte. Und es ist ein Witz, wie er bei einer anderen Produktion nicht unbedingt fallen würde. „Büttenwarder hat nichts mit einem normalen Dreh zu tun“, sagt Meyer-Hanno. „Bei uns herrscht eine gewisse Anarchie, die sich auf die Serie überträgt. Das ist durchaus bewusst zugelassen.“

Auf einem Kran wartet der Kameramann auf den Dreh. Wer ganz genau hinsieht, erkennt auf Brakelmanns Trecker ein Ei.
Wilke
Auf einem Kran wartet der Kameramann auf den Dreh. Wer ganz genau hinsieht, erkennt auf Brakelmanns Trecker ein Ei.
 

Jetzt kommen die Hühner. Der Tiertrainer streut, bevor er sie aus ihren Käfigen lässt, Futter auf die Steine vor dem Tor. Wenn Brakelmann und Adsche gleich aus dem Stall kommen, sollen die Hühner durchs Bild laufen. Es hat aufgehört zu nieseln. „Eine Trockenprobe, bitte!“ ruft der Kameramann. Die Szene wird jetzt durchgespielt, ohne zu drehen. Es ist der Test, ob alles passt: Licht, Perspektive, Bild.

„Achtung, Probe!“ Das Team verstummt. Eine Kohlmeise singt. Die Hühner picken ihre Körner. Ramona guckt erwartungsvoll. Es rumpelt. „Abfahrt!“, hört man dumpf aus dem Stall. Adsche erscheint, hinter sich her zieht er einen Handwagen, darauf thront Brakelmann auf einem weißen Plastik-Gartenstuhl mit geblümter Auflage, seinen rechten, mit Tüchern und Sacktau verbundenen Fuß auf einem Melkschemel abgelegt.

Vorbereitung: Jan Fedder wird auf einem Handwagen zum Einsatzort geschoben.
Wilke
Vorbereitung: Jan Fedder wird auf einem Handwagen zum Einsatzort geschoben.
 

„Nein, wie schön, die Natur! Ja, das ist ganz wunderbar!“ ruft Brakelmann. „Ist es nicht wieder herrlich heute?“, ruft Adsche. Er stockt. „... Scheiße, Text!“ Brix kramt einen Zettel aus seiner Hosentasche. „Sach mal – 30 Leute und keiner liest mit.“

Es ist als Außenstehender oft schwierig zu beurteilen, ob eine Büttenwarder Szene vorbei ist. Man stellt sich Dreh und Drehstopp irgendwie vor wie Luft anhalten und ausatmen, aber in Wahrheit stehen Adsche und Brakelmann da und sprechen ihren Text oder schweigen, denn Adsche und Brakelmann sagen nicht immer viel, und dann fragt man sich irgendwann, läuft die Kamera überhaupt noch? „Das ist Büttenwarder“, sagt Regina Kowalski. Was ist Büttenwarder? Alles, sagt die Produktionsleiterin. Die Idylle. Die Geschichten. Das Team, das seit Jahren zusammenarbeitet. Jeder wolle gern mal bei dieser Produktion dabei sein. „Wir sind eine Büttenwarder-Familie.“ Und eben, dass alles ein bisschen verwischt. Dreh und Pause. Die Witze. Der manchmal schnoddrige Umgang miteinander. Die lakonische Art.

Kowalski zeigt auf den Trecker. Unter der Motorhaube, auf dem das Ei liegt, lugt Stroh hervor. Ein Vogel hat darin genistet. Requisitenhühner legen echte Eier, echte Vögel nisten im Requisitentrecker. Es ist alles ein bisschen durcheinander in Büttenwarder. Die Büttenwarder Gaststätte ist außerhalb der Drehtage die Grönwohlder Gaststätte; in der gibt es auch Lütt un Lütt und die Gäste schnacken über Gott und die Welt. Wer Schleswig-Holstein gut kennt, der kennt auch Typen wir Brakelmann und Adsche, in echt. Die Charaktere – nicht die Geschichten – sind weniger überzeichnet, als man vermuten könnte, auch wenn sie seltener werden. Der trockene Humor. Das Knatschige, Störrische. Das Rührende, Liebevolle. Die Kunst, mit wenigen Worten viel zu sagen, ohne es darauf anzulegen. Zufriedenheit ohne Konjunktiv.

Hier nimmt nur einer Platz: Schuhe und Stuhl stehen für Peter Heinrich Brix bereit.
Wilke
Hier nimmt nur einer Platz: Schuhe und Stuhl stehen für Peter Heinrich Brix bereit.
 

„Schleswig-Holstein“ ist Jan Fedders Antwort auf die Frage, was das Besondere an Büttenwarder ist. Man kann die Antwort knapp finden; man kann aber auch finden, dass sie alles sagt.

Es wird ernst. „Bitte sperren“, spricht ein Assistent in sein Funkgerät. Auf der Straße vor dem Hof stehen mobile Ampeln. Sobald gedreht wird, schalten sie auf Rot – kein Autogeräusch soll die Büttenwarder Idylle stören. Die Maskenbildnerinnen tupfen in Brix’ Gesicht herum, nesteln an Fedders Schal und legen ihm ein paar Haare hinters Ohr.

„Hühner, bitte!“ „Und wir drehen.“ „62, 27, 1, die Erste!“

Der Handwagen rumpelt. Ramona guckt. Die Hühner picken ihr frisches Futter.

„Die Natur und wie das alles blüht! Das ist doch wunderbar!“ „Ist es nicht wieder herrlich heute?“ „Flieger!“

Flieger? Hoch über Brakelmann und Adsche brummt ein Flugzeug – zu laut für Büttenwarder. Fedder grinst: „Ich habe gar nicht erst meinen Satz gesagt, weil ich wusste, dass da was kommt.“ Manchmal klappt eine Szene beim ersten Mal, manchmal muss sie sechs, sieben Mal wiederholt werden. Weil ein Wort nicht deutlich rüberkam, ein Schauspieler zu weit ins Bild gelaufen ist oder ein Windstoß den Schal des Darstellers vor sein Gesicht gepustet hat.

Der Regisseur kontrolliert den Dreh live im alten Kuhstall, in dem auch Requisiten lagern. Über alten Futtertrögen, unter Bündeln von Sacktau, Spinnweben und rostigen Ketten gibt es auf einem Klapptisch Getränke und belegte Brötchen für das Team. Daneben stehen auf dem strohbedeckten Boden Eimer mit getrockneter Farbe, eine verstaubte Kommode, Lampen, eine Tafel mit den Preisen für Lütt und Lütt, ein Gitterbett. Über einer rostigen Melkleitung hängt eine alte Hose, auf einem staubigen Fernseher steht ein Plastikbecher. Er könnte dort seit fünf Minuten stehen oder seit fünf Jahren. Was ist echt? Was ist Requisite? Es hier in diesem Stall zu sagen ist unmöglich. Mittendrin, vor einer Sperrholzwand mit einem vergilbten Poster von einem Palmenstrand, zwischen Schallplatten von Mireille Mathieu und Pink-Floyd-Kassetten, steht der Monitor, auf dem zu sehen ist, was Brakelmann und Adsche gerade tun.

„Och nee, wie schön, du! Die ganze Natur und das blüht! Ist ja ganz wunderbar!“ „Ja. Ist das nicht wieder herrlich?“

Die Schauspieler dürfen ihren Text durchaus mal variieren. „Büttenwarder Special“ nennt Regina Kowalski das. Der Kran mit dem Kameramann schwenkt nach oben. Der Regisseur kommt aus der Scheune. „Dan-ke! Das war sehr gut.“ Diese Einstellung ist im Kasten, andere fehlen noch: Nahaufnahmen, von Adsche, von Brakelmann, von links oder rechts. Die Szene wird noch einmal zerpflückt und neu zusammengesetzt, damit sie im Fernsehen lebendig wirkt.

Es soll also gleich weitergehen, aber es gibt ein Problem: In der ersten Einstellung lag Büttenwarder im Schatten, inzwischen hat sich die Wolkendecke aufgelockert und die Sonne scheint. Das geht natürlich nicht: Mal Sonne, mal Schatten innerhalb von Sekunden Der Oberbeleuchter guckt mit einem Grauglas, das aussieht wie ein getöntes Monokel, gen Himmel. „Bummelig drei Minuten bis zur nächsten Wolke“, schätzt er.

Warten.

„Sag mal, kannst du dir nicht mal ein anderes Hemd anziehen, ich kann das nicht mehr sehen!“ pampt Jan Fedder in Richtung seines Kollegen. Oder ist es Kurt Brakelmann? Jan Fedder und Peter Heinrich Brix lernt man heute nicht kennen, sagt Regina Kowalski. An einem Drehtag kommen sie kaum aus ihren Rollen, auch nicht in den Pausen. „Erst nach dem Umziehen sind sie wieder Brix und Fedder.“ Zumindest fast. Brix hat mal gesagt, dass man sich nach ein paar Tagen Büttenwarder-Dreh gar nicht mehr mit normalen Menschen unterhalten könne.

Man weiß also nicht genau, wer da nun vor einem steht in Gummistiefeln und Cordhose, mit Weste und Hut, und erzählt, was Büttenwarder für ihn so besonders macht. „Alles“, sagt Peter Heinrich Brix. Das Genre, die Besetzung, die Freude, die es allen macht. „Sowas kannst du heute nicht mehr planen“, glaubt der Schauspieler. „Das ist gewachsen. Wie ein Baum, den man viele Jahre nicht beobachtet, und dann irgendwann staunt man: Mensch, was für ein schöner Baum! Als er noch klein und krumm war, hätte man ihn heutzutage schon abgehauen.“ Büttenwarder ist durchschnittlich gestartet; inzwischen haben die Folgen auch über die Landesgrenzen hinaus Kultstatus und 20 bis 25 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe – ein sehr guter Wert.

Die Sonne verschwindet. Achtung, wir drehen! Die Sonne kommt wieder hervor. Warten. Fedder geht seinen Text nochmal durch. Der Kameramann seufzt: „Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es Schatten.“ Brix blinzelt in die Sonne: „Wenn ich das da oben seh’, kann das nicht lang dauern, so schnell, wie die ziehen!“

Eine halbe Stunde später. Ein alter Sessel und ein abgewetztes braunes Sofa stehen vor der Koppel mit den dreckigen Enten, darauf fläzen sich Adsche und Brakelmann. Vor ihnen steht auf einem kleinen Tisch eine Flasche Köm, neben ihnen grast Ramona, drum herum laufen Hühner. Die Sonne scheint, der Apfelbaum blüht. Es ist ein wunderbares Bild.

„Ein Traum“, schwärmt Kowalski. „Da geht mir das Herz auf.“ „Herrlich!“ sagt Peter Heinrich Brix.

Achtung, wir drehen!

„Ich fühl mich hier schon wie zu Hause“, sagt Adsche.
„Na, das ist doch ein schönes Gefühl“, entgegnet Brakelmann. „Ja, das ist ganz wunderbar, Brakelmann. Ganz wunderbar.“

Beide schweigen. Man braucht einen Moment um zu begreifen, dass es zur Szene gehört. Die Spatzen tschilpen, die Hühner picken. Ramona hebt den Kopf. Auf Brakelmanns Trecker liegt ein Ei.

Die nächsten Sendetermine sind 24.5., 19.30 Uhr; 25.5., 18.10 Uhr, 18.35 Uhr und 19 Uhr sowie 26.5., 23.30 Uhr.
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