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Stormarner Tageblatt

16. Dezember 2017 | 10:31 Uhr

Bad Oldesloe : Hindernisparcours Innenstadt

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Oldesloer Innenstadt hält für Behinderte einige Tücken parat. Das Tageblatt hat Politiker jetzt zu einem lehrreichen Rundgang mit diversen Hilfsmitteln eingeladen.

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erstellt am 18.Dez.2015 | 16:10 Uhr

Ja, am Anfang war es noch ein Spaß, doch spätestens auf dem Oldesloer Wochenmarkt wich auch beim Letzten das Grinsen einem verkrampften Gesichtsausdruck – mit einem Rollstuhl über den Marktplatz zu rollen, ist ein Knochenjob und selbst, wenn man geschoben wird, kaum zu bewältigen. Das Stormarner Tageblatt hat Oldesloer Politiker zu einem besonderen Stadtrundgang eingeladen: Per Elektromobil, Rollstuhl oder Gehwagen ging es vom Mohr-Parkplatz durch die Fußgängerzone zum Wochenmarkt.

Martina Sämann, Geschäftsführerin von Teremed Nord, hat für dieses Experiment eine kleine Flotte von Fahrzeugen zur Verfügung gestellt: Einen Rollator, einen handbetriebenen Rollstuhl, einen elektrischen und einen E-Scooter. Hans-Werner Harmuth, Stormarner DAK-Chef, hat eigens für diesen Termin einen „Alterssimulations-Anzug“ organisiert. Hendrik Holtz (Linke) als jüngster in der Gruppe wird dafür auserkoren. Gesundheitsmanagerin Marion Kuhlberg legt ihm die Ausrüstung an. 25 Kilo zusätzliches Gewicht simulieren ein Plus von 30 Jahren. Bandagen an Knie- und Armgelenken schränken die Beweglichkeit ein, spezielle Schuhe sorgen für einen unsicheren Gang, Seh- und Hörvermögen werden ebenfalls künstlich eingeschränkt. Maria Herrmann (SPD) nimmt im Elektro-Rolli Platz – joystick-gesteuert geht es problemlos voran. Hartmut Jokisch lässt sich im E-Scooter nieder. Kurze Einweisung in die Bedeutung der Knöpfe. „Was? Das soll die Hupe sein? Da ist mein Lachen ja lauter“, amüsiert sich der Grünenpolitiker über das Gefährt. CDU-Urgestein Uwe Rädisch greift beherzt zum Rollator. Den kenne er von seiner Frau. Friedrich-Karl Kümmel (FBO) absolviert den ersten Teil der Strecke im Rollstuhl. Wolfgang Schmidt kommt zu Fuß mit. Auf geht’s Richtung Heiliggeist-Viertel.

„Kanten immer möglichst senkrecht anfahren“, rät Fachfrau Sämann, weil ein Rollstuhl andernfalls leicht umkippen könnte. Erste Brücke – kein Problem. Doch am Übergang zum Blauen Haus ist Endstation. Die Brücke ist wegen der auf die Planken aufgeschraubten Rutsch-Schutz-Leisten quasi unpassierbar. Uwe Rädisch macht vor, wie es trotzdem klappt. Er hebt seinen Rollator kurzerhand an. Allgemeines Gelächter: Wer das kann braucht das Hilfsmittel wohl kaum. Hendrik Holzt schafft den Aufstieg nur mit Mühe, muss sich am Geländer festhalten. Wie Sozialarbeiter Wolfgang Schmidt erklärt, gäbe es eine Alternative zu den Leisten: „In Segeberg erzielt man den gleichen Effekt mit sandigen Streifen, quasi aufgeklebtes Schmirgelpapier.“

 

Durch den Gang zwischen Eisdiele und Reformhaus geht es zu Fielmann. Zwei Stufen vor dem Eingang – sie mussten aus historischen Gründen erhalten bleiben – stellen eine gewaltige Hürde dar. Es dauert nur einen kurzen Moment, dann erkundigt sich ein Mitarbeiter nach den „Behinderten“.  Schnell wird eine faltbare Rampe geholt. „Jeder soll in den Laden kommen können. Das ist uns sehr wichtig“, erklärt der stellvertretende Niederlassungsleiter Olaf Feddern: „Wir haben damit keinen Leidensdruck, das ist für uns Alltag.“ Doch die Rampe hat so ihre Tücken. Friedrich-Karl Kümmel hebt vorne ab und kippt mit dem Rollstuhl hinten über. Außer einem großen Schrecken passiert glücklicherweise nichts weiter.

Wie Martina Sämann erklärt, hätte das mit einem optimal angepassten Rolli verhindert werden können. „Leider ist in der heutigen Kostenstruktur das Anpassen oft nicht mehr drin“, schildert sie aus ihrem Alltag. Für „Selbstfahrer“ gebe es rückwärtige Stützräder. Zusatzausstattung über die mit der Krankenkasse verhandelt werden muss.  Die Verkäuferin im nächsten Geschäft möchte gerne helfen. Auch sie holt eine kleine Rampe, mit der die Stufe vor dem Laden überwunden werden könnte. Doch Expertin Sämann unterbindet entschieden jeden Versuch: „Viel zu steil, das geht nicht! Das ist lebensgefährlich.“ Die Angestellte räumt ein, der Blechkeil sei für Warenlieferungen im Rollcontainer gedacht.

Ab zu „Deli-Peters“. Keine Hürde am Eingang, aber Begegnungsverkehr sollte in den Gängen vermieden werden. An die oberen Regalreihen ist für Rollifahrer kein Herankommen. Verkäufer Christian Schmidt ist sich der Problematik bewusst. „Dafür haben wir einen vergleichsweise hohen Personalstand, um den Kunden dann mit Service behilflich sein zu können.“ Bei Peters gibt es 12  000 Artikel auf 800 Quadratmetern. „Niedrigere Regale, breitere Gänge, dafür müsste man das Sortiment verringern. Das will aber auch keiner. Es ist eine schwierige Balance“, so Schmidt. Der Laden habe rund 150 Stammkunden, die ihre Bestellung telefonisch aufgeben und sich die Waren dann wöchentlich liefern lassen.

Nächste Station Wochenmarkt mit einem Zwischenstopp am neuen Behinderten-WC. Natürlich hat keiner der Probanden den benötigten Euro-Schlüssel, aber die Tür lässt sich ja auch von innen öffnen. Alles schön sauber und geräumig. Wie man auf die Toilette kommt, wissen die Anfänger nicht. „Dafür bekäme man ja eine Schulung“, berichtet Hans-Werner Harmuth. Wolfgang Schmidt hat da beruflich andere Erfahrungen gemacht: „Das ist eine Kurzeinweisung. Dauert fünf Minuten.“

Maria Herrmann hat im E-Rolli keine Probleme mit dem Marktpflaster. Zielgerichtet steuert sie die Käsekiste an und kauft etwas. „Geht das oder soll ich rumkommen?“, fragt Verkäuferin Carolina Conrad. Es klappt, die Arme sind in dem Fall lang genug. „Der ändert ja dauernd seine Richtung“, flucht Hartmut Jokisch über seinen Gehwagen. Jeder muss jetzt mal im einfachen Rollstuhl Platz nehmen. „Boah, wie soll das ein alter Mensch hinkriegen?“, wundert sich Hendrik Holtz. Sein Fazit nach wenigen Metern: „Völlig ausgeschlossen. Man hat ja schon genug damit zu tun, nicht umzukippen.“ Der glatte Streifen in der Mitte ist zu schmal für die Hilfsmittel. Selbst mit Anschieber ist es kaum möglich, über den Platz zu kommen, weil sich immer wieder ein Rad im groben Pflaster verheddert.

Uwe Rädisch räumt ein: „Ich war ja mit einer, die das damals verbrochen haben. Aber für Behindertenprobleme waren wir vor 40 Jahren noch nicht annähernd sensibilisiert.“ Sein Fazit: „In die nächsten Projekte wie Besttor- und Hagenstraße müssen unsere heutigen Erfahrungen unbedingt mit einfließen.“ Maria Herrmann ist überzeugt: „Dieser Rundgang wird bestimmt Konsequenzen haben. Solche persönlichen Erfahrungen schärfen die Sinne.“  Dass der Marktplatz gelinde gesagt problematisch ist, ist keine neue Erkenntnis. Diverse Varianten sind bereits geprüft worden. Maria Herrmann: „Bevor ich eine Million für neues Marktplatz-Pflaster in die Hand nehme, frage ich mich, ob es nicht eine Zwischenlösung gibt.“ Hans-Werner Harmuth stimmt ihr zu: „Politik muss immer abwägen. Was kommt noch alles an Aufgaben? Welche finanziellen Spielräume hat die Kommune überhaupt?“

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