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Stormarner Tageblatt

14. Dezember 2017 | 05:40 Uhr

Bad Oldesloe : „Hindenburg“ soll weg

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Oldesloer SPD und Linke haben einen gemeinsamen Antrag zur Rückbenennung der Hindenburgstraße in Langestraße gestellt. CDU und Geschäftsleute sind dagegen.

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erstellt am 06.Feb.2015 | 06:00 Uhr

Soll eine der zentralen Einkaufsstraßen in der Stadt nach dem Mann benannt bleiben, der Adolf Hitler 1933 an die Macht hob und durch weitere Entscheidungen den Weg für dessen Diktatur frei machte? SPD und Linke finden, dass eine Rückbenennung der Hindenburgstraße in Langestraße überfällig ist. Für den nächsten Hauptausschuss und die Stadtverordnetenversammlung haben sie einen entsprechenden Antrag gestellt.

„Bei uns steht es seit Jahren im Wahlprogramm“, argumentiert SPD-Fraktionsvorsitzende Maria Herrmann. „Grade jetzt“, findet Hartmut Jokisch (Grüne), sei der Vorstoß angesichts von wachsender Fremdenfeindlichkeit und Pegida nötig. Deshalb gehen die beiden in der Hindenburgstraße von Haus zu Haus, um über den ehemaligen Reichspräsidenten zu informieren und für ihren Antrag zu werben.

1933 hatte der damalige Bürgermeister den Bahnhofsvorplatz in Adolf-Hitler-Platz, die Kleine Salinenstraße in Horst-Wessel-Straße, die Kampstraße in Schlageter-Straße und eben die Langestraße in Hindenburgstraße umbenannt. Die Ehrenbezeugung erfolgte ausdrücklich für seinen „großherzigen Entschluss“, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Während die anderen Straßen längst wieder ihre alten Namen bekommen haben, blieb Hindenburg in Bad Oldesloe als Straßenname erhalten.

Es ist nicht der erste Versuch einer Umbenennung. Wie Hartmut Jokisch in Erfahrung gebracht hat, sei von den Jusos vor etwa 25 Jahren ein Vorstoß unternommen worden. Da sie aber auf Käthe-Kollwitz als Namenspatin beharrten, enthielten sich einige SPD-Abgeordnete. Die sicher geglaubte Mehrheit kam nicht zustande.

„Das war auch ein Dauerthema im Bündnis gegen Rechts. Wir haben da viel drüber diskutiert und sind nicht zu Potte gekommen. Irgendwann hat es Walter Albrecht dann fallen lassen“, berichtet Jokisch. Deshalb der politische Vorstoß. Hinzu kämen als aktueller Auslöser neue Erkenntnisse zu Hindenburgs Biographie. Lange habe er als debiler Greis gegolten, der nicht mehr wusste, was er tat. Dem sei nicht so. „Er war immer ein Junker“, so Jokisch.

Jokisch und Herrmann sind überrascht, bei ihrem Zug durch die Geschäfte nicht auf mehr Widerstand zu stoßen. „Die Reaktionen waren durchaus gemischt“, so Jokisch. Zwei Geschäftsleute wollten keine Informationen. Für ein Festhalten an der Person Hindenburg seien keine Argumente angeführt worden. Gegner hätten allerdings Aufwand und Kosten ins Feld geführt. Es habe aber auch Zuspruch gegeben.

Einen kritischen Film über Hindenburg hat das Oho-Kino bereits gezeigt. Ab kommendem Montag soll im Atelier 25 an der Hindenburgstraße eine Ausstellung über ihn zusätzliche Infos bieten.

Falls der Beschluss zur Rückbenennung gefasst wird, würde die Straße als Übergangsphase ein Jahr lang doppelt beschildert sein. Was an behördlichen Kosten anfällt, beispielsweise für einen neuen Personalausweis, soll von der Stadt übernommen werden. Maria Herrmann: „Es bleiben dann nur die Kosten für neues Briefpapier und eben die Rennerei.“

Das ist für einige offenbar zu viel. „Allen ist die problematische Situation des Oldesloer Einzelhandels bekannt. Für nicht wenige Geschäfte ist es inzwischen ein reiner Überlebenskampf.
Weitere finanzielle Belastungen sollten daher unbedingt unterbleiben“, argumentiert Ulrich Mirus, Optiker aus der Hindenburgstraße. In einigen Geschäften liegen bereits Unterschriftenlisten gegen die Umbenennung aus.

Auch bei der CDU stößt der Antrag auf harsche Ablehnung. „Das ist ein Sprachgebrauch wie zu besten Zeiten der DDR“, findet Fraktionsvorsitzender Horst Möller: „Die Partei weiß, was richtig ist. Bis vor fünf oder sechs Jahren war Hindenburg noch nicht derjenige, der an allem Schuld ist. Das ist Zeitgeist – ich weiß nicht, ob man auf jeden Blödsinn reagieren muss. Wir halten Hindenburg nicht für einen Nazi.“ Gleichwohl würde die CDU heute keine Straße mehr nach ihm benennen. Da es sie aber gibt, müsse sich damit auseinander gesetzt werden. Das ginge am besten mit einer Mahntafel, beispielsweise am Stadthaus. Möller: „Sonst benennen wir einfach nur um und es ist eitel Sonnenschein.“

Maria Herrmann ist klar: „Das ist ein Thema, an das sich keiner ran wagt, damit gewinnt man keine Sympathien. Wenn es diesmal wieder nicht klappt, wird das die nächsten 300 Jahre keiner mehr anfassen.“

Historie: Paul von Beneckendorff und Hindenburg wurde am 2. Oktober 1847 in Posen geboren und starb am 2. August 1934 in Neudeck. Hindenburg durchlief eine Militär-Laufbahn und wurde 1914 Generalfeldmarschall. Ab 1916 hatte er fast die uneingeschränkte strategische Leitung des Ersten Weltkriegs. 1917 trug er maßgeblich zum Sturz von Reichskanzler Bethmann Hollweg bei und war danach faktisch Chef einer Militärdiktatur. Nach verlorenem Krieg verbreitete er die Dolchstoßlegende.

Obwohl er als Monarchist der Demokratie kritisch gegenüber stand, wurde er 1925 erster direkt gewählter Reichspräsident. 1927 war er zentrale Figur im Osthilfeskandal und Steuertricksereien um sein Landgut. Am 30. Januar 1933 ernannte er Hitler zum Reichskanzler. Kurze Zeit später machte er mit der Unterzeichnung der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat und des Ermächtigungsgesetzes den Weg für die vollständige Machtübernahme der Nazis frei.

Soll die Hindenburgstraße wieder ihren früheren Namen Langestraße bekommen?

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