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Bargteheide - das Leben eines Bio-Bauern : Hier ist alles Bio!

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Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Städtische Nähe, Autobahnachsen und Wirtschaftskraft kennzeichnen Stormarn. Dabei sind 61 Prozent der Flächen in landwirtschaftlicher Nutzung - und die wird sich mit dem Strukturwandel verändern.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 14:55 Uhr

Ökologisch, intensiv und wirtschaftlich – so ungefähr lautet die Marschrichtung, die die „Gemeinsame EU-Agrarpolitik“ vorgibt. Die damit verbundenen Auflagen und Standards machen den Landwirten zu schaffen, parallel werfen enorme Preisschwankungen Milchviehbauern von einer Krise in die nächste. Der Deutsche Bauernverband schlägt in seinen Situationsberichten Alarm: Zwischen 2007 und 2011 war ein Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe von 10,6 Prozent zu verzeichnen. Dieser Rückgang schreitet, wenn auch verlangsamt, stetig voran. Derzeit ist der Milchpreis so hoch wie schon lange nicht mehr und die Agrarprämien konnten im vergangenen Jahr in vollem Umfang ohne die sogenannte „finanzielle Disziplin“ zur Krisenvorsorge ausgezahlt werden. Entwarnung für die Zukunft? Welchen Herausforderungen begegnen unsere Landwirte im Kreis?

Landwirtschaft – das ist zwischen den Autobahnachsen und der geografisch bedingten Stadtnähe nicht zwangsläufig ein typisches Merkmal für Stormarn. Tatsächlich sind aber von 766 Quadratkilometern 508 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche. Verglichen mit anderen Kreisen wie Dithmarschen und Nordfriesland ist das jedoch verhältnismäßig wenig Platz für insgesamt 800 landwirtschaftliche Betriebe. Etwa 20 davon sind Bio-Höfe.

Aber gerade diese haben es nicht immer leicht: „Sie ernten bei höherem Aufwand ungefähr die Hälfte“, so Lennart Butz in Vertretung von Peter Koll, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Stormarn. Erst kürzlich äußerte sich Robert Habeck im NDR mit gar nicht so rosigen bzw. grünen Aussichten für die Landwirtschaft: „Die Bauern hängen in einem System drin, von dem wir letztlich alle profitiert haben. Es hat Lebensmittel sehr, sehr günstig gemacht, indem es eine große Menge produziert hat. Bauern können entweder aufgeben, oder intensiver werden.“ Auch Lennart Butz bestätigt: „Da würde ich Habeck im Kern schon zustimmen. Es gibt so eine alte Rede-Wendung, die heißt ,wachse oder weiche’. Langfristig müssen die Betriebe intensiver werden und sich überlegen, welche Standbeine sie sich aufbauen.“

Dass es unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch kleine Betriebe „wie damals“ gibt, ist kaum vorstellbar. Hauke Ruge aus Bargteheide beweist das Gegenteil: Der 30-Jährige bewirtschaftet unter den strengen Auflagen der Zertifizierung einen Bio-Bauernhof mit 60 Kühen, 30 Hühnern und etwa 70 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Damit liegt er knapp unter dem Landesdurchschnitt von rund 80 Hektar für Bio-Betriebe und weit unterhalb von Größenordnungen wie 100 Hektar und mehr für konventionelle Betriebe. Auch Hauke Ruge setzt in den nächsten Jahren weiter auf Ausbau – in der Praxis sei das mit dem Wachsen aber gar nicht so einfach: „Man muss sich einen landwirtschaftlichen Betrieb als Organismus vorstellen: Wächst ein Bereich, muss alles andere mitwachsen.“ Insbesondere in Stadtrandlage sei das in einer verhältnismäßig dicht besiedelten Region wie Stormarn gar nicht möglich. Zusätzlich seien daran natürlich räumliche, finanzielle und zeitliche Kapazitäten gekoppelt. Daher möchte der junge Landwirt vor allem mit seinen Standbeinen eher in die Tiefe, als in die Weite gehen. Glückliche, gesunde Tiere mit einer hohen Milchleistung seien das Ziel.

Und eine zu ertragende Arbeitsbelastung. Der Hof ist ein Familienbetrieb, der Generationenwechsel noch nicht lange her: 2015 pachtete der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt den Hof von seinen Eltern. Seitdem sind nach wie vor die Milchkühe das Hauptstandbein, hinzukommen im kleinen Rahmen Erträge aus der Direktvermarktung der Milchtankstelle und dem Kartoffelanbau.

Bisher kommt der Betrieb dabei sogar ganz ohne kommerziellen Trend aus. Es gibt keine aufwendige Internetpräsenz, keinen Hofladen oder ähnliches. Hinzu kommt absoluter Wohlfühl-Komfort für die Tiere: Ein dickes Strohbett, die Möglichkeit den ganzen Tag rauszugehen und diverse Bürsten sind im Stall der Ruges vorhanden. Ein Arbeitstag mit zwölf oder mehr Stunden und der Einsatz der ganzen Familie machen das möglich.

„Ja, man muss sich schon ordentlich Mühe geben“, betont Hauke Ruge. Das Geheimnis ist eigentlich kein Geheimnis und lautet vernünftige Betriebswirtschaft: Heutzutage müssten Landwirte vor allen Dingen Betriebswirte sein, bekräftigt der junge Landwirt. Die wirtschaftlichen und bürokratischen Verwaltungsanforderungen seien enorm gestiegen. Dabei seien vor allem kleine Höfe in Familienhand erstaunlich krisenfest. In der Größenordnung und mit der Unterstützung der Familie sei es relativ gut möglich, mit kleinen Veränderungen und eigenen Einsparungen auf die wirtschaftliche Situation zu reagieren.

Aber der Kampf um wirtschaftliche und vor allem ausreichend Erträge findet auch auf anderen Schauplätzen statt: Und zwar bei der Technik. Politisch werden für die landwirtschaftliche Arbeit immer höhere Standards gesetzt, die zum Teil erhebliche Investitionen mit sich bringen. So muss Hauke Ruge beispielsweise bald unter anderem in einen neuen Güllewagen investieren, der den Anforderungen der bodennahen und emissionsarmen Ausbringung gerecht wird. „Auflagen dieser Art bedeuten für uns Landwirte meistens viel Zeit, Arbeit und Geld, ohne, dass dabei zwangsläufig der Ertrag steigt.“

Angebot und Nachfrage regeln wie in anderen Bereichen das Geschäft. In diesem Mechanismus ist auch der Verbraucher gefragt: „Richtig ist, dass der Verbraucher durch sein Konsumverhalten steuernd agieren kann und gerne auch sollte“, so Lennart Butz vom Bauernverband. „Das ist möglich durch bewusstes Einkaufen, etwa regionaler Produkte, im Supermarkt die Deutsche Markenbutter kaufen, statt Kerrygold. Oder noch deutlicher: Der direkte Einkauf in Hofläden, Wochenmärkten etc. Aber gerade bei schlechten Preisen sehe ich eher den Lebensmitteleinzelhandel und den weiterverarbeitenden Bereich in der Pflicht.“ Was das angeht, würde auch Hauke Ruge sich manchmal den Blick in die Zukunft wünschen. Auf die Frage, ob er in Zukunft Gefahren in der Diskrepanz zwischen Bio-Angebot und Bio-Nachfrage sähe, antwortet der junge Landwirt: „Tja, wenn ich wüsste, was in Zukunft passiert. Wir bewegen uns in spannenden Zeiten. Egal was passiert, Fakt ist: Die Verantwortung liegt auch beim Verbraucher.“

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