Hausbesuch im Herrenhaus

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Das imposante Herrenhaus in Borstel beherbergt Deutschlands größtes Zentrum für Tuberkulose und gewährt hier Einblicke. Ein interessanter Hausbesuch.

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14. Juni 2017, 16:45 Uhr

Umgeben von hohen, dichten Bäumen liegt das Herrenhaus Borstel. Ein imposanter Anblick, liebevoll restauriert. Dahinter verborgen liegen zahlreiche neuere Häuser, die eine Klinik mit 90 Betten und diverse Labore beherbergen – unter anderem das internationale Referenzzentrum für Mikrobiologie. Borstel ist als Herrenhaus bekannt, in dem auch Veranstaltungen stattfinden, doch kaum jemand weiß, dass sich hinter den Backsteinmauern das größte Zentrum für Tuberkulose in Deutschland befindet.

„Wir forschen in der Lungenheilkunde und legen unseren Schwerpunkt auf die Tuberkulose“, erklärt Stationsärztin Dr. Charlotte Runge. Denn Tuberkulose sei nicht ausgerottet, immerhin gebe es deutschlandweit jährlich 5000 Fälle. Die meisten Patienten stammen allerdings aus Osteuropa. „Tuberkulose kann sich vor allem auf engstem Raum wie in Lagern oder Gefängnissen schnell ausbreiten“, ergänzt Dr. Claudia Bechstedt.

Die Krankheit breche besonders in armen und krisengeschüttelten Ländern aus – weltweit neun Millionen Krankheitsfälle im Jahr, eine Million sterben an der gefährlichen Lungenkrankheit. Daher sei die Forschung von extrem großer Bedeutung, ergänzt Dr. Christian Herzmann. Geforscht wird, wie man Patienten, die gegen Antibiotika resistent sind – ein großes Problem in der Medizin – trotzdem erfolgreich behandeln kann. Runge: „Nach Borstel kommen spezielle Fälle, die woanders nicht mehr behandelt werden können.“ Auf der Intensivstation werden Patienten behandelt, die Intensivstationen aus Platz-und Zeitgründen anderer Krankenhäuser verlassen mussten. „Bei uns werden sie nach Operationen und anderer Behandlungen von der künstlichen Beatmung entwöhnt. Das kann Wochen bis Monate dauern. Eine normale Klinik kann das nicht leisten“, erläutert Runge. Die Medizin habe auf dem Gebiet der Lungenheilkunde enorme Fortschritte gemacht. Natürlich sei es nicht mehr so wie in Thomas Manns Buch „Der Zauberberg“, aber sicher gebe es auch heute Grenzen.

Über 1000 Wissenschaftler, externe Forscher und Ärzte arbeiten im Forschungszentrum Borstel, das zur Leibniz-Gesellschaft für Medizin und Biowissenschaften gehört und durch eine Stiftung getragen wird. „Wir haben eine eigene Kita, einen Wohnbereich für Gastwissenschaftler und zahlreiche spezielle Labore“, so Bechstedt. Und, ergänzt ihre Kollegin: „Jeder Patient, der zu uns kommt, riskiert, an einer der vielen Studien zur Heilung und Behandlung von Lungenkrankheiten teilzunehmen.“ Es sei untereinander ein befruchtendes Miteinander. Im nationalen Referenzzentrum für Mykobakteriologie, das von Dr. Katharina Kranzer geleitet wird, werden Viren, Keime, Erreger und Bakterien untersucht. „Dafür müssen wir Proben möglichst von ganz unten in der Lunge nehmen, das sogenannte Sputum“, erklärt sie.

110 Schüler des 9. Jahrgangs der Schule-im-Alsterland in Sülfeld konnten sich an zwei Projekttagen ein Bild von der Forschungsarbeit in Borstel machen. Die Schüler prüften die Nützlichkeit einer Aufklärungs-App. Denn das Forschungszentrum hat das spendenfinanzierte Projekt „ExplainTB“ entwickelt – eine App, die Sprachbarrieren überwinden und zu einer sinnvollen Aufklärung über Tuberkulose führen soll. „Die Erkrankung ist in anderen Ländern häufig. Flüchtlinge kommen nach Deutschland, die bei Ausbruch der Krankheit über Behandlungsmöglichkeiten, Vorsichtsmaßnahmen und Ansteckungsgefahr informiert werden müssen“, so Dr. Runge. Da viele der Patienten jedoch kein Deutsch sprechen, ermöglicht es die kostenlose App dem Arzt, seine Patienten in über 38 Sprachen aufzuklären – allein durch den Einsatz eines Smartphones in Text- oder Hörversion, denn viele Patienten können nicht lesen.

„Die Schüler können im Rahmen der Projekttage einen ersten und wichtigen Beitrag dazu leisten“, so Dr. Herzmann. Ganz nebenbei erfuhren die Neuntklässler auch Spannendes über die Forschung, über Tuberkulose, Bronchitis, CPD, Asthma, Allergiebekämpfung in der Pollensammelstation des Forschungszentrums, Lungenkrebs, über die Funktion der Lunge anhand einer echten, aufblasbaren Schweinelunge und über die Risiken des Shisha-Rauchens. Wichtig sei, so Runge, die frühe Aufklärung über die Risiken des Rauchens und Shisha-Rauchens. Das Modell einer Raucherlunge oder die Tatsache, dass Shisha-Rauchen mindestens genauso gefährlich wie Rauchen sei, weil chemische Stoffe freigesetzt würden, beeindrucke Jugendliche doch sehr. „Unser Ziel ist es, Lungenkrankheiten zu bekämpfen – und daher möchten wir den Nachwuchs rechtzeitig und effektiv aufklären“, so die Laborleiterin.

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