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Stormarner Tageblatt

24. November 2017 | 06:31 Uhr

Brunsbek : Hausarrest durch Rollstuhl-Verbot

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Krankenkasse und Tüv verweigern einem 88-Jährigem mit Handgelenks-Arthrose einen elektrischen Antrieb für seinen Rollstuhl. Als Begründung wird ein Nierenleiden angeführt.

von
erstellt am 11.Mai.2017 | 13:57 Uhr

Asphaltierte Wirtschaftswege, Wald, Wiesen und Felder. Wo Lorenz Lunau lebt, ist die Hamburger City zwar nur gut 20 Kilometer entfernt, aber bis nach Kronshorst sind es ebenfalls zwei Kilometer. Für den 88-Jährigen eine unüberbrückbare Distanz, seit 2014 seine Frau Margret starb. Seit einem schweren Reitunfall vor einigen Jahren ist Lorenz Lunau auf Gehhilfen angewiesen.

Bis vor knapp einem Jahr war er noch viel mit dem Rollstuhl unterwegs, aufgrund einer Sattelgelenksarthrose in den Handgelenken kann er die Räder aber nicht mehr selbst aus eigener Kraft antreiben. Und mit dem Rollator kann er maximal vor die Haustür treten.

Die Lösung wäre einfach: Ein elektrisch betriebener Rollstuhl oder ein so genanntes e-fix, ein elektrischer Antrieb, der am Rollstuhl befestigt und mit einer kleinen Armatur bedient wird. Lorenz Lunau probierte das aus und war begeistert: „Endlich konnte ich wieder selbstständig nach draußen. Es gibt so schöne Wege hier, die ich schon alle erkundet habe.“

Als Hilfsmittel ist das e-fix zugelassen, also beantragte der Kronshorster es bei seiner Krankenversicherung. 1949 war er in die Barmer eingetreten und blieb der Ersatzkasse auch während der 22 Jahre treu, in denen er mit seiner Frau die Gaststätte „Südstrand“ und den Campingplatz Großensee betrieb.

Nun schickte ihn die Barmer aber erstmal zum Tüv Nord. Der sollte Lorenz Lunau unter der Frage begutachten, ob er in der Lage ist einen elektrisch betrieben Rollstuhl zu fahren.

Ursache war vermutlich die bekannte Niereninsuffizienz des Kronshorsters. Von den beiden Nieren arbeitet nur noch eine, und auch nur auf absoluter Sparflamme. Regelmäßige Blutwäschen oder Medikamente lehnt Lorenz Lunau ab, nimmt das Risiko bewusst in Kauf.

Der Tüv Nord bescheinigte dem 88-Jährigen zwar, dass er geistig fit genug ist und alle psychologisch Voraussetzungen erfüllt, um einen sechs km/h schnellen Elektro-Rollstuhl im öffentlichen Straßenverkehr zu bewegen. Aber dem Tüv lag auch der Bericht von Lunaus Arzt zur Nierenfunktion vor. Und da zogen sich die Prüfer auf Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung zurück. Da heißt es: Wer unter einer „schweren Niereninsuffizienz mit erheblicher Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens und beträchtlicher Einschränkung der Leistungsfähigkeit leidet“, sei dazu nicht in der Lage.

Nun trifft das auf Lorenz Lunau zwar nicht zu, aber es sei eben auch „nicht absehbar, wann sich die Spätfolgen einstellen“, so die Tüv-Gutachter, die Müdigkeit, Übelkeit und Sehstörungen aufzählen. Ein elektrisch motorisiertes Krankenfahrzeug könne daher mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht mehr mit der im Straßenverkehr erforderlichen Sorgfalt und Sicherheit geführt werden.

Bei dem Termin, zu dem man den Kronshorster zur Begutachtung geladen hatte, nahm man die Vorerkrankung beim Tüv anscheinend noch nicht so ernst. Fünf Stunden ließ man den 88-Jährigen warten, bevor er dran war. „So etwas Impertinentes hätte ich nicht für möglich gehalten“, ärgert sich Lunau bis heute.

Denn mittlerweile ist das ein halbes Jahr her. Natürlich lehnte die Barmer seinen Antrag für ein e-fix nach dem Gutachten ab. Sein Widerspruch und der des Sozialverbands wurden zurückgewiesen. Dass Lorenz Lunau noch nie eines der genannten gesundheitlichen Probleme hatte, spielte bei der Bewertung keine Rolle. Auch nicht, dass die Entscheidung zu „einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität“ führe, so der Sozialverband. Lunau, der seit mehreren Monaten nicht mehr aus dem Haus kommt, formuliert es drastischer: „Das fühlt sich an wie Knast ohne Gitter.“

Nach dem Gesetz haben alle Versicherten Anspruch auf Hilfsmittel, die ihnen eine Teilhabe am Leben ermöglicht. Warum sich die Barmer überhaupt an den Tüv gewandt hat, weiß auch Christian Schultz vom Sozialverband Schleswig-Holstein nicht. „Wir stellen aber schon fest, dass alle Krankenkassen restriktiver vorgehen, nicht nur bei Hilfsmitteln“, sagt Schultz.

Für Lorenz Lunau ist die Situation dadurch jedenfalls noch vertrackter geworden. Beim e-fix geht es um wenige tausend Euro. Zur Not würde der Kronshorster den Antrieb auch aus eigener Tasche bezahlen, aber was geschieht bei einem Unfall: Würde die Krankenkasse die Kosten übernehmen oder darauf verweisen, dass er gar nicht damit fahren durfte? Im Februar hatte die Tüv-Ärztin noch mal bestätigt, dass eine „Eigen- und Fremdgefährdung ... nicht mit Sicherheit auszuschließen“ sei, zumal Herr Lunau längere Strecken zurücklegen wolle.

„Ich lasse mir das auf keinen Fall gefallen, weil ich das auch überhaupt nicht einsehe“, sagt der Kronshorster, „es kann nicht sein, dass mir die Krankenkasse aufgrund einer Vermutung Hausarrest verordnet.“ Wenn es keine Einigung gibt, bliebe nur der Gang zum Sozialgericht. Die durchschnittliche Wartezeit bis zu einem Urteil beträgt aber anderthalb bis zwei Jahre. „Ich würde mich freuen, wenn ich den Rollstuhl genehmigt bekomme, bevor ich tot bin“, sagt der 88-Jährige ohne jede Ironie.

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