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Stormarner Tageblatt

18. August 2017 | 09:06 Uhr

Handwerk erlebt Boom

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Kunden müssen mehr zahlen und länger warten, weil Auftragsbücher voll sind / Fachkräfte fehlen

Das Handwerk im Norden hat goldenen Boden. Niedrigzins und steigende Energiekosten füllen die Auftragsbücher der Betriebe im Land. „Gerade im privaten Wohnbereich hat sich enorm viel Nachfrage entwickelt“, sagt Stefan Seestädt von der Handwerkskammer Schleswig-Holstein in Lübeck.

Zunehmend würden Menschen ihr Geld für energetische Sanierung ausgeben. Hinzu komme die unprofitable Situation für Sparer. „Sie flüchten ins Betongold“, so Seestädt. „Von einem renovierten Bad habe ich mehr, als wenn ich das Geld auf der Bank lasse“, ergänzt Kammer-Sprecherin Anja Schomackers.

Was die Betriebe freut, dürfte manchem Handwerker-Kunden bitter aufstoßen: Die Wartezeiten der Kunden nehmen zu, die Preise für die Dienste der Betriebe steigen. Einer Konjunkturumfrage der Kammer zufolge konnten im vergangenen Quartal 13 Prozent aller Betriebe höhere Preise durchsetzen.

Vor allem beim Bereich des Ausbaugewerbes sei dies der Fall gewesen, erläutert Seestädt die Zahlen – Installateure, Heizungsbauer, Klempner profitieren. „Das ist das alte Gesetz der Wirtschaft“, so der Experte der Handwerkskammer.

Die Zahl der Betriebe im Land ist so auch in den vergangenen Jahren gestiegen von 9243 in 2010 auf 9271 Ende vergangenen Jahres. Nach Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks kamen bis Mitte dieses Jahres noch 28 weitere Betriebe hinzu. Die Beschäftigtenzahlen gehen nach Angaben des Statistikamts Nord in Kiel seit mehr als eineinhalb Jahren bei Zimmerern, Dachdeckern, Verputzern und Heizungsbauern deutlich nach oben. Je nach Branche lagen die Umsätze zuletzt um mehr als 20 Prozent über Vergleichszahlen von 2009.

Auch die Gewerkschaften sind mit der Entwicklung zufrieden. „Die Firmen stehen ganz gut da“, so Friedhelm Ahrens, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Küste. Die neuen Stellen im Handwerk seien „in der Regel alles richtige Festanstellungen“. Nur selten würden Leiharbeiter eingesetzt. Ein ähnliches Bild malt Andre Grundmann von der IG Bau Nord. Es würden unbefristete Vollzeitstellen geschaffen. „Die Betriebe haben Bedarf und suchen Fachkräfte.“

Die Kehrseite: In vielen Branchen herrscht Fachkräftemangel. Im andauernden konjunkturellen Hoch haben die Betriebe immer stärker mit den personellen Folgen der Krisenjahre 2006 und 2007 zu kämpfen. Damals hätten viele Betriebe Zurückhaltung bei der Ausbildung geübt, erklärt Kammer-Experte Seestädt. Qualifizierte Fachkräfte schulten auf Tätigkeiten außerhalb des Handwerks um. Jetzt fehlen diese Kräfte. „Handwerksbetriebe können nicht so eine Personalplanung betreiben wie mittlere und große Unternehmen“, erläutert Seestädt. Sie könnten nur kurzfristig reagieren. Das hat Folgen: „Der Markt ist zum Teil leergefegt.“

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erstellt am 22.Okt.2013 | 00:35 Uhr

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