Lübeck : Gute Zeiten – dank Roncalli

Geraldine Philadelphia braucht „nur“ Hula Hoops und ihren Körper, um Begeisterungsstürme zu entfachen.
1 von 2
Geraldine Philadelphia braucht „nur“ Hula Hoops und ihren Körper, um Begeisterungsstürme zu entfachen.

Das Lübecker Publikum applaudiert stehend und ausdauernd, als wolle es die Zeit im Zirkuszelt anhalten.

shz.de von
24. Juli 2015, 06:00 Uhr

Poesie in Zeiten kalkulierter Gewinnmaximierungen? Handgemachte Magie kontra Mausklick? Manegenrund statt World Wide Web? Mit Blick auf die vermeintliche Realität ist es ein schlichtes Wunder, wenn sich auf einen Schlag 1500 Menschen von ein paar dutzend Artisten in eine Welt der Träume und Illusionen entführen lassen – ein wahres Wunder, wie die Lübeck-Premiere des Circus Roncalli gezeigt hat. „Good Times“ verspricht das Programm.

Roncalli ist Kult. 40 Jahre ist es her, seit Bernhard Paul seinen Job als Art-Direktor in Wien an den Nagel hängte, Zirkusdirektor wurde und Roncalli in die Welt setzte. Seifenblasen statt wilder Tiere und vor allem hochklassige Clownerien. Ein Clown ist er selber geworden und tritt gelegentlich bis heute auf. Und so sind es denn auch in Lübeck Clowns, die die Zuschauer schon am Eingang den Alltag von den Schultern klopfen. Später wird Roncalli’s Royal Clown Company die erwachsenen Zuschauer zum Schmunzeln und Lachen, und die kleinen und nie wirklich erwachsen gewordenen zu lautem Gegackere bringen. Albern werden Anatoli Akerman, Oriol Boxader, Devlin Bogino und Weißclown Gensi Mestres nie dabei – natürlich nicht; in dieser Manege wird die Kunst der Komik zelebriert.

Zunächst wickeln sich die, die ins Manegenzelt wollen, in einer Warteschlange halb um die Tourist-Information. Die Menge baut sich jedoch zügig ab, ohnehin gibt es kaum hübschere Orte zum Schlangestehen als direkt am Holstentor. Es ist ein perfekter Platz – sagen die Zirkusleute, die niemals fern vom Zentrum ihre Zelte aufschlagen. Illusionen hin, Popcorn her: Auch in der Traumwelt beginnt die Arbeit, also die Vorstellung, pünktlich: Sergi Buka bringt mit geheimnisvollem grünen Licht eine manegengroße Uhr zum Stillstand. Das Spiel beginnt. Bei der Fußball-Jonglage von Jemile Martinez bleiben Münder offen stehen; das Duo Viro macht unter der Zeltkuppel an seidenen Tüchern Akrobatik zu Ballett. „Pferdeflüsterer“ Karl Trunk kommt mit acht Tieren, die sich der Größe nach wie die Orgelpfeifen aufreihen. Mini-Shetlands sind dabei und dann auch mit einem Shire Horse (Stockmaß: 1,85 Meter) ein Vertreter der größten Pferderasse; die kleinen Racker und der riesige Gentleman galoppieren direkt in die Zuschauerherzen.

Die Kinder Bernhard Pauls, zwei Töchter und ein Sohn, kommen mit Partner Jemile Martinez zu einer atemberaubenden Rollschuhnummer; die früheren russischen Olympiaturner The Rokashkovs zeigen ein Liebesdrama am quadratischen Reck; Geraldine Philadelphia braucht „nur“ Hula Hoops und ihren Körper, um Begeisterungsstürme zu entfachen; staunenswerte körperliche Biegsamkeit, Ideenreichtum und Mut zeigt das Circustheater Bingo; das Golden Gate Trio schließlich scheint Schwerkraft und die Grenzen des körperlich Machbaren für ungültig zu erklären. Den größten Zauber und eine schier unerträgliche Spannung erzeugt aber Melodia Garcia Rigolo, wenn sie eine Feder und 13 Palm-Äste zu einer schwebenden Skulptur zusammensetzt. Georg Pommer begleitet und leitet das Geschehen zusammen mit dem Roncalli Royal Orchestra. Er ist Vollblutmusiker und alleine die Musik wäre Grund genug, zu Roncalli kommen.

Nach reichlich zweieinhalb Stunden erobern alle Artisten die Manege zum Finale. Das Publikum applaudiert stehend und ausdauernd, als wolle es die Zeit im Zelt anhalten. Doch dann kommen die Clowns in Nachthemden, mit Schlafmützen, Teddy und Kuschelkissen in den Armen. Der Traum ist aus, aber weil es ein schöner war, nimmt man ihn mit nach Hause. Good Times!



zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen