Grandiose Gefühle und Gräueltaten

Der Kivusee lädt mit glasklarem Wasser und endlos erscheinendem Himmel zum Entspannen ein.     Foto: app
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Der Kivusee lädt mit glasklarem Wasser und endlos erscheinendem Himmel zum Entspannen ein. Foto: app

Ein Ahrensburger berichtet aus Uganda / Einwöchiger Abstecher ins ostafrikanische Nachbarland Ruanda

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22. Oktober 2011, 08:32 Uhr

Stefan Appelhoff aus Ahrensburg flog nach dem Abi tur nach Uganda, um dort in einem Straßenkinderheim einen zwölfmonatigen Entwicklungsdienst auszuüben. Heute: Folge 3

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Nach mehr als zwei Monaten Uganda stellte sich für mich immer öfter die Frage, wie es in den anderen Teilen Ostafrikas aussieht, ob ich bei Erzählungen pauschalisierend von "Ostafrika" reden darf, oder ob Uganda und jedes ostafrikanische Land seine Individualität mit starken Unterschieden begründet. Neben dem Drang, diese Frage zu beantworten, hat Ruanda nicht nur mit schönen Aspekten wie den im Namen gepriesenen tausend Hügeln gerufen, sondern auch mit nachdenklich stimmenden Aspekten wie dem Genozid von 1994, mit dem ich mich auseinander setzen wollte.

Mit dieser Vielzahl an Reise motiven brach ich also eines Abends frohen Mutes und voller Energie auf. Mit der Energie hatte es sich dann jedoch leider bald, denn das Transportmittel meiner Wahl, der Reisebus, erwies sich als äußerst kräftezehrend durch Enge, Hitze, Erschütterungen und Lautstärke. Mein froher Mut blieb mir noch ein wenig länger erhalten. Um genau zu sein, bis kurz nach dem problemlosem Überqueren der Grenze und dem Beobachten des Straßenrandes im unbekannten Land: Da wir bei Nacht gefahren sind, konnte ich nicht umhin, mich geringfügig beim Anblick der verlassen erscheinenden Gegend zu gruseln, hatte ich doch zuvor viel Erschreckendes über den Genozid und über geschehene Gräueltaten gelesen. Glücklicherweise war es mit dem Gruseln vorbei, sobald wir Kigali, Ruandas Hauptstadt, im Morgengrauen erreichten - dafür sorgte eine Vielzahl an freundlichen Kommentaren der früh aktiven Bevölkerung, von denen mir besonders ein selbstverständliches "Ihr seid willkommen in unserem Land" im Gedächtnis geblieben ist.

Armut, wie sie einem in Ugandas Hauptstadt Kampala auf der Straße unausweichlich und hart entgegenschlägt, war in Kigali nur mit sehr wachem Blick wahrzunehmen. Ordentliche Straßen mit kaum ausgeprägtem informellen Sektor, das heißt mit kaum unregistrierten und schwarz arbeitenden Händlern darauf, keine Stromausfälle und weder Müll noch Gestank.

Ich begann mich zu fragen, ob Kigali repräsentativ für Ruanda ist und brannte darauf, die Hauptstadt zu verlassen, um mehr von den ländlichen Gegenden zu sehen. Vorerst stand jedoch ein anderer Teil der Reise auf dem Programm: Die Besichtigung der Genozidgedenkstätte in Ntarama. Die Gedenkstätte ist eine ehemalige katholische Kirche, in der in den kritischen Monaten während des Genozids 1994 innerhalb von zwei Tagen mehr als 5000 Opfer ermordet wurden. Male und Zeichen dieser Gräueltaten sind erschreckend gut erhalten und es würde physisch wehtun, diese Gedenkstätte mit offenen Augen zu betreten, wenn nicht das unbeschreibliche Taubheitsgefühl jegliche Emotion überschatten würde. Der Führer, der uns eine Besichtigung ermöglichte, sprach zu uns in einer sehr bewusst neutralen Stimme, die nocht darauf bedacht war, Gefühle herauszufordern; was auch nicht notwendig war: Die Bilder der zerstörten Gebäude, der Kleidung der Opfer und der aufgebahrten Knochen haben Eindruck hinterlassen. Besonders eine Inschrift fand ich erschütternd: "Wenn du mich gekannt hättest und dich, hättest du mich nicht getötet."

Meine Offenheit dem Thema Politik gegenüber war kurz vor der Abreise einem Unwohlsein gewichen, als ich und meine Mitreisenden von einem Bekannten aus Ugander mit folgenden Worten gewarnt wurden: "Sprecht bitte nicht über Politik. Sprecht über alles andere, aber nicht über Politik. Wir wollen euch ja wieder zurückhaben." Trotz allem konnten wir mit unserem Führer vorsichtig über Politik sprechen, bzw. seinen Fragen zuhören: Wieso wurden Macheten nach Ruanda exportiert, von denen klar war, welchem Zweck sie dienen würden? Wieso hat Deutschland einem führenden Exekutor des Genozids Aufenthalt und sogar Ausreise in diverse Staaten gewährt?

Die zweite Frage verstanden wir nicht sofort und mussten uns aufgrund unser offensichtlichen Bildungslücke schämen. Jetzt jedoch wissen wir, dass die Rede von Igance Murwanashyaka war, der erst im November 2009 in Deutschland verhaftet wurde, nachdem er jahrelang zuvor in Mannheim im Exil leben konnte und sogar trotz politischem Betätigungsverbot mit ugandischem Pass in den Kongo reisen konnte.

Die Fragen und das Gespräch mit unserem Führer, der selbst ein Opfer des Genozids ist und durch jenen fast seine ganze Familie verloren hat, konnte uns mehr und mehr bewusst werden, dass die Schuld am Genozid nicht leichtfertig auf ruandische Schultern abgeladen werden kann. Ursprünge der Entwicklungen bis hin zu Genozid sind viel eher in der Zeit der Kolonialisierung durch Deutschland und Belgien im frühen 20. Jahrhundert und dem damit zusammenhängenden Beginn der "Einteilung in Rassen" zu suchen. Ein Fakt, mit dem ich mich zuvor nicht auseinander gesetzt hatte.

Nach diesem Erlebnis habe ich mich schon fast zu voll von Emotionen und Gedanken gefühlt, um meinen Ruanda-Aufenthalt zu genießen, doch glücklicherweise habe ich den Führer noch nach der Bedeutung der Farben Violett und Weiß gefragt, die das Denkmal zierten. "Violett für das Bewusstsein und Mitgefühl für was passiert ist und Weiß für die Hoffnung." Diese Einstellung ist in ganz Ruanda zu finden und hat mir Mut gegeben, das Land auf die Unterschiede mit Uganda weiter zu untersuchen, die ich ursprünglich finden wollte.

Gelegenheit dazu ergab sich auf einer Reise zum im Norden Ruandas gelegenen Kivusee. Der See ist oft angepriesen als "schönster See Ostafrikas", und ich muss gestehen: Wenn nicht dieser See, welcher dann? Mindestens so schön wie der See an sich, war der Ausblick auf der Reise zu jenem. Dazu metallene Strommasten statt der hölzernen, schiefen in Uganda, gemauerte Regenabflüsse selbst in den periphersten Gegenden und eine Sauberkeit und Uniformität, die mir in Uganda für Monate verloren blieb. Teilweise habe ich mich gefühlt, als wäre ich zurück in Deutschland. Aber trügt hier nicht der Schein?

Wie zu erwarten ist Ruandas Entwicklung ambivalent: Was nützen die gut ausgebauten Straßen, wenn sich niemand ein Auto leisten kann? Auf unser fast dreistündigen Busreise zum Kivusee kamen uns jedenfalls weniger als fünf andere Fahrzeuge entgegen. Was bringen kleine, hübsche Lichter an den Straßenrändern, wenn ein Großteil der Bevölkerung trotz schönem und nettem Schein arm ist und bleibt?

Rückblickend hat mich die Reise jedoch nicht nur deutlich dafür sensibilisiert, weniger von "Ostafrikanern" zu sprechen, sondern auch um viele Erfahrungen und Gedanken bereichert.

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