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Stormarner Tageblatt

17. Dezember 2017 | 01:51 Uhr

Bad Oldesloe : Gift-Cocktail ins Klärwerk?

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Oldesloer Grüne präsentieren einen Fragenkatalog zu Medikamentenrückständen im Abwasser der Asklepios Klinik.

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erstellt am 04.Aug.2017 | 06:00 Uhr

Stechen die Oldesloer Grünen da in ein Wespennest, oder ist es lediglich ein Stochern in einer zwar trüben, aber letztlich ungefährlichen Brühe? Dr. Hartmut Jokisch präsentierte einen Fragenkatalog,zur „Ökotoxidität der Klinikabwässer“. „Es gibt Untersuchungen schwedischer Wissenschaftler an Süßwasser-Speisefischen, die dort Medikamentenrückstände gefunden haben“, begründet er den Vorstoß der Grünen: „Bekanntermaßen reicht eine dreistufige Abwasserklärung nicht aus, um Medikamente, die ja bereits in kleinen Dosen Wirkungen erzielen müssen, herauszufiltern.“

Deshalb wollen die Grünen wissen: Welche Grenzwerte und Messwerte des Abwassers am Ausgang der Klinik gibt es zur Belastung durch Keime, Medikamenten, sonstige Belastung durch krankenhaustypische Chemikalien wie zum Beispiel Röntgenkontrast- oder Reinigungsmittel? Welche Werte werden dazu am Ausgang der städtischen Kläranlage gemessen? Welche Behörde ist dafür zuständig? Und ist es möglich, Vorgaben in die Abwassersatzung zu schreiben?

Bei Asklepios geht man vorsichtshalber schon mal in den Verteidigungsmodus. „Eine rechtliche Verpflichtung zur Vorbehandlung von Abwasser, dass in unserer Klinik Bad Oldesloe anfällt, besteht derzeit nicht“, betont Pressesprecher Mathias Eberenz: „Wir halten uns an alle gesetzlichen Vorgaben und haben uns nichts vorzuwerfen.“ Asklepios verbrauche sehr viel Wasser – statistisch etwa drei mal so viel wie in Haushalten – entsprechend hoch sei die Verdünnung, die Rückstände ungefährlich machen. Die meisten Menschen lebten immer noch zu Hause und nutzten dort ihre Klospülung – also flössen auch dort die Schadstoffe in die Kanalisation. Ganz zu schweigen von Altenheimen, deren Bewohner teilweise regelrechte Medikamenten-Cocktails verabreicht bekämen.

Eberenz betont: „Asklepios hat darüber hinaus in den vergangenen Jahren durch die Auslagerung der Klinik-Wäscherei und der Sterilisationsabteilung die Belastung des Abwassers durch Chemikalien ganz erheblich reduziert.“ Klinikabwässer würden mit einem Fettabscheider gereinigt „und somit alle Vorgaben der Stadtwerke“, erfüllt.

Doch ganz so einfach, wie es der Kliniksprecher darstellt, es ist wohl nicht. „Grundsätzlich können eine Vielzahl von Arznei-, Desinfektions- und Röntgenkontrastmitteln im Ablauf von Kliniken enthalten sein. Dazu kommen antibiotikaresistente Bakterien“, erklärt Sabine Thaler, Diplom Biologin bei der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). Da die Analytik immer besser werde, ließen sich mittlerweile auch Rückstände im Nanobereich nachweisen. Eine humantoxische Wirkung sei aufgrund der Verdünnung auszuschließen. Bei Lebewesen im Wasser, sehe das ganz anders aus. Biologin Thaler: „Die Folgen können ganz unterschiedlich sein. Das wirkt sich auf die Reproduktion, das Wachstum oder das Immunsystem aus.“

Natürlich kommen viele Arzneimittel auch im häuslichen Abwasser vor. Sabine Thaler: „Im Durchschnitt tragen Krankenhäuser etwa zu 20 Prozent der Belastung kommunaler Abwässer bei.“ Daher stelle sich die Frage, ob eine Behandlung direkt an der Klinik Sinn mache. „Wenn ich ohnehin etwas an der kommunalen Kläranlage machen muss, kann die auch die 20 Prozent Belastung aus dem Krankenhaus mitbehandeln“, ist die Expertin der DWA überzeugt.

Es gibt verschiedene Behandlungsverfahren, die vierte Reinigungsstufe, die bereits für die Spurenstoffelimination getestet und eingesetzt wurden. Dazu zählen die Begasung mit Ozon , der Einsatz von Aktivkohle oder die Membranfiltration. Alle Verfahren haben Vor- und Nachteile. Die Membranfiltration ist energieintensiv, der Betriebsaufwand ist hoch und die Membranen haben begrenzte Haltbarkeit. Die Aktivkohlefiltration eignet sich vorwiegend für Substanzen mit schlechter Wasserlöslichkeit. Bei der Ozonung handelt es sich um ein Verfahren, das zu unerwünschten Abbauprodukten führt, die toxische Wirkung aufweisen können. Als effizient habe sich eine Kombination von Ozonung und Aktivkohlefiltration erwiesen, denn im anschließenden Filtrationsschritt werden Transformationsprodukte zum größten Teil entfernt. Sabine Thaler schätzt die Extrakosten auf 10 bis 50 Cent pro Kubikmeter Abwasser.

Das Problem ist ein ganz anderes. Für Spurenstoffe gibt es bislang keine Grenzwerte. Teilweise werde ein Medikament original aus dem Körper ausgeschieden. Zum Teil seien es aber Transformationsprodukte. Expertin Thaler: „Für das Antiepileptikum Carbamacepin ist bekannt, dass beim Abbau 53 Transformationsprodukte entstehen. Für das Antibiotikum Sulfomethoxazol kennt man rund 30 Transformationsprodukte. Bei den meisten Ausgangssubstanzen ist aber gar nicht bekannt, wie viele und welche Transformationsprodukte mit welchem toxischem Potenzial entstehen.“

Deshalb steht Stadtwerke-Chef Jürgen Fahl einer vierten Reinigungsstufe für die Oldesloer Kläranlage auch skeptisch gegenüber. „Wir wüssten gar nicht, wie die aussehen sollte“, sagt er auf Nachfrage.

Der Fragenkatalog wird auf der Septembersitzung des Umweltausschusses behandelt

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