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Stormarner Tageblatt

24. August 2017 | 08:41 Uhr

Grande : Gestalterin der inneren Zustände

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Stormans Landrat Dr. Henning Görtz auf Atelierbesuch in Grande bei der Künstlerin Waltraud Stalbohm. An den Gepflogenheiten von seinem Vorgänger möchte Görtz festhalten und Kunstschaffende mehrmals im Jahr aufsuchen.

Künstlerin Waltraud Stalbohm aus Großensee ist für Landrat Dr. Henning Görtz keine Unbekannte – eine ihrer Plastiken steht in seinem Arbeitszimmer: Der „Kopf mit Saiten“, ein mit Gitarrensaiten durchzogener Männerkopf, lässt den Kreischef am Schreibtisch gelegentlich innehalten und über seine Arbeit nachsinnen. Die Saiten deuten auf vielfältige Einflüsse, die auf uns einwirken. „Anregend“, findet Henning Görtz die Plastik, weil sie Anreize gibt, das eigene Denken immer wieder zu reflektieren. Jetzt hatte der Landrat ausführlich Gelegenheit, auch andere Arbeiten der Künstlerin kennenzulernen und seine Eindrücke zu vertiefen. Wie sein Vorgänger Klaus Plöger sucht er den direkten Kontakt zur Stormarner Kunstszene und plant, mehrmals im Jahr Künstler in ihrer Werkstatt zu treffen. Premiere ist im Grander Maleratelier von Waltraud Stalbohm, die in ihrem Wohnhaus in Großensee noch ein Studio für ihre Plastiken hat.

Die 1947 in Hessen geborene Künstlerin hat in Berlin und Hamburg studiert und lebt seit 1978 in Stormarn. Seit ihrer beruflichen Selbstfindung ist sie in beiden Kunstrichtungen fest verwurzelt, wobei ihre Vorliebe bei der Bildhauerei liegt: „Das Haptische, das unmittelbare Schaffen ist für mich der zentrale Prozess.“ Überhaupt spiele das Handwerkliche eine große Rolle, wie sie an verschiedenen Arbeiten erläutert.

Besonders beeindruckt ihre Installation „Klang der Stille“, bei der sie einen Holzkasten wie einen Kirchenraum gestaltet hat, in dem von der Decke die Saiten verschiedener Musikinstrumente herabhängen. Die Idee dazu entnahm sie Berichten zur Judenverfolgung in der NS-Zeit. Damals hatten Deportierte mitunter Musikinstrumente als wichtigste Habseligkeit auf die Reise ins Konzentrationslager mitgenommen. Für manche bedeutete ihr musikalisches Talent einen Aufschub vor dem Tod, für einige sogar die Rettung.

So ein konkreter Hinweis ist eher die Ausnahme. Waltraud Stalbohm will nicht erklären oder interpretieren, sondern ihren ureigenen Blick auf die Menschen festhalten. Ihr Material ist Beobachtung bei Zufallsbegegnungen, ihr Ziel „Momente des inneren Zustands“ einzufangen. Das führt zu großformatigen Porträts, wie dem Bild „Frau mit Umhang“ (2014). Es zeigt Einsamkeit und Verbitterung, aber in dem nach innen gekehrten Blick liegt auch Würde. Bei dem Porträt gewährt sie einen Einblick in ihre Arbeitstechnik: „Unmengen von Fotos mit Selbstauslöser waren nötig, bis ich genau wusste, wie eine Decke über die Schulter fällt.“

Das Gespräch über Kunst und Kunstschaffen trifft die Mitgründerin der Künstlerinitiative Stormarn in einer Ruhepause nach der gerade absolvierten großen „Werkschau“ im Schloss Reinbek. Zeit für eine Zwischenbilanz, aber auch Pläne und neue Ideen. „Tanz“ wird ein Thema sein, das aber eher in Großensee, also plastisch gestaltet werden soll. Landrat Henning Görtz wird den weiteren Weg von Waltraud Stahlbohm aufmerksam verfolgen. Er hat ihren Blick auf die Welt ja täglich vor Augen – mit dem verdrahteten Kopf in seinem Büro.

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