Ahrensburg : Gericht lässt Milde walten

Die Statue Justitia ist zu sehen. /Archiv
Die Statue Justitia ist zu sehen. /Archiv

Der Angeklagter wollte einen Fahrkartenautomaten sprengen. Das Verfahren gegen 23-Jährigen wird eingestellt.

shz.de von
15. März 2017, 06:00 Uhr

Freimütig schildert Jürgen D. (Name geändert) vor dem Jugend-Schöffengericht Ahrensburg ausführlich, wie er einen Fahrkartenautomaten sprengen wollte. „Zwischen Mitternacht und 2 Uhr morgens war ich am Bahnhof Gartenholz und habe den Automaten abgeklebt.“ Danach führte er einen vorbereiteten Schlauch in die Kartenausgabe, der mit einer Sauerstoffflasche verbunden war. Einen zweiten Schlauch wollte er eigentlich mit einer Propangasflasche verbinden, doch dann verließ ihn der Mut: „Es wurde mir zu gefährlich, ich wollte nur noch weg.“

Am Tatort hinterließ er die Gasflaschen, Schläuche, Handschuhe und eine Taschenlampe. Mit 5000 Euro Beute habe er gerechnet, sagt er aus. Mit einer Batterie wollte er das Gasgemisch zünden. „Die Einzelheiten habe ich in einem Video der Bundesanstalt für Materialprüfung gesehen“, sagt er. D. hatte auch ausprobiert, wie er den Zünder zum Glühen bringen konnte.

Ein Konstrukteur aus Hammoor entdeckte morgens die Schläuche im Ausgabefach. „Die Schläuche waren mit den Kartuschen in der Böschung verbunden.“ Da sei er stutzig geworden, habe andere Fahrgäste gewarnt und die Polizei angerufen. „Ein fünf Meter langes Kabel führte ebenfalls in die Böschung“, sagt eine Polizistin aus. Der Bahnverkehr wurde gestoppt, die Feuerwehr prüfte, ob noch Gas im Automaten war.

D. steckt in großen finanziellen Schwierigkeiten. Der 23-jährige Möllner hatte eine chemisch-technische Firma gegründet und ist damit im vergangenen Jahr Pleite gegangen. Das Amtsgericht Ratzeburg verurteilte ihn wegen mehrfachen Betrugs zu einem Jahr Haft auf Bewährung noch nach Jugendrecht. Weitere 14 Monate verhängte das Landgericht wegen besonders schwerer Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung dann nach Erwachsenenrecht. Sechs Wochen hatte D. im Sommer 2016 in U-Haft verbracht. Die jetzige Tat beging er bereits am 18. Juli 2013, lange vor den verhandelten Taten. Die Polizei war ihm durch eine Funkzellenauswertung auf die Spur gekommen, sie hatte mit mehreren Tätern gerechnet.

Bis September 2019 steht D. wegen der beiden Haftstrafen noch unter Bewährung. „Er hat 300  000 bis 400  000 Euro Schulden“, sagt sein Bewährungshelfer aus. Er lebe bei seiner Mutter und sein Gehalt als Maschinenführer werde bis zur gesetzlichen Grenze gepfändet. Ein Insolvenzverfahren laufe noch. Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe attestiert D. eine positive Prognose. Es gebe Brüche in seinem Lebenslauf, sein Vater sei früh verstorben. „Nach einem schweren Unfall in seiner Jugendzeit war er zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen.“

Er tue sich schwer mit einer Verurteilung wegen der Vorbereitung einer Sprengstoffexplosion, sagt der Staatsanwalt: „Die Installation war noch nicht sprengfähig.“ Der Vorsitzende Richter betont nach kurzer Pause im Gerichtssaal die unerträglich lange Dauer des Verfahrens. „Wir sehen auch eine deutliche Verhaltenskorrektur beim Angeklagten.“ Angesichts der Einwirkungen durch die Vorstrafen sei ein weiteres Urteil wenig sinnvoll. Es werde lange dauern, bis D. wieder finanziellen Boden unter den Füßen bekomme. Zudem sei die Fortsetzung des Verfahrens mit weiteren Gutachten zu aufwendig. So entscheidet sich das Gericht für eine vorläufige Einstellung.



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