Lübeck/Bad Oldesloe : Gericht hebt Haftbefehl auf

Feuerwehrleute am Brandort im Wintergarten des Hauses im Pölitzer Weg, in dem die Partnerin lebte.
Feuerwehrleute am Brandort im Wintergarten des Hauses im Pölitzer Weg, in dem die Partnerin lebte.

Wende im Prozess um Wohnungsbrand in Bad Oldesloe: Kein zwingender Tatverdacht mehr gegen 29-Jährigen.

shz.de von
08. Februar 2018, 06:00 Uhr

Überraschende Wende im Prozess gegen Arne K. (Name geändert). Die I. Große Strafkammer des Landgerichts in Lübeck hob den Haftbefehl gegen den 29-Jährigen auf. In der Verhandlung wurde deutlich, dass die ihm vorgeworfene Brandstiftung nicht zweifelsfrei beweisbar sei. Zwei Experten des Landeskriminalamts erklärten, dass der Brand des Hauses in Bad Oldesloe durchaus auch durch Fehler in der Elektroanlage verursacht sein könnte. „Das kann ich nicht ausschließen“, sagte der Elektrotechniker.

Das Haus im Pölitzer Weg war am Morgen des 31. Mai 2017 in Flammen aufgegangen. Die Lebensgefährtin und ihr Sohn konnten sich in letzter Minute durch ein Fenster ins Freie retten. K. wurde noch am gleichen Morgen festgenommen, das Landgericht erließ Haftbefehl (wir berichteten). Seitdem saß er in U-Haft.

Gegen ihn sprachen eine Zeugin, die ihn am Brandort gesehen haben wollte, und sein Aussageverhalten. Denn erst später gab er zu, dass er dort tatsächlich gewesen war, um einen Kindersitz abzuholen. Außerdem hatte er dort eine Zigarette geraucht und die Glut weggeschnippt. Auch die konfliktträchtige Beziehung zu seiner Lebensgefährtin sprach gegen K. Durch ausgewertete Chat-Protokolle wurde eine Flut gegenseitiger Beleidigungen deutlich.

Durch die Auswertung des Fahrtenschreibers in seinem Lkw bestätigte sich, dass er von 4.40 bis 4.45 Uhr am Brandort war. Die Feuerwehr wurde zehn Minuten später alarmiert, als die Flammen vom Wintergarten aus schon auf das Haus übergegriffen hatten. Dass der Brand in diesem kurzen Zeitfenster solche Ausmaße annehmen könnte, sei unwahrscheinlich, so der LKA-Elektroexperte. Auch dass eine Zigarettenglut ihn auslösen könnte, bezweifelte er. „Die Entwicklung von einem Glimm- zum Flammbrand dauert länger.“

Einen Kabelbrand mit schmelzender Kupferader hielt er für wahrscheinlicher: „Kupfer schmilzt erst bei über 1080 Grad, eine solche Schmelzperle ist viel heißer als Zigarettenglut.“ Kabelbrände seien die Ursache für viele Brandereignisse. Die Ermittler hatten auch keinen Hinweis auf brennbare Flüssigkeiten entdeckt, auch ein Spürhund hatte nur sehr schwach reagiert. Weil das Feuer viel von der Elektroanlage zerstört hatte, kann die Ursache voraussichtlich nicht mehr geklärt werden.

Die ermittelnden Beamten bestritten zuvor, dass sie K. bei ihren Vernehmungen unter Druck gesetzt hatten. „Wir waren freundlich und höflich zu ihm, sein Weinen hatte uns berührt“, sagte ein Vernehmer. Er hatte auch die Lebensgefährtin vernommen und ihr zu einer Trennung geraten. „Es gab so viel Verletzendes in ihrem Chat, dass ich den Eindruck einer instabilen Beziehung hatte“, sagte er. „Kann sein, dass es so rüberkam, ich habe es aber nicht so gemeint.“ Die Frau hatte vergangene Woche ausgesagt, sie wolle die Beziehung mit K. fortsetzen. Im September war ein gemeinsamer Sohn geboren worden.

K. habe eine problematische Kindheit erlebt und dennoch Fuß gefasst, sagte der psychologische Gutachter. „Er hat eine instabile Borderline-Persönlichkeitsstörung mit launenhaft wechselnden Stimmungen.“ Eine verminderte Schuldfähigkeit sei nicht auszuschließen.

Nach einer Zwischenberatung entschied das Gericht, den Haftbefehl aufzuheben. „Wir sehen vorläufig keinen zwingenden Tatverdacht mehr“, so der Vorsitzende Richter. Nach Anhörung der Sachverständigen gebe es vernünftige Zweifel daran. Gleichwohl wird die Verhandlung nächsten Dienstag mit den Plädoyers fortgesetzt.





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