Wiedenborstel : Ganze Gemeinde im Wohnzimmer

Dr. Heidi Lemmerbrock wird erneut Bürgermeisterin von einer der kleinsten Gemeinden Deutschlands.

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15. Juni 2013, 11:37 Uhr

wiedenborstel | Heidi Lemmerbrock rückt noch kurz die Kaffeetassen aus weißem Porzellan zurecht. "Hinrich, kannst du mal die Eistorte holen?", ruft sie ihrem Sohn zu und stellt währenddessen eine große Schale mit Erdbeeren auf den Tisch. Es ist kurz vor fünf. In ein paar Minuten wird sich in ihrem Esszimmer die ganze Gemeinde versammeln - um den Bürgermeister zu wählen. Oder besser gesagt, die Bürgermeisterin. Denn Heidi Lemmerbrock ist bereits seit 1999 unangefochtenes Oberhaupt von Wiedenborstel, einer der kleinsten Gemeinden Deutschlands.

Zwölf Menschen leben auf dem idyllischen Gutshof nahe Aukrug inmitten eines Waldgebietes. Außer der 43-Jährigen mit ihrem Lebensgefährte Hans-Jürgen und den drei gemeinsamen Kindern wohnen noch zwei weitere Familien auf dem Gut. Zweimal im Jahr ist Gemeindeversammlung. Statt in förmlichen Sitzungssälen wird hier ganz gemütlich am großen Esstisch diskutiert. Über Straßen, Wege oder Beleuchtung. Die Liste ist überschaubar. "So viel steht bei uns gar nicht auf dem Zettel", sagt Heidi Lemmerbrock, "wir haben ja keine Schulen oder sonstwas, worüber man entscheiden müsste." Im letzten Jahr wurde eine der Spurbahnen - einzige Verbindung zum Gut - erneuert. Seitdem könne man auch wieder nach Hause fahren, ohne dass einem die Radkappen abfallen, scherzt einer der Einwohner. Zu Streitigkeiten kommt es unter den neun stimmberechtigten Gemeindemitgliedern eher selten. "Bis jetzt waren wir uns immer alle einig", so die Bürgermeisterin.

Überhaupt lässt sich die Stimmung bei der Wohnzimmer-Wahl mit keiner Ratsversammlung vergleichen. Es wird übers Wetter gequatscht, die neuesten Nachrichten ausgetauscht und auch ein bisschen Klatsch und Tratsch aus den Nachbargemeinden an den Mann gebracht. Bevor es um die Formalitäten geht, gibt es erstmal ein Stück Torte. Die lässt sich auch Jörg Tietgen vom Amt Kellinghusen nicht entgehen, der für den offiziellen Teil der konstituierenden Sitzung zuständig ist. Zwei Leute fehlen, aber für die nötige Zweidrittel-Mehrheit reicht es trotzdem. "Eine davon ist meine Mutter, die interessiert sich dafür eh nicht mehr so", verrät Heidi Lemmerbrock.

Bei sieben Anwesenden und rund sechs zu besetzenden Ämtern plus Stellvertretern muss jeder mal ran. Drücken gilt nicht. "Hans-Jürgen willst du nicht auch mal was übernehmen?" "Ich war letztes Mal schon, jetzt kann auch mal jemand anderes." "Ach Mensch, viel zu machen brauchst du gar nicht." Nach einigem Hin und Her sind außer der einstimmig gewählten neuen (alten) Bürgermeisterin auch alle anderen Posten besetzt. Überraschungen gibt es keine, und die Urkunden kann Jörg Tietgen sofort verteilen. "Die hab ich ja fast alle schon vorgedruckt", verrät er. Man kennt sich eben.

So richtig heiß auf Politik scheint von den Gewählten keiner zu sein, aber das ist eben der Preis für das idyllische Gemeindeleben. Nur Heidi Lemmerbrock strahlt. Vor fast vierzehn Jahren übernahm die promovierte Agrarwissenschaftlerin das Amt von ihrem Vater und zog mit ihrer Familie auf den Hof. "Am Anfang war ich gar nicht so begeistert davon, aber jetzt hab ich da richtig Lust zu", sagt sie.

"Man hat auch Einblicke in überregionale politische Dinge, das macht einfach Spaß." Das schönste für sie sei jedoch das Wir-Gefühl. "Alles, was Wiedenborstel ist, sind auch wir. Das ist eins zu eins Identifikation mit der Gemeinde." Durch den Betrieb - überwiegend Forstwirtschaft und Bullenmast - seien die Grenzen zudem oft fließend. "Letztes Jahr haben wir hier über eine Biogas-Anlage diskutiert, das geht dann natürlich auch die Gemeinde was an."

In ihrer Freizeit spielt die Mutter von drei Kindern gerne Tennis oder geht auf die Jagd. "Ich bin keine Trophäenjägerin, aber wir müssen unseren Hof eben verteidigen", sagt sie. Vor hungrigen Wildtieren zum Beispiel, denn die fressen gerne mal die Maisfelder kahl. Das Leben auf dem Land prägt. Eigenbrödlerisch - wie in der überregionalen Presse oft dargestellt - seien die Wiedenborsteler aber nicht. "Ich bin gerne unter Menschen, vielleicht auch weil wir hier so ein bisschen abgeschottet sind." Besuch aus den Nachbardörfern sei deshalb jederzeit willkommen. "Wir haben hier immer ein offenes Haus."

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