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Stiftung St. Jürgen : Für Brandschutz war kein Geld mehr da

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Festgestellte Brandschutzmängel „bedrohen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Leben und Gesundheit der Gebäudenutzer“. Trotzdem wurden sie nicht behoben – weil kein Geld mehr da war.

Trotz der pekuniären Probleme werden dem Vorstand der St.-Jürgen-Stiftung nicht die Finanzen zum Verhängnis. Im Sommer eskalierte die Situation, als die Bauaufsicht der Stadt eine „Nutzungsuntersagung“ aussprich. Nicht wegen Pflegemängeln oder schlechtem Essen mussten die 36 Bewohner quasi über Nacht in neue Heime verlegt werden. Der Brandschutz bricht der Einrichtung das Genick.

Bereits im August und Oktober 2011 hatte es in St. Jürgen eine Brandverhütungsschau gegeben. Knapp 20 Seiten umfasst der Mängelbericht. „Unverzüglich“, „sofort“, lauten einige Anweisungen, andere sind mit konkreten Terminen versehen.

 Der Stiftungsvorstand beauftragt einen Sachverständigen mit der Erstellung eines Brandschutznachweises. Der wird Ende Dezember 2012 vorgelegt und listet alle erforderlichen Maßnahmen auf. Ein Oldesloer Architekt wird anschließend mit einer Schätzung beauftragt, was die Umsetzung des Brandschutzkonzepts wohl kosten könne. Der Planer legt im April 2013 Zahlen vor: 386  000 Euro. Verbunden mit der Warnung, dass mit Kostenerhöhungen gerechnet werden müsse – technische Zustände, Erkundungen und Erkenntnisse könnten ausschlaggebend sein.

 Den Vorstandsmitgliedern ist klar, eine so hohe Summe kann angesichts der Finanzprobleme nicht auch noch aufgebracht werden. Aus den Unterlagen ist nicht ersichtlich, dass ernsthaft an einer Lösung gearbeitet wurde. Eine Kostenschätzung. Mehr nicht. Keine Suche nach günstigeren Möglichkeiten, keine Überlegungen, die Auflagen schrittweise zu erfüllen. Stattdessen reift ein anderer Plan.

 Nach der Kommunalwahl 2013 ändert sich die Zusammensetzung des Stiftungsvorstands. Der alte Vorstand findet, die Zeit für „seriöse und verantwortungsvolle Entscheidungen“ sei zu kurz und gibt seinen Nachfolgern einige Empfehlungen mit auf den Weg. Einer der Tipps lautet „Verkauf von Teil-Immobilien oder der gesamten Einrichtung“. Von einer Auflösung der Stiftung wird wegen der „immensen Zusatzkosten im Personalbereich“ abgeraten.

 Das Thema Verkauf wird im November 2013 angebahnt. Es findet ein erstes Gespräch zwischen einem Berater der Stiftung und dem Pflegeheim Riedel statt. Im Februar des Folgejahres kann Vorstandsvorsitzender Rainer Fehrmann seinen Kollegen berichten: „Die Pflegeheim Riedel GmbH wäre bereit, das Alten- und Wohnheim im Sinne der Stiftung St. Jürgen Hospital weiterzuführen.“ Für Riedel käme aber nur ein Kauf in Frage, keine Pacht. Um den Stiftungszweck zu sichern, könnten St. Jürgen einige Appartements überlassen werden.

 Auf der selben Sitzung macht Horst Möller den Vorschlag, einen Bauantrag für die Umsetzung der Brandschutzmaßnahmen zu stellen. „Hiermit würde der Vorstand gegenüber der Unteren Bauaufsichtsbehörde/Brandschutz seine Bereitschaft zur Umsetzung der aufgezeigten Maßnahmen zeigen. Ferner wäre der Vorstand auch ein Stück aus der Haftung raus.“ Mandy Treetzen gibt zu bedenken, dass schon bei einem Bauantrag mit Kosten von 5  000 bis 10  000 Euro zu rechnen sei. Egal, das wird beschlossen. Am 11. September werden die Unterlagen bei der Bauaufsicht eingereicht.

 Dem Vorstand ist deutlich gesagt worden, wie gefährlich die Situation ist. In einer Vorlage für die Sitzung am 23. September steht: „Die festgestellten Mängel bedrohen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Leben und Gesundheit der Gebäudenutzer ... Die Stiftung St. Jürgen Hospital verfügte im letzten Jahr und auch jetzt noch nicht über die entsprechenden liquiden Mittel, so dass über die weitere Entwicklung des Alten- und Pflegeheims beraten werden muss.“

 Die Verkaufsabsichten werden weiter vorangetrieben. Verhandelt wird aber nur mit Riedel. Nach Ansicht des Vorstands kann nur so sicher gestellt werden, dass die „Oldesloer Werte“ beibehalten werden.

 Im November 2015 verkündet Vorstands-Vorsitzender Rainer Fehrmann über die Verhandlungen mit Riedel: „Wir sind über den Berg.“ Auch der kniffligste Punkt, die Altersversorgung des Personals, da geht es um 1,4 Millionen Euro, soll vertraglich geregelt gewesen sein. Die Übergabe wurde für das erste Quartal 2016 angepeilt. Mitbewerber kritisieren die Eingleisigkeit des Vorstands und Finanzexperten bemängeln, dass bei einer derartigen Fokussierung doch nicht der optimale Preis erzielt werden könne.

 Im März rächt sich dieses Vorgehen. Angeblich kurz vor dem Notartermin sagt Riedel alles ab, der Verkauf ist geplatzt, der Vorstand steht vor einem Scherbenhaufen. Zu den Gründen werden keine Angaben gemacht.

 Im Juni zieht sich dann die Schlinge zu. Wegen der Verkaufsverhandlungen hatte der Brandschutz der Kreisverwaltung stillgehalten. Damit ist Schluss und als dann auch noch ein anonymes Schreiben eingeht, findet eine erneute Brandschau statt. Die Stadt muss darauf reagieren – es wird eine Nutzungsuntersagung ausgesprochen. Bis 18. Juli muss das Heim geräumt sein. Alle 40 Mitarbeiter erhalten die Kündigung, für 36 Heimbewohner müssen auf die Schnelle neue Plätze gefunden werden. Damit ist das Schicksal besiegelt.

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23-2176993_Bad Oldesloe_Andreas_Olbertz_Redakteur.JPG von
erstellt am 17.Dez.2016 | 08:00 Uhr

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