Fruchtbare Böden und fette Schweine

Weite Flächen und stattliche Bauernhäuser: Große Höfe prägen auch heute noch das Bild der Wilstermarsch. Foto: SH:Z
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Weite Flächen und stattliche Bauernhäuser: Große Höfe prägen auch heute noch das Bild der Wilstermarsch. Foto: SH:Z

Von mühsamer Besiedlung bis zu blühendem Wohlstand: Glückstädter Historiker referiert über Geschichte der holsteinischen Elbmarschen

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19. Oktober 2012, 08:14 Uhr

Kreis Steinburg | "Die Bauern der Krempermarsch erschienen mir persönlich ähnlich fern wie die Amazonas-Ureinwohner", begann Historiker Dr. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt seinen Vortrag. Das sei im Jahr 1974 gewesen, als der gebürtige Elmshorner nach Krempe zog. Das bäuerliche Denken sei ihm damals gänzlich fremd gewesen, ganz im Gegensatz zu heute.

Denn gemäß der Weisheit "Grabe, wo du stehst" begann der Wissenschaftler, der mittlerweile in Glückstadt wohnt und dort Vorsitzender der Detlefsen-Gesellschaft ist, die Geschichte seiner Umgebung zu erforschen. Einige Kostproben seiner Ergebnisse präsentierte der Experte in dem Referat "Die holsteinischen Elbmarschen als besondere Kulturlandschaft", das er auf Einladung des Heimatverbands Steinburg im Prinzeßhof hielt.

Im Schnelldurchgang berichtete er über Land und Leute des Gebiets an der Unterelbe zwischen Wilstermarsch und Haseldorfer Marsch, angefangen bei der ersten Besiedlung im zwölften und 13. Jahrhundert bis hin zum Ersten Weltkrieg. Mit seiner humorvollen, lockeren Art brachte der Glückstädter dabei die Zuhörer immer wieder zum Schmunzeln, etwa wenn er spekulierte, was die Knechte und Mägde der Marschenbauern trieben, wenn sie ihr Dienstherr unbeaufsichtigt ließ.

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen standen jedoch harte Fakten, basierend auf Urkunden oder etwa den Anschreibebüchern, in denen die peniblen Landwirte stets sämtliche Einnahmen und Ausgaben verzeichneten.

Abgesehen von einigen Wirtschaftskrisen, sei es den Bauern in den holsteinischen Elbmarschen immer relativ gut gegangen, vor allem in der Kaiserzeit. Damals hätten sie ihre fetten Schweine in weite Teile des übrigen Deutschlands verkauft.

Den Wohlstand führte Lorenzen-Schmidt zurück auf den äußerst fruchtbaren Boden. Während in der benachbarten Geest nur etwa das vierfache der Aussaat geerntet werde, brächten die Ernten auf dem Schwemmland der Marsch etwa zwölf- bis siebzehnfache Erträge. Das war wohl auch der Grund, warum kirchliche und weltliche Machthaber im zwölften und 13. Jahrhundert begannen, die Elbmarschen nutzbar zu machen. "Sie versprachen sich davon eine Erhöhung ihrer Einnahmen", erklärte der Wissenschaftler. Sonst hätten sie wohl kaum die hohen Kosten für Eindeichung und Entwässerung investiert.

Lorenzen-Schmidt widersprach der weit verbreiteten Überzeugung, die ersten Siedler seien überwiegend Niederländer gewesen. Die Quellen sagten etwas anderes: "Der Anteil tatsächlich hier eingewanderter Holländer dürfte sich eher gering halten." Eine große Einwanderungswelle aus den Niederlanden habe es allerdings im 16. Jahrhundert gegeben. Die Immigranten ließen sich besonders in der Wilstermarsch nieder und brachten die Milchwirtschaft mit.

Vom zunehmenden Wohlstand der Bauern zeugen ansehnliche Höfe, die im Laufe der Zeit entstanden und sich an bürgerlichen Vorbildern orientierten. Lorenzen-Schmidt spickte seinen Vortrag mit einigen Fotos von dekorativen Fassaden aus Neuenbrook und gefliesten und sogar tapezierten Stuben aus Beidenfleth. "Die Bauern bildeten ein relativ starkes Standesbewusstsein aus", so der Historiker.

Am Hochpunkt dieser Entwicklung, Anfang des 20. Jahrhunderts, beendete der Referent seinen Vortrag: "Über die Zeit nach 1918 will ich jetzt mal vorsichtshalber schweigen", sagte er, "denn ich hätte nie geglaubt, dass man in den Elbmarschen einmal Böden stilllegen würde." Ein "freier Fall" der Landwirtschaft habe eingesetzt.

Der 64-jährige Heimatkundler kündigte an, im nächsten Jahr in den Ruhestand zu gehen. Dann wolle er sich Zeit nehmen, um die Geschichte der holsteinischen Elbmarschen zu Papier zu bringen.

Den nächsten Vortrag bietet der Heimatverband Steinburg am 14. November, 19.30 Uhr wieder im Prinzeßhof an. Dann wird Peter Widderich aus Glückstadt Einblicke in Leben und Werk des Malers Karl Leipold geben.

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