Freie Liebe soll Schulstandort retten

Ließen sich Eiermänner schmecken: Anke Strackerjan und Stefan Hennings.
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Ließen sich Eiermänner schmecken: Anke Strackerjan und Stefan Hennings.

Höhepunkt beim Gildefest: Kremper schicken ihren alten König in die Wüste / Nach drei Einkehren begann die regierungslose Zeit

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02. Juli 2013, 03:59 Uhr

Krempe | Das traditionelle Königsfrühstück im historischen Rathaus bildete gestern den Auftakt für den Höhepunkt der Kremper Gildefeierlichkeiten. Als scheidende Majestät "Günther der Schneidige" hielt Günther Skawinski zum letzten Male Hof. Ältermann Wolfgang Dörner nutzte die Gelegenheit, um vor dem Hintergrund der Diskussion um den Begriff Heimat noch einmal die Bedeutung von Tradition und Brauchtum herauszustellen. "Diese Begriffe dürfen niemals aus unserem Wortschatz verschwinden." Ansonsten zeigte er sich optimistisch, dass den Krempern wieder ein "großes fröhliches Fest gelingen wird".

Dörner hatte eine ganze Reihe von Ehrengästen begrüßt, die zum Teil durch besondere Aktivitäten und Äußerungen auffielen. So gelten bei der Gilde alle diejenigen als geradezu nackt, die nicht mit der obligatorischen Rose am Revers erscheinen. Das Risiko wollten zwei Feuerwehrleute aus Borsfleth trotz Uniform nicht eingehen. Bevor sie im Rathaus verschwanden, stiebitzten sie noch schnell aus einem nahen Vorgarten rote Blüten. "Ich habe auch 50 Cent hingelegt", versichert einer der Ertappten. Anke Strackerjan von der Glückstädter Schützengilde beeilte sich hingegen, die geographischen Verhältnisse wieder geradezurücken. Glückstadt könne mitnichten in Kremperhaven umgetauft werden, betonte sie und wies dabei auf eine klare Ansage eines dänischen Königs hin, den die Kremper offensichtlich missachtet hatten. Auf die aktuelle Situation um die bevorstehende Schließung der örtlichen Gemeinschaftsschule spielte Ex-Kreispräsident Hans-Friedrich Tiemann an. Seine Anregung: Die Kremper sollten verstärkt die Zeit der "freien Liebe" nutzen. Diese begann gestern mit der Entthronisierung des alten Königs. Auf Geheiß der Schaffer musste er - so die offizielle Bezeichnung - sein Gehänge, sprich: die Amtskette, abgeben. Bis zum Abend hätten die Kremper dann freie Bahn für die Zukunftssicherung des Schulstandorts gehabt. Für Schwung könnten dabei auch die insgesamt drei Einkehren gesorgt haben. Die Gilde war am Vormittag zu Gast beim Bürgermeister, beim Ältermann und beim Gildehauptmann. In einem Fall hatte überraschenderweise sogar das sonst eher knausrige Amt die Bewirtung sichergestellt. Amtsvorsteher Harm Früchtenicht verbuchte die Ausgaben als Wirtschaftsförderung.

Ansonsten taten die Teilnehmer des Gildefestes wohl gut daran, vorsorglich einige Tage Urlaub einzuplanen. Nach dem Portwein beim Königsfrühstück flossen Erdbeerbowle und Kremper Bittern in Strömen. Ob dabei die Gastgeschenke überlebt haben, bleibt fraglich. Die Glückstädter überreichten Hochprozentiges, die Wilsteraner gleich drei Flaschen - und rückten damit sogar ihre eigene Wegzehrung raus. Aus Oelixdorf gab es eine Wurst. Die feierliche Übergabe der Zitronen an die Fahnenschwenker durfte in diesem Jahr Silke Bonke-Möller übernehmen. Sie hatte ihren Ehemann Thomas, der nach 30 Jahren die Fahne an den Nagel hängt, zum Königsfrühstück begleiten dürfen. "Das hat sie auch verdient. Immer hat sie seine Wäsche gewaschen und ihn auch gut gefüttert", begründete Ältermann Dörner die wichtige Personalentscheidung. Mit wenigen Minuten Verspätung versammelte sich die Gilde dann geschlossen auf dem Marktplatz. Angesichts der Ferienzeit hatten sich erstaunlich viele Schaulustige eingefunden. Die Fahnenschwenker boten in bewährter Manier Kostproben ihres Könnens. Höhepunkt: der Zitronenwurf. Dabei wird der Fahne eine gelbe Frucht hinterhergeworfen. Diese muss dann noch im Fallen mit dem schnell gezogenen Säbel zerteilt werden - während man mit der anderen Hand die Fahne wieder einfängt. "Die ist abgeprallt", begründete ein Fahnenschwenker spontan, warum ihm das Kunststück diesmal nicht gelungen war. Am Abend gab es dann einen weiteren Versuch - diesmal vor den neuen Majestäten. Heute tobt sich die Gilde noch beim Gildeball aus. Und am Donnerstag wird dann ganz traditionell wieder abgerechnet.

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