Bargteheide : Flüchtlingspaten setzen Zeichen

Hedi Sarhanova, Lehrerin für russische Sprache und Literatur, ist aus Tschetschenien geflohen. Rainer Wagner ist einer von zahlreichen Flüchtlingspaten, die sich in Bargteheide um Integration kümmern.
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Hedi Sarhanova, Lehrerin für russische Sprache und Literatur, ist aus Tschetschenien geflohen. Rainer Wagner ist einer von zahlreichen Flüchtlingspaten, die sich in Bargteheide um Integration kümmern.

In Bargteheide werden derzeit 103 Flüchtlinge betreut, 50 weitere werden in diesem Jahr noch erwartet.

shz.de von
28. Mai 2015, 11:04 Uhr

So sieht Willkommenskultur in Bargteheide aus: Während der Einwohnerversammlung zum Thema Flüchtlinge ist kein falscher Zungenschlag zu hören, ein gutes Miteinander kommt zum Ausdruck. Über 100 Menschen informieren sich im Ganztagszentrum über den Stand der Dinge. „Zurzeit leben 103 Flüchtlinge bei uns. Wir rechnen mit einem weiteren Anstieg von etwa 50 in diesem Jahr“, sagt Bürgermeister Dr. Henning Görtz.

Das wichtigste Problem sei jetzt die Wohnungssuche, appelliert Görtz an potenzielle Vermieter. „Wir möchten die Unterkünfte möglichst dezentral gestalten und suchen deshalb dringend weiteren Wohnraum.“ 48 Wohnungen hat die Stadt bisher angemietet und 13 Mobilheime wurden bereits ange-schafft.

Ein Viertel der Flüchtlinge sind Kinder. Sie lernen die Sprache schnell und können zunächst oft für die Älteren dolmetschen. Aber auch die sind hochmotiviert, Deutsch zu lernen. Denn gleich nach der Wohnung ist die Sprache das Zweitwichtigste.

Nach einem halben Jahr hat auch Hedi Sarhanova die deutsche Sprache erstaunlich gut gelernt. Die 24-jährige Lehrerin ist aus Tschetschenien geflohen. Das Zusammenleben in der Unterkunft sei wegen der unterschiedlichen Herkunft nicht immer einfach: „Mit meiner Mutter lebe ich unter Menschen aus vier Kulturen und mit vier verschiedenen Sprachen in einem Haus.“ Doch sie ist auch ein Beispiel für eine rasch gelingende Integration.

Rainer Wagner ist mit Leib und Seele Flüchtlingspate geworden. „Man lernt unheimlich viel von ihnen, und ich bekomme sehr viel zurück“, sagt der ehemalige Polizist. Er betreut zwei junge Frauen, die aus dem Iran geflohen sind, mit ihnen kam auch ein sechsjähriger Sohn. „Meine beiden Mädels nennen mich Vater“, sagt er sichtlich gerührt.

Wagner warnt aus Lebenserfahrung vor Schubladen-Denken und Vorurteilen gegenüber dem Fremden: „Ich habe total tätowierte Menschen erlebt, das waren aber Pfundskerle.“ Und das Gegenteil davon habe er auch kennengelernt, geschniegelt und in Schlips und Kragen.

Viele Flüchtlinge sind auch zur Einwohnerversammlung gekommen. Es wird viel Verbundenheit sichtbar, die in den vergangenen Monaten gewachsen ist. Ein Kreis von inzwischen über 100 Paten und Helfern kümmert sich um sie. Die Volkshochschule hat allein zehn Sprachkurse mit ehrenamtlichen Dozenten organisiert. Das Unterrichtsmaterial wird von der Stiftung für Bargteheide finanziert. Es gibt Nähstube, Fahrradwerkstatt, Teestuben und vieles mehr. Die elf Frauen der Nähstube präsentieren ihre Arbeiten an einem Stand beim Stadtfest.

Der Turn- und Sportverein gewährt befristet kostenlose Mitgliedschaften, die Kinder dürfen die Saison ins Frei-bad. Da die meisten nicht schwimmen können, wird Schwimmunterricht vorbereitet. „Das Freibad öffnet am 19. Juni“, teilt Bürgermeister Görtz mit. „Eine große Gemeinschaft ist entstanden“, sagt Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Abel, „wir jetzt haben über 100 Personen im Verteiler.“

Tim Künstler vom DRK, Betreuer in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Neumünster sagt, Bargteheide sei vorbildlich mit seinem Engagement.

„Viele Flüchtlinge sind gut ausgebildete Facharbeiter oder Akademiker“, betont ein Teilnehmer. Das bestätigt auch Tim Künstler: „Sie wollen arbeiten und selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.“ In der voll belegten Erstaufname-Unterkunft in Neumünster seien die Bewohner zum Warten verdammt. Dort verbringen die Flüchtlinge ihre ersten drei Wochen in Schleswig-Holstein. „Arbeiten dürfen sie nicht, Angebote gibt es inzwischen nur noch für Kinder und Jugendliche, sagt Künstler.“ Vor allem Syrer demonstrierten deshalb regelmäßig vor der Unterkunft: „Sie wollen viel lieber endlich arbeiten, anstatt dem Staat auf der Tasche zu liegen und Sozialhilfe zu beziehen.“






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