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Ziegelei in Groß Weeden : Flüchtlinge: Größte Disco in SH wird zur Erstaufnahme

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Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Wo bisher gefeiert wurde, sollen bald 1500 Menschen wohnen. Der kleine Ort Groß Weeden fühlt sich überrumpelt.

Groß Weeden | Jetzt  geht es Schlag auf Schlag. Nachdem erst vor acht Tagen die Erstaufnahmestelle in Itzehoe auf 950 Plätze erweitert wurde, plant das Innenministerium nun in Groß Weeden (Kreis Herzogtum Lauenburg) eine weitere Erstaufnahme. Die Bürgermeister der Gemeinden Rondeshagen und Sierksrade reagierten überrascht und schockiert, als sie erfuhren, dass das Land Schleswig-Holstein auf dem Gelände der nach eigenen Angaben „größten Diskothek Norddeutschlands“, der „Nacht-Arena Ziegelei“, eine Flüchtlingsunterkunft errichten will. Bisher feierten bis zu 4000 Menschen auf den 4000 Quadratmetern.

Rondeshagens Bürgermeister Andreas Albrecht und seine Amtskollegin aus Sierksrade, Iris Runge, hatten am Montagnachmittag von den Planungen erfahren. Sie waren von der Stabsstelle der Landespolizei zu einem Gespräch im Orsteil Groß Weeden eingeladen worden. Frank Hase, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Berkenthin: „Wir haben uns in den letzten Wochen und Monaten sehr gut auf die Entwicklungen eingestellt und nicht auf Containerdörfer, sondern auf dezentrale Unterkünfte gesetzt. Jetzt ergibt sich eine völlig neue Situation mit ganz anderen Anforderungen an die Unterbringung und Betreuung.“

Zeitnah sollen auf dem Areal der Ziegelei 200 Container aufgestellt werden, in die bereits bis Ende November 800 Menschen einziehen sollen. Eine weitere Aufstocken der Kapazitäten auf dann 1500 Flüchtlinge soll durch einen zweiten Abschnitt Wohncontainer ermöglicht werden. Das Zentralgebäude der Diskothek solle als Wirtschaftsgebäude für die Versorgung und Betreuung der Flüchtlinge dienen.

Bislang sind in Schleswig-Holstein rund 12.000 Flüchtlinge in zwölf Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht.

Dort erhalten diese für die ersten sechs Monate ein Dach über den Kopf, bevor sie nach einer Quote auf die Städte und Gemeinden verteilt werden. Mit Blick auf die Wintermonate sollen jetzt weitere Kapazitäten für rund 20.000 Menschen geschaffen werden. Auf den ersten Blick eine Mammutaufgabe für das nur 60 Einwohner zählende Groß Weeden im Kreis Herzogtum Lauenburg.

„Mit der Einrichtung einer weiteren Erstaufnahme folgen wir dem Ziel, die Zahl der Erstaufnahmeplätze bis zum Jahresende auf 25000 zu erhöhen“, sagte Innen-Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler. Die Aufstockung sei notwendig, um ankommenden Flüchtlingen (am Montag 340, im Oktober bisher 5800) eine humanitäre Unterbringung und ein geregeltes Aufnahmeverfahren zu ermöglichen. „Der Zugang an Asylsuchenden ist unverändert hoch. Die Menschen brauchen ein festes Dach über dem Kopf“, sagte Söller-Winkler. Zeltlösungen sollten nach Möglichkeit vermieden werden.

Obwohl das Ministerium beteuert, man suche den Dialog vor Ort, scheinen die Verantwortlichen in der Gemeinde, im Amt Berkenthin und im Kreis von der Entscheidung überrascht zu sein. Selbst der Discobesitzer ist verwundert: „Es gibt Verhandlungen, aber entschieden ist noch nichts“, sagte er unserer Zeitung.

„Wir suchen so kurz nach dem Termin noch nach den richtigen Worten“, sagte Rondeshagens Bürgermeister Albrecht. Auch wenn die Einrichtung vom Land betrieben wird, sieht er mit Sorge ganz neue Herausforderungen auf die Region zukommen, auf die man nicht vorbereitet sei. Sierksrades Bürgermeisterin Iris Runge weist daraufhin, dass es keine Blaupausen für einen solchen Schritt gebe und man allenfalls auf Erfahrungswerte aus anderen Einrichtungen wie in Wentorf b. Hamburg, Boostedt und weiteren Kommunen in Schleswig-Holstein setzen könnte, mit denen man sich daher jetzt kurzfristig beschäftigen werde. Albrecht und Runge wollen umgehend zu einer Einwohnerversammlung laden.

Die beiden Gemeinden, das Amt Berkenthin und der Kreis Herzogtum Lauenburg haben große Bedenken gegen das Landesvorhaben: Fraglich sei die Sicherstellung der Betreuung in einer solchen Einrichtung mit haupt- und ehrenamtlichen Kräften, aber auch technische Voraussetzungen wie die Ver- und Entsorgungseinrichtungen, der Brandschutz, ganz zu schweigen von der ärztlichen Versorgung und vielen anderen Rahmenbedingungen bereiten den Verantwortlichen Sorgen.

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erstellt am 21.Okt.2015 | 07:19 Uhr

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