Bad Oldesloe : „Flögel-Jahre“ in Stormarn

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Stadt- und Kreisarchiv im Zeichen des Naturforschers und Universalgelehrten: Bilder und Dokumente restauriert

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24. Januar 2018, 16:22 Uhr

Heute vor 100 Jahren starb Johann Heinrich Ludwig Flögel in Ahrensburg. Dass man den Namen des Naturforschers und Universalgelehrten heute wieder kennt, liegt an Hannelore und Jürgen Plage, die in den 1970er Jahren das Haus in der Waldstraße gekauft hatten, das Flögel 1892 bauen ließ. Dass die Aufnahmen, die Plages in einem feuchten Karton im Keller fanden, eine wissenschaftliche Sensation dokumentierten, ahnten sie nicht.

Sie hängten die Fotos unter Glas im Haus auf. Ein Artikel im sh:z-Wochenend-Journal ließ Jürgen Plage 2012 aufhorchen. Wilson Bentley habe 1885 als erster Schneeflocken unter dem Mikroskop fotografiert, hieß es dort. Solche Fotos gab es aber auch von Dr. Flögel, und die waren mehrere Jahre vorher aufgenommen worden.

Als klar war, wie wertvoll die Bilder und Dokumente sind, übergaben die Plages sie 2013 dem Stadtarchiv. Die 16 Aufnahmen wurden mit 3500 Euro aus dem Programm zum Erhalt von schriftlichem Kulturgut restauriert. Nun liegen auch Zeichnungen, Texte und Skizzen von Flögel in restaurierter und digitaler Form vor. Das Museum Bergedorf hatte den Nachlass Flögels 2008 dem Kreisarchiv Stormarn überlassen, weil Flögel ab 1849 im Amt Reinbek tätig war. Schon damals machte er Aufzeichnungen – über Sonnenauf und -untergänge, die erste Schreibmaschine in Reinbek oder das schwere Hagelwetter 1852 in Glinde. „Er hat sich für alles interessiert. Es gibt nichts, was Flögel nicht gemacht hat“, sagt Bernd Reher. Der ehrenamtliche Mitarbeiter im Stadtarchiv und im Historischen Arbeitskreis hat eine Biografie über den Universalgelehrten geschrieben, der von 1892 bis 1918 in Ahrensburg wohnte.

Astronomie, Mechanik, Wetter und Insektenkunde – Flögel befasste sich mit allen naturwissenschaftlichen Themen, selbst mit so skurrilen Themen wie „Merkwürdige Arten Briefe zuzumachen“. Sein Aufsatz „Monographie der Johannisbeeren-Blattlaus“ wurde preisgekrönt.

Flögel gehörte wissenschaftlichen Vereinigungen im In- und Ausland an. Er wurde von der Universität Kiel zum Ehrendoktor ernannt. Die
Royal Microscopical Society London machte ihn zum Ehrenmitglied, weil er den „Mikroskopierkasten“ erfunden hatte. Und er dürfte mit seinen Schnitten von Insektengehirnen darüber hinaus ein Pionier der Gehirnforschung sein.

Rund 1000 Blätter hat Gudrun Kühl restauriert. „Das war schon eine Aufgabe“, sagt die 33-Jährige, die in ihrem Hamburger Atelier die Blätter reinigte, Fehlstellen ergänzte und Risse schloss, bevor die Blätter eingescant wurden. Das Interesse ist groß, besonders an Flögels Schneeflocken, die bereits in der Bundeskunsthalle, in der Schweiz und bei Klimagipfeln gezeigt wurden. Für Mai bereitet das Stadtarchiv Ahrensburg eine Ausstellung über Flögel vor. „Sinn eines Archivs ist ja nicht das Horten von Material, sondern das Zur-Verfügung-stellen“, sagt Leiterin Dr. Angela Behrens, „wenn wir kein Geld bekommen hätten, würden die Dinge in den Regalen vollstauben.“

Das Land förderte nicht nur die Restaurierung von Flögels Nachlass, sondern auch von Kreistagsprotokollen oder Grundbüchern. 59 von 147 Projekten, die das Land seit 2013 förderte, wurden aus Stormarn angemeldet. 320 000 von 1,47 Millionen flossen hierhin. Deshalb war auch Susanne Bieler-Seelhoff aus dem Bildungsministerium nach Bad Oldesloe gekommen. Sie wünschte sich, dass mehr Kreise so aktiv wie Stormarn sind, um möglichst viele Unikate für die Nachwelt zu sichern.

Das Lob gab Landrat Henning Görtz gleich an Stefan Watzlawzik weiter, den Leiter des Kreisarchivs. Der bemüht sich nicht nur selbst um Sponsoren und Fördergelder, sondern hilft den haupt- und ehrenamtlichen Gemeindearchivaren, auch die nicht immer einfachen Anträge korrekt auszufüllen.

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