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Prozess nach tödlichem Unfall : Fahrlässigkeit oder Vorsatz?

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Unfalltod eines Motorradfahrers in Dwerkaten auch nach anderthalb Jahren noch nicht gesühnt. Die Verhandlung musste vertagt werden, weil ein Zeuge nicht erschienen war.

Ein Moment der Unachtsamkeit eines Autofahrers hat einem Motorradfahrer das Leben gekostet. Ein 50-Jähriger aus Großhansdorf war mit seiner Harley-Davidson in Dwerkaten Richtung Schönberg unterwegs, als ein 45-jähriger Trittauer mit seinem Geländewagen die Vorfahrt nahm. Der Großhansdorfer bremste ab, stürzte und prallte mit dem Kopf gegen den Lada.

Im Amtsgericht Ahrensburg muss sich jetzt Michael C. (Name geändert) wegen fahrlässiger Tötung verantworten. „Die sehr tief stehende Sonne hat mich geblendet“, sagt der der Industrieelektroniker aus: „Ich habe den Motorradfahrer erst bemerkt, als er fünf bis sechs Meter von mir entfernt war.“
Das Unglück geschah gegen 18 Uhr am 12. August 2012. „Ich war Richtung Grönwohld unterwegs und habe sowohl an der Haltelinie wie am Stoppschild angehalten“, so der Angeklagte. Von links habe er eine Lücke im Verkehr auf der Vorfahrtstraße gesehen, von rechts nichts entdeckt. „Ich war mir sicher, dass dort nichts kommt.“ Wegen der Sonne habe er aber nicht ganz sicher sein können, räumt er ein.

Möglicherweise hätte der Harley-Fahrer noch zum Stehen kommen können, wenn er das innerörtliche Tempolimit eingehalten hätte, sagt der Dekra-Sachverständige: „Nach meinen Berechnungen war er bei Bremsbeginn mit 61 Stundenkilometern unterwegs.“ Außerdem habe er das Hinterrad zu stark abgebremst, so dass das Motorrad zur Seite wegrutschte. Ansonsten sei er vorschriftsgemäß mit Licht gefahren, denn: „Der Schalter am Lenker stand auf Fernlicht.“

Ein zufällig vorbeikommender Arzt hatte die Erstversorgung übernommen. „Die Atmung setzte schon aus, als der Rettungswagen kam“, sagte er aus.

„Wir müssen den Grad der Fahrlässigkeit nachweisen“, sagt Richter Paul Holtkamp. Die Abgrenzung zwischen grober Fahrlässigkeit oder bedingtem Vorsatz sei problematisch. In jedem Fall liege hier ein Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht vor. Der Anwalt der Nebenklage sieht es drastischer: „Der Angeklagte fuhr los, obwohl er nichts sehen konnte. Damit hat er den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen.“

Der Richter hätte die Verhandlung gern abgeschlossen, aber ein geladener Zeuge war nicht erschienen, auf dessen Aussage der Verteidiger bestand: „Das ist wichtig für meinen Mandanten.“ Der habe keineswegs leichtfertig gehandelt, leide unter den Folgen des Unfalls und habe sich deshalb in psychologischer Behandlung befunden. Straf- oder verkehrsrechtlich hat Michael C. keine Vorstrafen.

Für die Angehörigen ist die Unterbrechung der Verhandlung schwer zu ertragen. Sie warten seit anderthalb Jahren auf eine Gerichtsentscheidung, um aus ihrer Trauer zu kommen. Dass der Angeklagte sich im Gerichtssaal bei der Witwe entschuldigt hat, sei viel zu spät geschehen. „Nach anderthalb Jahren ist das nicht mehr nötig“, sagte die Witwe.


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