„Es tut uns sehr leid“

Freispruch für den angeblichen Tippgeber und Bewährungsstrafen für zwei junge afghanische Männer

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27. Juni 2018, 14:05 Uhr

Wende im Prozess gegen drei Männer afghanischer Herkunft, die angeklagt sind, im Dezember 2014 einen Handy-Shop in der Bargteheider Innenstadt maskiert und mit einer Schreckschusspistole überfallen und 54 Handys und fünf Tablets im Wert von rund 32 000 Euro geraubt zu haben. Einem der beiden Angestellten sollen sie dabei ins Gesicht geschlagen, den anderen gefesselt und in der Toilette eingesperrt haben. Mit zwei prall gefüllten Sporttaschen sollen sie dann entkommen sein.

Nachdem die angeklagten Cousins Aman R. und Milad S. ein umfangreiches Geständnis abgelegt hatten und beteuerten, dass der Mitangeklagte Jamal F. - zur Tatzeit Verkäufer im Handyshop - nicht an dem Überfall beteiligt gewesen sei, sondern ein weiterer Verkäufer (wir berichteten), kommen beim Verhör des Geschäftsführers mehrere Handy-Shops in Bargteheide, Ahrensburg, Bad Oldesloe und Volksdorf weitere Zweifel an der Mitschuld des 39-Jährigen sowie Verdachtsmomente wegen Versicherungsbetrugs gegen den Zeugen auf.

Am letzten Verhandlungstag plädiert der Staatsanwalt dann auch für einen Freispruch für Jamal F. Der Tatverdacht habe sich nicht bestätigt. Die Verdachtsmomente hätten vor allem aus der Zeugenaussage der ehemaligen Freundin von Milad S. basiert, sie habe den Nachnamen des angeblichen Tippgebers und „Maulwurfs“ aus den Erzählungen des Angeklagten gehört, jedoch in einer anderen Aussprache und wisse nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang.

Auch die Verdachtsmomente des Geschäftsführers, Jamal F. habe eine Videokamera deinstalliert und sich am Tattag auffällig oft nach der Abholung des im Shop befindlichen Bargeldes informiert, sei beweislich nicht untermauert.

Der Staatsanwalt rechnet mit einem gesonderten Verfahren gegen des zweiten Verkäufer Hakan W. Für den älteren der beiden Angeklagten, Milad S., fordert er wegen schwerer räuberischer Erpressung in einem minderschweren Fall ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung. Er sieht keinerlei Beeinflussung der Tat durch Drogenkonsum oder seiner psychischen Erkrankung. Strafmildernd sei, genau wie bei seinem Cousin, das umfassende Geständnis. Für Amal R. – zur Tatzeit erst 19 Jahre alt – fordert die Staatsanwaltschaft zwei Jahre auf Bewährung nach Jugendstrafrecht. Die Anwälte der beiden jungen afghanischen Männer stimmen dem im Wesentlichen zu und betonen, dass es sich bei dem Schlag gegen Hakan W. nicht um Körperverletzung handele, da dieser wahrscheinlich ein Mittäter sei und der Angriff daher sicherlich nur fingiert. Auch die Höhe des Schadens durch den Raub zweifeln sie an und schenken der Zeugenaussage des Geschäftsführers keinerlei Glauben.

„Für meinen Mandanten war es ein Martyrium. Er ist das einzige Opfer der Tat und befindet sich noch heute in therapeutischer Behandlung“, schließt der Anwalt von Jamal F. ab.

Vor der Urteilsverkündung erheben sich beide Cousins und entschuldigen sich nochmals offiziell bei Jamal F: „Es tut uns sehr leid.“ Die vorsitzende Richterin Helga von Lukovicz verliest es nach einer halben Stunde Unterbrechung und spricht wie erwartet Jamal F. frei. Wegen schwerer räuberischer Erpressung – jedoch in einem minderschweren Fall – verurteilt sie den älteren Milad S. zu einem Jahr und zehn Monaten, den jüngeren Aman R. zu einem Jahr und sechs Monaten Jugendstrafe. Beide Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt. Die Täter müssen zudem jeweils 100 Sozialstunden leisten.

„Für die Beteiligung von Hakan W. spricht einiges“, betont von Lukovicz. Vielleicht habe dieser sogar einige Geräte im Vorwege beiseite geschafft. Sie gehe daher von einer Schadenssumme von 18 000 Euro aus. Einig sei man sich sicherlich auch darüber, dass der Geschäftsführer „ein schlechter Zeuge“ gewesen sei. Sie gehe davon aus, dass der Faustschlag einvernehmlich geschehen sei.

Am Ende kann nicht nur der zu unrecht Beschuldigte aufatmen, auch den beiden Tätern scheint eine Last von den Schultern genommen. „Egal welches Urteil, aber ich hätte nicht damit leben können, dass ein Unschuldiger verurteilt wird“, sagen beide wie aus einem Munde.

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