Ahrensburg : „Es bleibt ein ungutes Bauchgefühl“

Justizia soll Recht sprechen und nicht soziale Aufgaben übernehmen.
Justizia soll Recht sprechen und nicht soziale Aufgaben übernehmen.

Angeklagter begeht im zwar Zustand der Schuldunfähigkeit mehrere Diebstähle, für eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik reicht das aber nicht.

shz.de von
09. März 2018, 06:00 Uhr

Eine Dose Eistee, ein paar Pizzen und eine Packung Blättchen für Zigaretten. Das war die magere Ausbeute eines 34-jährigen Ahrensburgers an gleich vier Tagen hintereinander im September vergangenen Jahres. „Ich hatte kein Geld und es war mein gutes Recht, mir Lebensmittel zu besorgen“, sagt Lorenz M. im Lübecker Gerichtssaal. Eigentlich ein minderschweres Delikt, hätte er nicht an allen Tattagen ein Messer sichtbar bei sich geführt und an einer Tankstelle in der Bahnhofstraße einer Mitarbeiterin, die ihm am Diebstahl hindern wollte, einen Faustschlag versetzt.

Nach weiteren Diebstählen in einem Supermarkt in der Bahnhofstraße riefen die Mitarbeiter schließlich die Polizei, die ihn auf frischer Tat ertappte und festnahm. Aufgrund seines psychischen Zustands wurde er zuerst in die JVA, schließlich aber in die Psychiatrie in Neustadt eingewiesen. Deshalb erscheint er am Verhandlungstag auch in Handschellen und in Begleitung von zwei Betreuern. Richterin Helga von Lukowicz erlaubt dass, die Handschellen abgenommen werden.

Der Angeklagte wirkt gepflegt, drückt sich mit gewählten Worten aus. Seine seelische Störung ist ihm auf den ersten Blick nicht anzumerken. Erst durch die Befragung der vorsitzenden Richterin wird nach und nach deutlich, dass er unter Wahnvorstellungen leidet. Warum er denn ein Messer bei sich geführt habe, will die Richterin wissen. Er habe sich seit vielen Jahren bedroht gefühlt, verfolgt und ausspioniert, habe ständig unter Stress gestanden. Er habe eigentlich darauf geachtet, die Messer für keinen sichtbar bei sich zu führen. Warum ihm dies an den beiden Tankstellen und im Supermarkt nicht gelungen sei, wisse er nicht. Alle Zeugen berichten übereinstimmend, dass er sich seelenruhig Getränke und Lebensmittel aus den Regalen gegriffen und damit einfach aus dem Laden spaziert sei. Auch als er auf seinen Diebstahl angesprochen wurde, sei er sich keiner Schuld bewusst gewesen. „Ich dachte nicht, dass ich abgehalten werde“, meint er.


Keiner Schuld bewusst


Die Überwachungskamera einer Tankstelle überführt den Ahrensburger auch als Täter für einen nächtlichen Besuch, bei dem er mit einem Hammer die Glasscheibe einschlägt. Leider sei seine Erinnerung lückenhaft, räumt Lorenz M. ein. Er sei „irgendwie wütend“ geworden. Er sei hochsensibel, würde dauernd verfolgt, habe deshalb die Messer bei sich getragen. Auch sei er sicher, dass jemand ihm Erreger in die Lebensmittel injiziert hätte, um ihn krank zu machen. Sein Zustand habe ihn daran gehindert, nach einem festen Job zu suchen.

„Man wird so extrem wütend, wenn man permanent belästigt wird“, betont der Angeklagte. Sein Unterbewusstsein habe ihn bei den Taten wohl gesagt, dass er sich zur Wehr setzen müsse. Ihm sei es ganz egal gewesen, ob ihn jemand bei dem Diebstahl gesehen habe. Außerdem brauche er ja nicht zu bezahlen, weil ihm sowieso alles gehöre.

Die Gutachterin Dr. Christine Heisterkamp bescheinigt dem Angeklagten massive wahnhafte Vorstellungen, Größenwahn, eine Ich-Störung und eine eingeschränkte Körperwahrnehmung. Er sei weder vergiftet worden, noch habe er - so wie von ihm geschildert – einen Schlaganfall erlitten. Eindeutig sieht die Gutachterin eine paranoide Schizophrenie, die der Angeklagte durchaus verstand, hinter einer Fassade zu verstecken. Er sei schon länger nicht mehr in der Lage gewesen, sich selbst zu versorgen. Ihm fehle jedoch die Einsicht, dass er psychisch krank sei. In Neustadt habe er jegliche Medikamentierung abgelehnt.  Sie bezeichnet den Angeklagten als „eine Gefahr für die Allgemeinheit“. Eine positive Prognose kann sie nicht stellen. Im Gegenteil: Es bestehe die Gefahr, dass er in Freiheit weitere Taten begehe. „Wir haben es mit einem gereizten, impulsiven, schwer kranken Mann  zu tun, der an einer seelischen Störung leidet.“ Auf Nachfrage der Richterin kann sie nicht mit Sicherheit voraussagen, ob er wieder ein Messer einsetzen würde. Das könne niemand vorhersagen. Aber Dr. Heisterkamp  betont: „Ich möchte ihm nicht begegnen, wenn er mit dem Messer in der Hand herumläuft und gereizt ist.“

Staatsanwalt Felix Schwetzko sieht „eine Wahrscheinlichkeit höheren Grades“, dass der Angeklagte aufgrund seiner seelischen Erkrankung ein Messer einsetzen könnte und plädiert für eine Unterbringung in der Psychiatrie.  Verteidigerin Kirsten Ellerbrock-Roß sieht klar die Schuldunfähigkeit, schlägt eine Entlassung vor, stellt sich aber die Frage, wie es mit dem Angeklagten weitergehen soll. „Es bleibt ein ungutes Bauchgefühl“, sagt sie. 


„Bisschen beunruhigt“


Am Ende entscheidet sich das Richtergremium gegen eine weitere psychiatrische Unterbringung. „Es besteht keine Wahrscheinlichkeit höheren Grades für Straftaten, durch die Opfer seelisch oder körperlich erheblich geschädigt werden", so Helga von Lukowicz in ihrer Urteilsbegründung. Eine psychiatrische Unterbringung ist nur unter strengen Richtlinien möglich und sei hier nach Paragraph 63 des Strafgesetzbuches nicht anzuwenden. Erst wenn absolute Sicherheit bestehe, könne eine Unterbringung angeordnet werden. Der Angeklagte habe nur einen Faustschlag ohne gravierende Folgen, jedoch nicht sein Messer eingesetzt. Das reiche nicht.  Ob er das Messer irgendwann benutze, bliebe Spekulation. Sicher seien alle Beteiligten „ein bisschen beunruhigt“, aber das Gericht könne leider keine sozialen Aufgaben übernehmen, Wenn man erst einmal per Gesetz in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen sei, käme man da so schnell nicht heraus, betonte von Lukowicz in der Urteilsbegründung und ermahnte den Angeklagten, sich helfen zu lassen: „Sie müssen voraussichtlich Medikamente nehmen, sonst passiert vielleicht doch mal etwas.“ Noch im Gerichtssaal versucht die Verteidigerin fieberhaft, eine Lösung für ihren Mandanten zu finden: Wo kann er wohnen, wer betreut ihn, wie geht es weiter?

 
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