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Nach Leichenfund in Havighorst : Erschossener Nachtportier: Zwölf Jahre Haft für den Angeklagten

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Ein 47-Jähriger hat seinen Ex-Schwager getötet. Das Urteil wurde emotional aufgenommen. Eine Chronologie der Ereignisse.

shz.de von
erstellt am 14.07.2015 | 07:00 Uhr

Lübeck | Wegen der tödlichen Schüsse auf einen Nachtportier hat das Landgericht Lübeck einen 47 Jahre alten Mann am Dienstag zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Richter waren überzeugt, dass der Angeklagte seinen ehemaligen Schwager im Streit um ein illegales Geschäft getötet hat, wie der Kammervorsitzende Christian Singelmann am Dienstag sagte. Der Angeklagte reagierte mit Überraschung, die Nebenkläger mit Unverständnis auf das Urteil. Die Verteidigung kündigte Revision an.

Nervosität und Anspannung waren dem Angeklagten kurz vor der Urteilsverkündung deutlich anzumerken. Als er den Schuldspruch vernahm, blickte er ungläubig in den Raum, immer wieder schüttelte er den Kopf. Der Angeklagte hatte die Tat bis zum Schluss bestritten. Sein Verteidiger hatte Freispruch gefordert. 

Das Gericht folgte jedoch im Wesentlichen dem Antrag von Staatsanwalt Nils-Broder Greve, der auf lebenslange Haft wegen Mordes plädiert hatte. Verteidiger Stefan Tripmaker kündigte kurz nach der Urteilsverkündung Revision an. Er begründete das mit der aus seiner Sicht einseitigen Beweiswürdigung des Gerichts.

Der wie sein Opfer aus Afghanistan stammende Angeklagte soll sich nach Überzeugung des Gerichts mit seinem Opfer - einem 29 Jahre alten Familienvater - in der Nacht zum 5. März 2014 auf einem einsamen Feldweg in Oststeinbek im Kreis Stormarn verabredet haben. Der 29-Jährige hatte als Nachtportier in einem Hotel in Hamburg-Wandsbek gearbeitet. Bei dem Treffen sei es vermutlich um ein illegales Geschäft und hohe Geldsummen gegangen, sagte Singelmann. Gegen Mitternacht habe der Angeklagte dann eine Pistole gezogen und sein Gegenüber mit vier gezielten Schüssen getötet. Zwischen dem Angeklagten und dem 29-Jährigen bestanden Familienbande. Der Ältere war bis 2013 mit einer Schwester der Ehefrau des Jüngeren verheiratet.

„Wir gehen davon aus, dass es vor der eigentlichen Tat noch ein Streitgespräch gegeben hat, so dass das Opfer nicht mehr arglos war, als die Schüsse fielen“, sagte Singelmann. Deshalb sei das Mordmerkmal der Heimtücke nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen, so dass der Angeklagte nicht wegen Mordes zu verurteilen war, sagte er. An der Schuld des Angeklagten hegte das Gericht jedoch keinen Zweifel. Dafür sprächen im Wesentlichen die Aussagen von zwei Zeugen, denen er die Tat gestanden haben soll. „Diese Aussagen decken sich im Wesentlichen mit dem Tathergang, der durch die Gerichtsmedizin, die Spurensicherung und die Auswertung von Handydaten belegt ist“, sagte der Vorsitzende.  Aus den Handydaten beider Männer ging unter anderem hervor, dass sie in der Stunde vor der Tat mehrmals miteinander telefoniert und sich dann beide auf den späteren Tatort zubewegt hatten. Kurz nach der Tat soll der Angeklagte außerdem einem Cousin gegenüber gesagt haben, dass er jemanden getötet und sein Auto mit Benzin angezündet habe.

„Der ehrlose Penner kam ohne Geld. Ich habe ihn in den Kopf geschossen“, soll er dem Zeugen gesagt haben. Tatsächlich wurde das Opfer mit drei Kopfschüssen getötet, sein Auto wurde ausgebrannt in der Nähe des Tatortes gefunden. 

Am Ende der Sitzung kam es im Gerichtssaal zu emotionalen Szenen.„Dieser Mann hat uns alle umgebracht“, rief eine Angehörige des Opfers. Aus dem Zuschauerraum stürzte eine Tochter des Angeklagten schluchzend auf ihren Vater zu, der immer wieder rief: „Es ist alles nicht wahr.“ 

shz.de blickt auf die Ereignisse zurück.

4. März 2015: Die Tat

Auf diesem Feldweg in Havighorst (Kreis Stormarn) wurde eine männliche Leiche gefunden.
Auf diesem Feldweg in Havighorst (Kreis Stormarn) wurde eine männliche Leiche gefunden. Foto: Peter Wüst

Der heute 47-Jährige lockt seinen Schwager Massoud A. laut Staatsanwaltschaft aus Hamburg unter einem Vorwand nach Oststeinbek. Auf einem Feldweg an der Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein soll er mehrmals auf das Opfer geschossen haben. Am Morgen des 5. März finden Spaziergänger die Leiche in Havighorst.

Spaziergänger finden Leiche am Feldweg

14. März: Erste Ermittlungserfolge

Der Wagen des Opfers wurde in der Nähe des Leichenfundortes abgestellt.
Der Wagen des Opfers wurde in der Nähe des Leichenfundortes abgestellt. Foto: Polizei
 

Vieles deutet darauf hin, dass der Mann regelrecht hingerichtet wurde. Polizeisprecher Stefan Muhtz: „Die Obduktion hat ergeben, dass das Opfer durch mehrere Pistolenschüsse getötet wurde.“ Bei der Spurensuche wird ein dunkler BMW der 1er-Serie entdeckt, der auf den Namen des Getöteten zugelassen ist. „Offenbar wurde versucht, den Wagen in Brand zu setzen. Der Innenraum weist starke Brandspuren auf. Außen ist der Wagen unbeschädigt“, sagt Muhtz.

29-Jähriger mit mehreren Schüssen getötet

Das Mordopfer hinterlässt eine 30-jährige Ehefrau und zwei Kinder im Alter von sechs und zehn Jahren. Muhtz: „Die Familie ist polizeilich nicht in Erscheinung getreten.“ Der junge Familienvater arbeitete seit etwa vier Jahren als Portier im Hotel „Marienthal“ in Hamburg-Wandsbek, war für den Spätdienst an der Rezeption zuständig.

15. März 2015: Die Festnahme

Zehn Tage nach dem Fund der männlichen Leiche in Havighorst nimmt die Polizei den Schwager des Opfers fest. Bei den Ermittlungen im familiären Umfeld des Toten überprüfte die Polizei auch den 47-Jährigen, der jedoch für die Tatzeit ein Alibi hatte. Am 14. März meldete sich jedoch ein Zeuge bei der Lübecker Mordkommission. Seine Aussagen ließen das Alibi zusammenbrechen.

Toter in Havighorst – SEK nimmt Mann fest

7. November 2014: Der Prozess beginnt

 

Gleich zu Beginn des Prozesses am Lübecker Landgericht weist der Angeklagte die Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der Angeklagte mit seinem Opfer im südöstlichen Hamburger Stadtteil Lohbrügge getroffen hat. Von dort seien sie dann mit dem Auto des Opfers ins wenige Kilometer entfernte Oststeinbek gefahren, wo der Täter dann den Mann mit mehreren Schüssen heimtückisch getötet habe, sagt Staatsanwalt Möller. Das Auto wurde am nächsten Morgen in der Nähe des Toten entdeckt. Der Innenraum war stark verrußt. „Das Tatmotiv ist bislang völlig unklar, wir vermuten es im familiären Bereich“, so Möller.

Erschossener Nachtportier: Angeklagter weist Vorwürfe zurück

1. Juni 2015: Die Forderung der Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft und zwei der drei Nebenklagevertreter fordern eine lebenslang Haftstrafe für den Angeklagten.

Erschossener Nachtportier: Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft

12. Juni 2015: Verteidiger fordert Freispruch

Die Verteidigung hat stattdessen Freispruch gefordert. Die Hauptverhandlung habe keinerlei Beweise dafür erbracht, dass der Angeklagte seinen Ex-Schwager getötet habe, sagte der Anwalt in seinem Plädoyer vor dem Lübecker Landgericht. Die Indizienkette von Staatsanwaltschaft und Nebenklage sei lückenhaft und stütze sich hauptsächlich auf die Aussagen von zwei wenig glaubwürdigen Zeugen, sagte er. Aus Termingründen wurde das Plädoyer der Verteidigung unterbrochen. Sein zweiter Verteidiger sollte am 24. Juni zu Wort kommen.

24. Juni 2015: Angeklagter entzieht Verteidiger das Mandat

Mit einem Eklat begann der 24. Verhandlungstag. Der Angeklagte entzog seinem Wahlverteidiger das Mandat. Über die Gründe wurde am Mittwoch zunächst nichts bekannt. Eigentlich hatte der Verteidiger das Plädoyer der Verteidigung fortsetzen wollen. Sein Pflichtverteidiger hatte bereits am 23. Verhandlungstag Freispruch gefordert.

6. Juli 2015: Plädoyer wird fortgesetzt

Nach der Entlassung des Wahlverteidigers durch den Angeklagten setzte die Verteidigung ihr Plädoyer fort. Wie schon im ersten Teil des Schlussvortrags forderte der Anwalt, seinen Mandanten vom Vorwurf des Mordes freizusprechen. Es gebe keine Beweise für dessen Täterschaft, sagte er.

 
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