zur Navigation springen
Stormarner Tageblatt

21. Juli 2017 | 20:37 Uhr

„Er wusste zu viel, er sah zu viel“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Gedenkveranstaltung für Hamburger Kabarettisten und Maler Heino Jaeger in Oldesloer Friedhofskapelle

Vier Menschen waren es, die Heino Jaeger nach seinem Tod in einer Oldesloer Pflegeeinrichtung das letzte Geleit gaben. Diese vier saßen damals in der Friedhofskapelle als ein Künstler zu Grabe getragen wurde, der als ein frühes Genie der deutschen Kabarett- und Comedyszene gilt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jaeger allerdings bereits zehn Jahre lang in der Pflegeeinrichtung gelebt und war vorher zur Behandlung seiner psychischen Krankheiten längere Zeit in Bargfeld-Stegen gewesen.

Sein Freund und Wegbegleiter Joska Pintschovius erinnerte nun gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde und der Kulturabteilung der Stadt in der Friedhofskappelle an ihn. Mehr als zehn Mal so viele Personen im Vergleich zu Jaegers Beerdigung fanden sich ein. Zu den Bewunderern von Heino Jaeger zählt auch der Hamburger Künstler Rocko Schamoni, der mit von der Partie war. Er las vor den rund 60 Besuchern aus dem literarischen Werk Jaegers. „Heino Jaeger hat sich ja in Fachsprachen eingearbeitet, sie aber auch erweitert, eigene Begriffe erfunden. Und mancher Experte war dann erstaunt, dass er einen Fachbegriff offenbar nicht kannte“, so Schamoni. „Jaeger hat eine Sprache aufgezeigt, die es so wohl nur in Deutschland gibt. Er hat das durchschaut und gespiegelt“, so Schamoni weiter.

„Von der einen auf die andere Minute schlüpfte Heino in eine andere Rolle. Plötzlich saß er dir gegenüber und sprach mit dir in der Rolle eines Verlegers, der dein Werk ganz kritisch auseinander nimmt. Du hattest dann das Gefühl, dass er diese andere Person wirklich war“, erzählte Pintschovius. „Er hat alles in sich aufgesogen und konnte es beliebig wieder abrufen. Irgendwann gehen dann die Filter kaputt und du bekommst das nicht mehr auseinander. Er wusste zu viel, er sah zu viel. Das hat ihn dann, ja man muss es so sagen, verrückt werden lassen – irgendwie“, glaubt Pintschovius.

Bei der Gedenkfeier gab es neben Lesungen und Musikbeiträgen natürlich viel Humorvolles. Doch neben Liedern und Anekdoten von Begegnungen gab es auch die durch den Jaeger-Experten Christian Breuer vorgetragene Sorge, dass das grafische und malerische Werk Jaegers noch nicht katalogisiert sei und das dringend passieren müsse. „Im Bereich der Tonträgeraufnahmen ist uns das zum Glück gut gelungen. In dem Sektor läuft es nach einer Neuveröffentlichung – die mir nach langer Überzeugungsarbeit gelungen ist – sogar richtig gut. Da hat sich auch die Aufmerksamkeit erhöht. Er wird mehr gewürdigt“, so Breuer. „Manches zeigt auch langfristige Wirkung. Auf meinen Jaeger-Artikel in der Titanic wurde ich auch Jahre später noch angesprochen, weil Menschen so auf ihn aufmerksam wurden“, so Breuer weiter.

Die Besucher der Gedenkfeier zeigten sich beeindruckt von der spannenden Feierstunde im „Jaeger-Stil“. Viele gingen noch zum Abschluss an das Grab des Künstlers auf dem Oldesloer Friedhof.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen