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Bargteheide : Eltern: „JÜL“ darf nicht sterben!

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das jahrgangsübergreifende Lernen könnte bald Geschichte sein. Die Schulkonferenz hat das letzte Wort.

shz.de von
erstellt am 29.Nov.2015 | 20:20 Uhr

Es klingt wie eine Utopie: Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die gemeinsam lernen, jedes für sich und doch als eine Klasse. An der Johannes-Gutenberg-Schule (JGS) in Bargteheide gab es bis zum Sommer dieses Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens, kurz JÜL. Nun steht es auf der Kippe.

Seit Beginn des neuen Schuljahrs werden nur die Jahrgänge 1 und 2 sowie die Jahrgänge 3 und 4 zusammen unterrichtet. Mitte Oktober kam für viele Eltern die überraschende Meldung, das JÜL aus organisatorischen Gründen nicht mehr gewährleistet werden könne. Bei der Schulkonferenz Anfang Dezember steht JÜL auf der Tagesordnung. Viele Eltern befürchten, dass JÜL gekippt wird.

Jörg Peters, Schulleiter der JGS: „Ich halte viel von JÜL. Aber es lässt sich künftig personell nicht mehr umsetzen.“ Er habe sich „wirklich bemüht“, das Konzept weiter anbieten zu können, aber auch „intensive Gespräche mit dem Schulamt“ und die Suche nach Lehrkräften an anderen Schulen blieben erfolglos. Peters findet das „bedauerlich“. Die endgültige Entscheidung, ob JÜL fortgesetzt wird oder nicht, fällt die Schulkonferenz.

Die JGS hat bereits eine Meinungsumfrage unter den JÜL-Eltern gemacht, wie der Übergang von JÜL- zu Regelklassen am besten vonstatten gehen könne. „Einige Eltern haben einen Brief geschrieben, dass JÜL erhalten bleiben soll“, sagt Martin Philipps, der in Hamburg in einer alters- und leistungsheterogenen Klasse unterrichtet und dessen Tochter Samira im Sommer in eine JÜL-Klasse eingeschult wurde.

Zurzeit gibt es vier JÜL-Klassen mit je rund 25 Schülern. Damit sind fast ein Fünftel aller Schüler der JGS in jahrgangsübergreifenden Klassen. Für sie würde sich mit dem Aus von JÜL alles ändern. „JÜL ist auf Nachwuchs angewiesen“, sagt Philipps. „Die Gruppen der einzelnen Klassenstufen sollten gleich groß sein.“

Es gibt Fächer, in denen alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Wobei der Teil des frontalen Unterrichts gering ausfällt. Die Schüler sind für ihre Lernfortschritte selbst verantwortlich. Natürlich geben die Lehrkräfte Hilfestellungen und setzen Lernziele. Doch bietet JÜL mehr Freiheiten, mehr Individualität als Unterricht im starren Ein-Alter-Klassenverband. „Individuelles Lernen ist der größte Vorteil von JÜL“, sagt Philipps. „Die Schüler lernen ihre Stärken und Schwächen kennen, werden zu Persönlichkeiten.“

Thies hat vier Jahre in einer altersgemischten Klasse gelernt. Er sagt: „Es war gut, dass man Sachen, die man schon konnte, bei den Älteren mitmachen durfte.“ In den Pausen hätten alle zusammen gespielt, auch zu Geburtstagen hätten sich Erst- und Viertklässler gegenseitig eingeladen. Thies ist mittlerweile in der sechsten Klasse. In einer altershomogenen Lerngruppe. Er nennt als Vorteil bei JÜL: „Die Jüngeren hatten Motivation, mehr zu lernen, weil sie wie die Großen sein wollten.“ In manchen Fächern wären sogar die „Kleinen“ den älteren Schülern überlegen gewesen.

Thies’ Schwester Telsa ist in der achten Klasse. Auch sie hat ihre Grundschulzeit in einer JÜL-Klasse verbracht. „JÜL ist entspannt, weil jeder in seinem eigenen Tempo lernen kann“, sagt die 13-Jährige. „Wir durften entscheiden, was und mit wem wir lernen wollten.“ Nun sei alles „strukturierter“, wobei es drei Stunden pro Woche gebe, in denen die Schüler selbstständig arbeiten dürften. Das hat eine Lehrkraft der weiterführenden Schule vom JÜL-Konzept kopiert. Doch nicht nur die Wissensaneignung scheint bei JÜL gut zu funktionieren. Vor allem soziales Miteinander, respektvollen und toleranten Umgang lernen JÜL-Schüler. Ganz nebenbei.



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