Einmalige Studie: Was nützt die Bücherei ?

Wirkungsanalyse: Mareike Ohms (16) füllt einen der ersten Fragebögen von Maren Messerschmidt (li. 23) und Maike Naskowski. Foto: Olbertz
Wirkungsanalyse: Mareike Ohms (16) füllt einen der ersten Fragebögen von Maren Messerschmidt (li. 23) und Maike Naskowski. Foto: Olbertz

Studentinnen erarbeiten eine Wirkungsanalyse der Stadtbücherei. Das gab es bislang nur in Berlin.

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03. Juni 2009, 09:46 Uhr

Bad Oldesloe | Die beiden jungen Frauen strahlen. Sie lachen viel. Freundlich sprechen sie eine Büchereibesucherin an, ob sie ein paar Minuten Zeit habe, einen Fragebogen auszufüllen - nein, kein Verkaufs gespräch, keine simple Umfrage, sondern eine wissenschaftliche Studie. In den nächsten drei Wochen sind Maren Messerschmidt und Maike Naskowski regelmäßig in der Bibliothek.

Die beiden Studentinnen von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) arbeiten an einem neuartigen Forschungsprojekt. "Wertmessung und Wirkungsforschung in der Stadtbibliothek Bad Oldesloe" lautet der Titel ihrer Studie. Klingt erst mal nicht sonderlich spannend, ist bislang in Deutschland auch ziemlich einmalig und bedeutet vereinfacht aus gedrückt nichts anderes als: "Wenn wir einen Euro in die Bücherei investieren, was kommt dann eigentlich dabei raus?"

Ermittelt wird das mit einem vierseitigen Fragebogen. Wie oft kommt jemand in die Bücherei, welchen Stellenwert haben die Besuche für ihn. Wie viel Geld müsste der Einzelne ausgeben, um seinen Medienbedarf zu decken, welchen Wert misst er der Büchereikarte bei. Und viele weitere Fragen.

Das ganze zielt auf eine rein materielle Analyse. Der volkswirtschaftliche Nutzen oder die soziale Wirkung von Bibliotheken bleiben unberücksichtigt. Mit Absicht, wie Professor Ute Krauß-Leichert erläutert: "Das wäre viel zu aufwändig für zwei Studentinnen. Dies hier ist erst ein Anfang, ein erster Aufschlag. Das kann dann fortgeführt werden."

Büchereileiter Jens A. Geißler freut sich: "Das ist ein sehr interessantes Thema. Wir sind erst die zweite Bibliothek in Deutschland, an der das gemacht wird." Für ihn ist klar: "Eine Bibliothek rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus." Er ist der festen Überzeugung, dass das im Rahmen des Projekts wissenschaftlich belegt werden wird. Aber eine Schätzung, was am Ende für jeden Euro rauskommt, wollte er dann doch lieber nicht abgeben. Geißler verspricht sich von der Untersuchung zudem Erkenntnisse, die über den wirtschaftlichen Rahmen hinaus gehen. "Es ist für uns spannend zu sehen, was bei der Umfrage rauskommt. Was denken die Leute eigentlich über uns?", sagt er.

Im angelsächsischen Sprachraum seien derartige Untersuchungen schon länger gang und gäbe. "Deutschland hinkt im Bibliotheksbereich etwas hinterher", hat Maren Messerschmidt festgestellt: "Die Wichtigkeit der Forschung ist aber anerkannt und sie wird auch verstärkt gefordert werden." Das könnte für Büchereileiter Geißler bedeuten, dass es zukünftig ein weiteres Kriterium gibt, an dem seine Arbeit gemessen werden wird: der "return on investment". Dessen ist sich der Diplom Bibliothekar bewusst, trotzdem bleibt er gelassen: "Im Moment wird das Ergebnis noch sehr individuell sein. Aber wenn es viele Untersuchungen gibt, bekommt man einen Korridor, in dem wir uns bewegen müssen."

300 Büchereinutzer möchten die Studentinnen in den kommenden Wochen befragen. Das wären etwa zehn Prozent der erwachsenen Nutzer. Wenn die beiden nicht vor Ort sind, liegen die Fragebögen auf einem Tisch direkt gegenüber dem Eingang. Aber auch Nichtnutzer sollen in die Studie einbezogen werden. Nach ihnen werden die beiden Frauen auf dem Wochenmarkt forschen und sie kurz befragen.

Im Herbst sollen die Ergebnisse vorliegen.


Hochschule und Bibliothek
[] Maren Messerschmidt und Maike Maskowski streben einen Job in einer Bücherei an. Den „Diplom Bibliothekar“ gibt es nicht mehr. Sie studieren an der HAW „Bibliotheks- und Informationsmanagement“. Ihren Bachelor haben die beiden bereits. Jetzt hängen sie einen Masterstudiengang an. „Wir hatten ein Seminar Wirkungsforschung und fanden das ganz interessant“, erzählt die 24-jährige Maike Naskowski. Im Forschungssemester müssen sie ein „praxisrelevantes Projekt“ auf die Beine stellen – und da fiel die Wahl auf die Wirkungsforschung. Unter Umständen bildet dieses Projekt dann die Basis für die spätere Masterarbeit.
[] Den Kontakt zur Bücherei hat Professor Ute Krauß-Leichert vermittelt. Sie wohnt in der Kreisstadt, Jens A. Geißler kennt sie vom Studium. Wichtiger sind aber andere Argumente. „Wir brauchen eine Bibliothek, die viele statistische Daten erhebt. Das passiert in Oldesloe schon über einen längeren Zeitraum“, erklärt die Wissenschaftlerin. Die Bereitschaft der Bücherei muss da sein und die Größe stimmen. Eine Hamburger Bücherhalle wäre für die Studentinnen zu groß. Und gut erreichbar sollte die Einrichtung auch sein – da zahlt sich aus, dass Oldesloe im HVV-Netz liegt. (ol)

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