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Stormarner Tageblatt

20. August 2017 | 08:25 Uhr

Ahrensburg : Eine Institution baut ab

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Kirche in Nöten: Das Kreuz mit dem Geld und den Schäfchen. Jeder dritte Standort ist von Schließung bedroht, weil wegen sinkender Mitgliederzahlen, die Steuerzuweisungen sinken.

Als vor gut fünf Jahren nach und nach herauskam, dass ein Pastor im Hagen in den 1970er und 1980er Jahren Jungen und Mädchen sexuell missbraucht hatte, ahnte noch niemand, dass sich Ahrensburg zum größten Missbrauchsfall in der evangelischen Kirche entwickeln sollte, in dessen Verlauf auch die Bischöfin zurücktrat und gegen zwei Pröpstinnen ermittelt wurde.

Im Abschlussbericht einer externen Kommission war 2014 deutlich herausgearbeitet worden, unter welchen Strukturen und Bedingungen sich die „geschlossenen Gesellschaften“ entwickelt haben, wie der sexuelle Missbrauch „hinter der Maske des Fortschritts und der Liberalität“ geschah. Man habe sich das in den 1970er und 1980er Jahren nicht vorstellen können und nicht wahrhaben wollen. Erst Recht nicht in der evangelischen Kirche, wo es kein Zölibat gibt und man nicht so autoritär ist wie in der katholischen Kirche.

 

Mitgliederschwund hält bis heute an

1960 hatte Ahrensburg rund 21  000 Einwohner und fast alle waren Mitglieder in der christliche Kirche. In Folge der „68er“ setzte ein Mitgliederschwund ein, der bis heute anhält. Etwa 31  500 Einwohner hat Ahrensburg heute. Von denen sind aber nur noch 12  300 in der evangelischen Kirche: Gerade mal 39 Prozent.

Nur in ländlicheren Gefilden sieht es noch etwas besser aus. In Gemeinden wie Bargteheide oder Lütjensee sind es noch mehr als 40 Prozent. Im Kirchenkreis Hamburg-Ost wohnen die meisten Menschen allerdings in der Stadt, und dort ist nicht mal mehr jeder Dritte in der ev. Kirche. Weil ein Ende der Entwicklung nicht abzusehen ist und weniger Schäfchen auch weniger Einnahmen bedeuten, hat die nächste Sparrunde bereits begonnen. Jeder dritte Standort im Kirchenkreis soll in den nächsten Jahren geschlossen werden. Dabei ist es erst wenige Jahre her, dass sich Hamburg, Harburg und Stormarn zum großen Kirchenkreis Hamburg-Ost zusammenschlossen – weil man effizienter und kostengünstiger werden wollte.

In Ahrensburg haben der Missbrauchsskandal und die Schließung der Johanneskirche für zusätzliche Austritte gesorgt, die Ursachen der Entwicklung sind aber gesamtgesellschaftlicher Natur: Kirche ist nicht mehr ein quasi natürlicher Teil des Lebensalltags und sie wird weniger als moralische Instanz wahrgenommen denn als Überbleibsel für alte und überholte Vorstellungen.

 

Zwischen Einnahmen und Ausgaben klafft eine Lücke

Die „kritische Masse“ ist in der Schlossstadt bereits erreicht. 2002 schrieb die Kirchengemeinde Ahrensburg erstmals rote Zahlen. Seitdem gab es keinen Haushalt mehr ohne Defizit, selbst nicht in den Jahren von 2006 bis 2013, als es vom Kirchenkreis Sonderzuweisungen für alle Gemeinden gab.

Vor 15 Jahren kamen noch über 683  000 Euro Kirchensteuern in Ahrensburg an, in diesem Jahr sollen es 502  000 Euro sein. 675  000 Euro umfasst der Kirchenetat in diesem Jahr, zwischen Einnahmen und Ausgaben klafft eine Lücke von 77  800 Euro, 11,5 Prozent des Haushalts.

 

Gemeindeschwestern gibt es nicht mehr

Auch das Sparen in den vergangenen Jahren konnte das Abrutschen in die roten Zahlen nicht verhindern. Vor 15 Jahren wies die Kirchengemeinde noch 28,5 Vollzeitstellen aus, jetzt sind es noch 7,24. Die Kinder- und Jugendarbeit wurde geviertelt, Spielstunden und Gemeindeschwestern gibt es gar nicht mehr, selbst die Verwaltung wurde mehr als halbiert. Nur beim Friedhof (14,16 Vollzeitstellen), mit dem man Geld verdient, und bei den Kitas Schulstraße und Wulfsdorfer Weg erhöhte sich die Zahl der Mitarbeiter (von 10,5 auf 17,16 Stellen).

Ob das so bleibt ist allerdings fraglich, denn obwohl man sich aus Kostengründen auch von der Johanneskirche samt Gemeindehaus verabschiedet hatte, sind die Rücklagen fast aufgebraucht – und die Kitas so die letzte große Sparmöglichkeit.

Aus dem Grund hatte die Kirchengemeinde bei den Verhandlungen mit der Stadt über einen Erbpachtvertrag für das St. Johannes-Gemeindehaus auch über die Verwaltungskosten für die Kitas sprechen wollen. Politik und Bürgermeister fühlten sich aber erpresst – und der Erbpachtvertrag kam nicht zustande.

 

Bürgermeister zog seine Vorlage zurück

Trotzdem stehen Schulstraße und Wulfsdorfer Weg wieder auf der Tagesordnung. Sechs Prozent der pädagogischen Personalkosten werden der Kirche von der Stadt als Eigenbeteiligung in Rechnung gestellt, rund 47  000 Euro. Die Kirchengemeinde Ahrensburg stellt allerdings – anders als andere Träger – die Gebäude zur Verfügung. „Das kann als Eigenanteil gewertet werden“, schrieb Bürgermeister Michael Sarach in der Sitzungsvorlage und empfahl, eine kalkulatorische Miete als Bestandteil der Betriebskosten anzuerkennen. Beschlossen hat der Ausschuss aber nichts.

Die Politiker vermissten den Haushaltsplan der Kirche und den Wirtschaftsplan der Kitas. Und der Bürgermeister zog seine Vorlage zurück. Pastorin Ursula Wegmann, Vorsitzende des Beauftragtengremiums,− bat die Politik um eine Entscheidung spätestens im September. „Wir kämpfen darum, nicht weiter Geld zu verschenken“, so Wegmann. Wenn man auch in Zukunft für über 40  000 Euro pro Jahr zur Kasse gebeten werde, werde die Kirchengemeinde bald zahlungsunfähig sein.

 

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erstellt am 01.Sep.2015 | 06:00 Uhr

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