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Stormarner Tageblatt

23. Oktober 2017 | 01:21 Uhr

"Eine gute Bildung ist der neue Büffel"

vom

Oldesloer Ehepaar auf Wohnmobil-Rundreise durch Nordamerika / ;Von Taiga und Tepees, von den Crees (Ureinwohnern) und Legenden

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Gabriele und Wolf Leichsenring aus Bad Oldesloe sind mit einem Wohnmobil monatelang in Nordamerika unterwegs und berichten aus der Ferne. Abenteuer, Erlebnisse und Impressionen - heute Folge 3, Teil 2.

Fortsetzung:

Um in die nördlichste Kommune Radisson der Provinz Québec zu gelangen, nimmt man am besten die Route 109 "La Route de la Baie-James", d.h. 620 km auf zwar geteerter Straße, oft sehr holprig mit zum Teil tiefen Querrinnen. Das Fahrgeräusch erinnert an eine Zugfahrt auf alten, früher schlecht verschweißten Schienen. Aber nur über eine solche Trasse dringt man ein in das wirkliche "Herz der Taiga". Ortschaften gibt es entlang dieser Straßen nicht. Bei Kilometer 381 hat sich ein Motel mit Restaurant und Tankstelle etabliert, der einzigen Tankmöglichkeit auf der gesamten Strecke. Sonstige Möglichkeiten jedweder Versorgung gibt es nicht.

Wer diese Route befahren möchte, muss sich zu Beginn in der Rangerstation registrieren lassen, mit Ausweis und Passfoto, Kfz-Nummer und ungefähre Zeitangabe, wann man oben im Norden sein wird und dann natürlich auch wieder zurück im Süden. Bei der Rückkehr darf man nicht vergessen, sich wieder aus der Liste der Nordreisenden streichen zu lassen, denn sonst löst man ggf. eine Suchaktion u.a. mit Hubschraubern aus. Und das kann teuer werden!

Nottelefone

statt handys

Da es auch hier in der Wildnis keine Handynetzabdeckung gibt, sind wiederum Nottelefone am Wegesrand installiert. Die ersten 150 km sind, nicht zuletzt wegen der Holztransporte, noch relativ rege befahren. Anschließend jedoch ist man mit sich so gut wie allein. Hervorragend aufgearbeitet als "touristische" Strecke hat man diese Route seit einigen Jahren. Ein Wegeführer beschreibt detailliert, an welcher Kilometermarkierung entweder eine Informationstafel, ein SOS-Telefon aufgestellt, ein Rastplatz mit wunderschönem Ausblick oder sogar ein einfacher Übernachtungsplatz für Zelte und Wohnmobile ausgebaut sind. Übernachtungsplatz oder "Camping rustique" bedeutet, oft mit Balken abgeteilte oder einfach im Gebüsch frei geschnittene Stellplätze, Holzhausklo, Tisch-Bankkombination mit Feuerstelle. Und das alles abseits der ohnehin schon ruhigen Straße, in der Regel an einem Fluss oder See gelegen. Für Natur liebende Camper ein Hochgenuss.

Wenn da bloß nicht stets diese Mücken, Stechfliegen und andere Quälgeister wären. Bei Kälte und Regen hält sich ja alles noch in Grenzen. Aber wehe die Sonne zeigt sich. Man weiß nicht, was man sich lieber wünschen sollte. In beiden Fällen ist es mit genussvollem "Outdoor-Leben" schwierig.

Die Elchkuh und

die Moskitostiche

Trösten wir uns. Es leidet nicht nur der Mensch unter der Insektenplage. Auch die Tierwelt hat ihre Probleme mit den Myriaden von Plagegeistern. Zwei Beispiele mögen dieses Phänomen verdeutlichen. Laut Pressemitteilung nebst dazugehörigem Foto von Mitte Juni 2013 floh eine ausgewachsene Elchkuh vor den Moskitostichen in das Zentrum des Städtchens Amos am Südende der Route 109, denn bekanntermaßen sind Stadtgebiete recht insektenfrei. Und selbst die sonst so scheuen Kaninchen verlassen das schützende Unterholz und suchen baum- und strauchfreie Sandflächen, um sich dort "einzuscharren" und sogar auf die Seite zu wälzen.

Nach gut zwei Tagen ist man "oben" im Dorf Radisson angelangt. Die rund 350 Einwohner sind hauptsächlich beschäftigt bei "Hydro Québec". Diese Energiegesellschaft hat seit 1976 zehn Wasserkraftwerke in dieser Wildnis errichtet. Entlang des von Ost nach West fließenden Grand Rivière und eines seiner südlichen Nebenflüsse reihen sie sich auf wie auf einer Perlenschnur, weitere 800 km hinein in die zum Teil unwegsame Taiga. Dieser Grand Rivière erzeugt auf seinen 800 km Länge genügend Gefälle, nämlich 600 m, um all diese Kraftwerksprotze in Betrieb zu halten. Sie versorgen die gesamte Provinz Québec zu 98 Prozent mit Strom.

Zwei Wasserkraftwerke sind zur Besichtigung freigegeben. Auf Voranmeldung (möglichst 48 Stunden vorher) kann man teilnehmen an zwei je vierstündigen Besichtigungstouren mit dem Bus. Der Sicherheitsstandard ist hoch. Wiederum muss der Personalausweis vorgelegt werden. Alles wird säuberlich registriert. Jeweils zwei Sicherheitsleute begleiten die kleinen Gruppen auf den geführten Touren. Natürlich ist das Fotografieren innerhalb der Werksanlagen strikt verboten, im Außengelände sieht man das nicht so streng. Bei der einen Anlage handelt es sich um das größte unterirdische, in Felsen gehauene Wasserkraftwerk der Welt.

Kommen wir nun noch einmal zurück auf die Ureinwohner dieser Region, die Crees. Ursprünglich ein Nomadenvolk, das hauptsächlich mit den Karibuherden durch das Land zog, sind viele nunmehr doch sesshaft geworden. Aber immer noch siedeln viele Crees lieber in ihren Zelten, Tepees genannt, an Seeufern oder Flussläufen als in Häusern.

Etwa 100 km westlich von Radisson befindet sich der regionale Hauptort der Crees: Chisasibi. Der Ortsname bedeutet ebenfalls "Grande Rivière", genau wie der Fluss, an dem das rund 4000 Einwohner zählende Städtchen liegt. Eingebettet ist der Ort in ein großes Reservat, in dem die First Nation People nach eigener Gesetzgebung schalten und walten können, durch Verträge und Parlamentsabgeordnete verbunden mit Provinz- sowie Bundesregierung.

Ihre eigene ursprüngliche Sprache wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Methodistenmissionar James Evans in Schriftform gefasst. Er hat für sie eine so genannte Silbensprache erfunden. Heute, inmitten der französischsprachigen Provinz Québec, bevorzugen die Crees als zweite Amtssprache aber eher Englisch.

Natürlich haben auch die Crees eine Wandlung zur Moderne vorgenommen, oftmals "so schnell wie ein Blitz". In immer stärkerem Maß stehen sie einem zeitgemäßen Schulsystem und beruflichen Ausbildungsmaßnahmen offen gegenüber. Es geht das geflügelte Wort um: "Eine gute (Aus-) Bildung ist der neue Büffel." Dieser Spruch besagt, dass in früheren Zeiten der "Büffel" praktisch und symbolisch alles Lebensnotwendige lieferte, Nahrung, Kleidung und Schutz durch die Felle zur Herstellung von Zeltwänden. Man hat demnach erkannt, dass heute eine adäquate Bildung diese Funktionen in immer stärkerem Maße übernehmen kann.

Kalender der

sechs Jahreszeiten

Viele traditionelle Lebensformen sind jedoch erhalten geblieben, besonders bei den noch nicht völlig sesshaft gewordenen Stammesangehörigen. So teilen sie das Jahr nicht in vier, sondern in sechs Jahreszeiten ein. Die Natur mit ihren Gegebenheiten gibt dabei den Ausschlag. Elch- und Niederwildjagd im September/Oktober läuten das "Cree-Jahr" ein, gefolgt von einer quasi "Winterstarre" im November und Dezember, während derer sich lediglich um Holzvorrat und die Herstellung von Kleidung gekümmert wird.

Januar/Februar hingegen sind der Fallenjagd auf Pelztiere gewidmet, da in diesen Monaten die beste Pelzqualität erreicht werden soll. März und April dienen zum Umzug in die Sommerlager und gleichzeitig einer weiteren, dieses Mal intensiven Jagdperiode auf Elche. Im Mai und Juni beginnt die Jagd auf Wildgänse. Im Laufe der Zeit ziehen viele Crees mit samt Familien dann von einem Lagerplatz zum anderen. Bleiben noch Juli und August, die reserviert sind für Fischen, Beerenpflücken, Freizeit, Festlichkeiten. Allmählich bricht man dann wieder auf in die Gemeinschaftsgebiete.

Sonnenuntergang

am Meereshorizont

In vielfältiger Form erzählt man sich natürlich auch Cree-Legenden. Es heißt, dass solche Legenden vorzugsweise während der Wintermonate erzählt werden, Denn gemäß dem "Kalender der sechs Jahreszeiten" ist man ja fünf Perioden lang äußerst beschäftigt. Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat diese Volksgruppe noch für ihre Voraussagungen erlangt. Die auch in Europa von der Umweltbewegung der 1980er Jahre gern verwendete und wohl bekannteste lautet: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."

Man muss hinzufügen, dass der Ursprung dieser Gedanken nicht unumstritten ausschließlich den Crees zugeschrieben wird. Sei es drum, derartige Gedanken bleiben bewegend, zumal noch an einem dieser besonderen Punkte der Natur, in unserem Fall die von Sagen umwobenen Ufer der Hudson Bay. Es war sicherlich Zufall, dass wir die Nacht der Sonnenwende dort inmitten des Cree-Reservats verbringen durften. Der unbeschreiblich einzigartige Sonnenuntergang am Meereshorizont, gefolgt von einem Fast-Vollmond bei sternenklarem Himmel ließ ein Nachdenken über solche Weisheiten nicht zur Ruhe kommen. Die Nächte der Sommersonnenwende brachten auch noch einmal frostige Nachttemperaturen mit sich. Da waren dann die 35 Grad Sommertemperaturen wieder "unten im Süden" schon fast wie ein Schock.

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